Samstag, 15. August 2026

Donnerstag, 13. August 2026

Musik: The Tiger Lillies - Heroin

Willkommen im Zirkus der Verlierer, Süchtigen, Huren, Außenseiter und sonstigen Gestalten, die in der schönen, sauberen Welt lieber hinter dem Vorhang bleiben sollen.

The Tiger Lillies wurden 1989 in London von Sänger und Songwriter Martyn Jacques gegründet und sind musikalisch kaum vernünftig in eine Schublade zu bekommen. Dark Cabaret, Punk, Chanson, Varieté und die morbide Atmosphäre des Berliner Kabaretts der Zwischenkriegszeit treffen auf Jacques' grotesken Falsettgesang und sein Akkordeon. Die Band selbst nennt diese ziemlich einmalige Mischung gerne „Death Oompah“.

Und verdammt – „Heroin“ hat es mir angetan.

Der Song erschien 2017 auf Cold Night in Soho, einem sehr persönlichen Album, auf dem Jacques zurückblickt auf seine Zeit im Londoner Soho der 1980er Jahre. Damals wohnte er tatsächlich über einem Bordell und erlebte ein Viertel voller Prostituierter, Drogensüchtiger, Sexshops und schräger Existenzen – lange bevor das Londoner Zentrum zunehmend sauber und kommerziell wurde.

„Heroin“ klingt dabei zunächst beinahe wie ein makabres kleines Zirkuslied. Doch hinter dem eingängigen Refrain steckt eine ziemlich garstige Abrechnung.

Jacques nimmt den Mythos des selbstzerstörerischen Künstlers aufs Korn: Wer berühmt sein will, braucht gefälligst Drogen, eine kaputte Kindheit, Skandale, prominente Bekanntschaften, einen Aufenthalt in der Entzugsklinik und am besten irgendwann noch den spektakulären frühen Tod.

Natürlich ist das keine Gebrauchsanweisung. Es ist bitterböse Satire auf eine Kultur, die ihre Künstler gerne leiden sieht und deren Absturz anschließend auch noch zur Legende verklärt.

Genau darin sind The Tiger Lillies Meister. Sie singen über Dinge, bei denen man eigentlich nicht lachen sollte – und präsentieren sie mit einer derartigen Mischung aus schwarzem Humor, Tragik und Zynismus, dass einem das Lachen gelegentlich im Hals stecken bleibt.

Vielleicht gefällt mir „Heroin“ gerade deshalb so gut: Musikalisch könnte es aus einem heruntergekommenen Wanderzirkus stammen – textlich hält es unserer Faszination für kaputte Menschen den Spiegel vor.

Schön, hässlich und herrlich geschmacklos.

Willkommen in der Kathedrale.

🎪 The Tiger Lillies – Heroin
Album: Cold Night in Soho (2017)

Montag, 10. August 2026

Musik: The Limit - Sidetracked


🎸 The Limit – Sidetracked

Ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln darf in der Kathedrale natürlich auch nicht fehlen.

Hinter The Limit steckt eine ziemlich herrliche Zusammenkunft alter Underground-Haudegen. Am Mikrofon steht ausgerechnet Bobby Liebling von Pentagram, eine der großen Kultfiguren des amerikanischen Doom und Heavy Rock. An seiner Seite steht mit Sonny Vincent von den Testors ein Veteran der ursprünglichen New Yorker Punk-Szene der späten 70er Jahre.

Und genau diese beiden Welten krachen bei „Sidetracked“ wunderbar aufeinander.

Der Song stammt vom 2026 erschienenen Album Another Drop und lässt sich irgendwo zwischen Proto-Punk, Garage Rock und dreckigem 70er-Heavy-Rock einordnen. Statt auf Hochglanzproduktion setzt The Limit auf Direktheit, Wiederholung und vor allem Attitüde. Das Ganze rumpelt, treibt und rotzt sich nach vorne, als hätte jemand alten Stooges-Platten noch eine ordentliche Portion schweren Rock untergemischt.

Besonders spannend ist dabei Bobby Liebling. Der Pentagram-Sänger hatte schon länger den Wunsch, einmal eine Platte mit ausgeprägter Punk-Attitüde aufzunehmen – und fand in Sonny Vincent offenbar genau den richtigen Komplizen dafür. Die beiden kannten sich vorher kaum und kamen erst über einen gemeinsamen Bekannten miteinander in Kontakt.

Auch die Vergangenheit von The Limit hat ordentlich Punkgeschichte im Gepäck: Auf dem Debüt Caveman Logic spielte mit Jimmy Recca sogar ein ehemaliger Bassist der Stooges mit.

Das Schöne daran: Hier versuchen keine jungen Musiker krampfhaft, nach 1977 zu klingen. Diese Kerle waren tatsächlich dabei.

„Sidetracked“ klingt deshalb nicht nach nostalgischer Retro-Übung, sondern nach ein paar alten Haudegen, die noch einmal den Verstärker aufdrehen und daran erinnern, worum es bei Punk ursprünglich ging: keine Perfektion, keine große Pose – Energie, Dreck und verdammt viel Attitüde.

🤘 The Limit – Sidetracked
Album: Another Drop (2026)

Review: Cry of the Winged Serpent - 2006

0044. CRY OF THE WINGED SERPENT - 2006  - Zweitsichtung -  ofdb - Trailer 

Ein mexikanischer Priester legt sich mit einem Drogenkartell an – und weil Beten allein offenbar nicht mehr reicht, kommt ein magisches Amulett ins Spiel, mit dem sich eine geflügelte Schlangengottheit beschwören lässt. Nach einem Massaker landet das gute Stück bei Miguel, der fortan seine ganz persönliche Abrechnung mit dem Kartell beginnt. Unterstützt wird er dabei von Father Juan, während sich der abgebrühte Cop Griffin ebenfalls an die Fersen der Beteiligten heftet. Griffin schleppt derweil noch den Tod seiner Frau mit sich herum – denn selbst im Creature-Billigeimer muss irgendwo noch Platz für ein bisschen Charakterdrama sein.

Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Jim Wynorski ist eine Urgewalt der schnellen und billigen Unterhaltung, die im Laufe ihrer Karriere vermutlich schon diverse Filmseelen gebrochen hat. Der Mann lernte sein Handwerk im Umfeld von Roger Corman, und genau dessen Concorde-New-Horizons war auch an Cry of the Winged Serpent beteiligt.

Wynorski macht ordentlich Rabatz: überforderte Darsteller treffen auf abgespeckte CGI, Gangster auf aztekisch angehauchte Mythologie und eine fliegende Riesenschlange auf ein Budget, das ihr vermutlich nicht einmal eine vernünftige Haftpflichtversicherung ermöglicht hätte. Das Schöne daran: Der Film versucht gar nicht erst, seine Herkunft aus der hintersten Ecke des B-Movie-Regals zu verbergen.

Und genau hier wird es für meine kleine Abteilung Pulp Creature Cinema interessant. Denn Cry of the Winged Serpent funktioniert fast wie ein altes Groschenheft in Bewegung: magisches Amulett, Drogenkartell, rachsüchtiger Held, fliegendes Monster und ein Cop mit persönlichem Trauma. Keine Idee ist zu groß, solange sie sich irgendwie billig genug auf den Bildschirm prügeln lässt.

Ganz zufällig wirkt das übrigens nicht wie eine moderne Billigversion von Larry Cohens großartigem Q – The Winged Serpent von 1982. Schon zeitgenössische Besprechungen zogen diese Verbindung, wobei Wynorskis Film keine direkte Neuverfilmung ist.

Trivia aus dem Billigeimer: Gedreht wurde unter einem Low-Budget-Abkommen der Schauspielergewerkschaft SAG. Laut IMDb erhielten viele Darsteller gerade einmal 100 Dollar pro Drehtag. Für die bekannteren Namen sah die Rechnung etwas anders aus: Maxwell Caulfield soll für zwei Wochen 40.000 Dollar bekommen haben, Robert Beltran für lediglich einen Drehtag 10.000 Dollar. Beltran kennt man natürlich vor allem als Chakotay aus Star Trek: Voyager.

Und selbst Wynorski versteckte sich ein wenig: Bei Regie und Drehbuch taucht teilweise sein Pseudonym Jamie Wagner auf. Das Budget wird mit gerade einmal rund 350.000 Dollar angegeben. Da verzeiht man der geflügelten Schlange auch, wenn sie gelegentlich aussieht, als hätte ein Pentium III plötzlich beschlossen, Spezialeffekte zu machen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass eine damalige Kritik bei Dread Central den Film tatsächlich als einen von Wynorskis unterhaltsamsten Filmen seit langer Zeit lobte und gerade seine rauen B-Movie-Kanten als Teil des Vergnügens betrachtete. Und damit sind wir wieder bei dem Punkt, weshalb solche Filme bei mir überhaupt im Regal landen: Sie sind nicht trotz ihrer Beschränkungen interessant, sondern manchmal gerade deswegen.

Schlecht gemacht. Groß gedacht. Genau richtig.

Review: Larva – 2005

0043. LARVA – 2005 - Mehrsichtung  - ofdbTrailer

Manipuliertes Tierfutter lässt in einer amerikanischen Kleinstadt harmlose Parasiten zu gefräßigen Kreaturen mutieren, die zunächst Rinder und schließlich auch Menschen als Wirte benutzen. Was folgt, dürfte jedem Freund gepflegter Billigmonster bereits klar sein: Irgendwann platzt etwas auf, etwas krabbelt heraus – und die Nahrungskette gerät gehörig durcheinander.

Larva von Tim „Abram“ Cox habe ich über die Jahre bereits mehrfach gesichtet, und irgendwie ist dieser kleine Tierhorrorfilm nie ganz von meinem Radar verschwunden. Das liegt weniger an seiner wenig originellen Geschichte als an seiner Bildsprache. Die überwiegend warmen, gelblich-braunen Farbtöne lassen den Spätsommer ausklingen und versetzen den Film in eine erstaunlich stimmige ländliche Herbstwelt. Selbst zeitgenössische Besprechungen bemerkten diese auffällig herbstliche Optik.

Produziert wurde Larva als deutsch-amerikanischer TV-Film unter Beteiligung von Nu Image, jener Produktionsschmiede, die sich gerade mit preisgünstiger Genreware einen Namen machte. Gedreht wurde unter anderem in Springfield, Missouri - traumhafte Landschaften und Kulissen und somit ein wunderbarer Summerween Kandidat. 

Schauspielerisch bekommt die kleine Produktion mit William Forsythe (The Devil’s Rejects, Halloween) sogar ordentlich B-Movie-Prominenz spendiert. Als knorriger Farmer passt er wunderbar in diese Welt aus Viehweiden, korrupten Geschäftemachern und mutiertem Ungeziefer.

Natürlich riecht das Ganze kräftig nach Alien, Creature Feature und einer Prise Tierhorror vergangener Jahrzehnte. Die Kreaturen sehen irgendwann aus, als hätte sich ein Facehugger mit einer Fledermaus auf einer schlecht beleuchteten Gartenparty fortgepflanzt. Aber genau das gehört hier zum Vergnügen. 

Denn Larva besitzt trotz günstigem CGI ein erstaunlich gutes Gespür für Timing, Atmosphäre und handfeste Horroraction. Sobald die Viecher ausgewachsen sind, darf es außerdem durchaus etwas deftiger werden.

Für mich ist das genau die Art von Film, für die unser neuer Begriff geschaffen wurde:

Pulp Creature Cinema.

Nicht besonders teuer. Nicht besonders originell. Ganz bestimmt kein großes Kino. Aber ein wunderbar sympathisches bewegtes Groschenheft für den DVD-Player.

Nachhall:
Wenn der Spätsommer langsam stirbt, die Felder braun werden und aus der Kuh plötzlich etwas herauskrabbelt, ist es Zeit für Larva.

Sonntag, 9. August 2026

Musik: Inkubus Sukkubus – Vampire Queen

 🦇 Inkubus Sukkubus – Vampire Queen

Ein wenig Vampirromantik darf in der Kathedrale natürlich nicht fehlen.

Die britische Gothic-/Pagan-Rock-Band Inkubus Sukkubus treibt seit 1989 ihr Unwesen und hat sich über die Jahrzehnte eine ganz eigene Welt aus Hexerei, heidnischer Mythologie, Erotik und klassischer Gothic-Ästhetik geschaffen.

„Vampire Queen“ erschien 2018 auf dem gleichnamigen Album und bildet mit über sieben Minuten dessen Abschluss. Getragen von Candia McKormacks unverwechselbarer Stimme entwickelt sich der Song langsam zu einem wunderbar schwülstigen Stück dunkler Romantik – irgendwo zwischen Verführung, Todessehnsucht und nächtlichem Vampirmythos.

Vampire sind bei Inkubus Sukkubus übrigens alte Bekannte: Bereits auf frühen Veröffentlichungen tauchten sie immer wieder auf, und mit Vampyre Erotica widmete die Band dem Thema 1997 sogar ein ganzes Album.

Musikalisch vielleicht aus einer Zeit gefallen – aber gerade deshalb liebe ich solche Nummern. Kein ironisches Augenzwinkern, keine Angst vor Pathos: Hier dürfen Vampire noch Vampire sein.

🩸 Inkubus Sukkubus – Vampire Queen
Album: Vampire Queen (2018)

Review: ROB1N - 2025

 

Heute aus der Videothek der Nacht … Puppenhorror

0042. ROB1N – 2025 - Erstsichtung - ofdb - Trailer

Puppen begleiten mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Mein erster Kontakt mit ihnen war wohl die Boudoirpuppe in ihrem blauen Kleid auf der Tagesdecke des Bettes meiner Oma, in einem von Kampferduft durchfluteten Schlafzimmer. Ihre abstrus überlangen Extremitäten, das blonde gelockte Haar und die toten Augen dieser Bettpuppe sollten mich bis heute begleiten – und führten mich irgendwann unweigerlich zum Subgenre des Puppenhorrors und somit auch zu ROB1N.

Wobei der Film von Jack in the Box-Regisseur Lawrence Fowler gar kein klassischer Puppenhorror mit all seinen herrlichen Pulp-Attitüden ist. ROB1N bewegt sich vielmehr irgendwo zwischen Puppen-, Roboter- und Tech-Horror, angereichert mit klassischen Gruselelementen und einigen ziemlich harten Kills.

Eine Puppe sollte sich nicht bewegen. Sie sollte nicht denken. Und sie sollte schon gar keinen eigenen Willen besitzen. Sobald sie das doch tut, wird aus einem vertrauten Gegenstand etwas Fremdes. Dazu kommen die starren Gesichtszüge und diese Augen, in die wir automatisch Emotionen hineinlesen wollen. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum bereits ein unbewegliches Puppengesicht in der richtigen Beleuchtung ziemlich unangenehm wirken kann.

All das erfüllt ROB1N bestens. Im Zentrum steht der verwitwete Robotikexperte Aiden, der nach dem Verlust seines Sohnes Robin eine erstaunlich lebensechte Roboterpuppe erschafft. Doch hinter der Familiengeschichte verbirgt sich eine wesentlich finsterere Vergangenheit – und die lasse ich an dieser Stelle besser unangetastet. Nur so viel: Irgendwann zieht ROB1N ziemlich rücksichtslos durch das alte britische Herrenhaus und macht deutlich, dass er seinen Schöpfer nur äußerst ungern mit anderen teilt.

Das ist über weite Strecken erstaunlich kreativ inszeniert und sieht handwerklich für eine Low-Budget-Produktion ziemlich gehoben aus. Auch bei den Kills wird nicht geknausert und ROB1N zeigt sich von seiner gewalttätigsten Seite. Freunde der härteren Gangart bekommen hier also nicht nur technischen Kabelsalat, sondern auch ordentlich Fleisch am Knochen.

Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann ist es für mich seine schauspielerische Unterbesetzung. Ausgerechnet ROB1N selbst liefert dabei beinahe noch die überzeugendste Performance ab. Dafür punktet der Film gegen Ende nochmals mit seinem kriminalistischen Plot-Twist und bringt die Geschichte zu einem für mich überraschend runden Abschluss.

Nachhall:
Aus der Bettpuppe meiner Kindheit ist ein Roboter geworden. Die toten Augen sind geblieben.

Mittwoch, 5. August 2026

Musik: Bridge City Sinners – Death’s Door

 Bridge City Sinners – Death’s Door

Ein alter Hase entkommt noch einmal dem jungen Fuchs. Doch die Zeit läuft weiter, das Fell wird grau, die Ohren werden wund – und irgendwann steht nicht mehr die Flucht im Mittelpunkt, sondern die unausweichliche Tür am Ende des Weges.

„Death’s Door“ von den Bridge City Sinners klingt zunächst wie eine makabre, fast kindliche Tierfabel. Hinter dem schwarzen Humor verbirgt sich jedoch ein überraschend melancholisches Lied über das Älterwerden, die Vergänglichkeit und die Angst vor dem Tod.

Der Fuchs lässt sich dabei leicht als der Tod lesen, der geduldig wartet. Der Hase kann ihm eine Weile davonlaufen, aber nicht für immer. Besonders berührt mich, dass der Song am Ende nicht nur düster bleibt. Da ist auch das Versprechen, jemanden festzuhalten, wenn es Zeit wird, gemeinsam an die Tür des Todes zu klopfen.

Die Bridge City Sinners aus Portland verbinden Folk, Bluegrass, Punk und eine gehörige Portion Gothic- und Vaudeville-Ästhetik. Ihre Musik klingt manchmal, als wäre ein vergessenes Volkslied aus einem staubigen Grab gestiegen – schräg, verspielt und gleichzeitig voller echter Gefühle.

„Death’s Door“ erschien 2026 zunächst auf der EP Repent and Repeat und ist ebenfalls auf der Deluxe Edition des Albums In the Age of Doubt enthalten.

Ein kurzer Song, der zuerst zum Schmunzeln bringt und danach einen erstaunlich traurigen Nachhall hinterlässt.

🖤

Bücher: Simone Trojahn - Grenzhaus

Grenzhaus – Simone Trojahn

Grenzhaus von Simone Trojahn gehört für mich zu den bemerkenswertesten Romanen der deutschsprachigen Extreme Literatur. Der Autorin gelingt ein erstaunlich ernsthafter Survival-Thriller, der Elemente des Extreme Horrors nutzt, ohne sich ausschließlich über seine expliziten Gewaltdarstellungen zu definieren.

Hinter den brutalen Szenen verbirgt sich vielmehr eine beklemmende Geschichte über Menschenhandel, Fluchtrouten und Snuff-Produktionen – Themen, die erschreckend nah an realen gesellschaftlichen Abgründen bleiben. Gerade dieser soziale Unterbau hebt Grenzhaus deutlich von vielen Genrevertretern ab.

Bereits die beiden parallel erzählten Handlungsstränge um Daja und Malek entwickeln genügend Tiefe, um sich auf die Figuren einzulassen. Während Daja aus Syrien flieht und schließlich mit anderen Kriegsflüchtlingen im titelgebenden Grenzhaus landet, gerät der 21-jährige Malek durch seinen Cousin Damian immer tiefer in das perfide Geschäft rund um Snuff-Produktionen. Wohlhabende Kunden bezahlen dafür, die Erniedrigung und Ermordung von Flüchtlingen live mitzuerleben.

Besonders spannend fand ich, dass ausgerechnet Maleks Talent für Bildkomposition und Kameraführung zu seinem persönlichen Fluch wird. Er zerbricht zunehmend an den Gräueltaten, wird aber gerade wegen seiner Fähigkeiten gezwungen, die Verbrechen für die anonymen Auftraggeber zu dokumentieren. Dieser Aspekt verleiht dem Roman eine zusätzliche psychologische Ebene, die lange nachhallt.

Interessant ist, dass Simone Trojahn hier bewusst auf eine permanente Eskalation verzichtet und den Schwerpunkt stärker auf Figuren und Atmosphäre legt als viele andere Vertreter der Extreme Literatur.

Was den Roman für mich letztlich so besonders macht, ist der Umgang mit Gewalt. Während Autoren wie Edward Lee oder Wrath James White häufig auf permanente Grenzüberschreitungen und eine stetige Eskalation setzen, bleibt Simone Trojahn deutlich erzählerischer. Die Gewalt dient hier nicht der Provokation allein, sondern unterstützt konsequent die Geschichte und ihre Figuren.

Gerade diese erzählerische Disziplin macht viele Szenen bedrückender als manches literarische Dauerfeuer. Trojahn weiß erstaunlich genau, wann sie Grausamkeiten zeigen muss – und wann Zurückhaltung die größere Wirkung erzielt. Dadurch nutzt sich der Roman auch über mehr als 300 Seiten nie ab und bleibt bis zum Ende spannend.

🕯️ Nachhall:
Grenzhaus beweist für mich, dass Extreme Literatur nicht zwangsläufig lauter, brutaler oder perverser sein muss als ihre Genrekollegen. Gerade die Verbindung aus gesellschaftlicher Realität, glaubwürdigen Figuren und dosiert eingesetzter Härte macht Simone Trojahns Roman zu einem der stärksten deutschsprachigen Vertreter seines Genres.

Montag, 3. August 2026

Special 002: John Howe – Tour de Fantastic

August 2026. Der wohl heisseste Sommer, den ich je erlebt habe. Zusammen mit meinem langjährigen Freund Edgar sowie Margot und Gabriela befand ich mich unter flirrenden 35 Grad auf dem Weg nach Neuchâtel. Links und rechts hatte die Sonne die Landschaft in ein goldgelbes Gewand gehüllt. Auf den Autobahnzäunen sassen Sperber und hielten Ausschau nach Beute, während selbst die Mäuse längst Schutz in der kühlen Erde gesucht hatten. Als der matte, türkisfarbene Neuenburgersee die goldene Landschaft durchschnitt, hatte ich plötzlich das Gefühl, mich auf einem fremden Planeten zu befinden – irgendwo zwischen Realität und Fantastik.

Passender hätte die Anreise kaum sein können, denn unser Ziel war nichts Geringeres als die Tour de Fantastic und die Werke von John Howe. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass das Leben an diesem Tag seine ganz eigene Geschichte schreiben würde.

Wer sich jemals gefragt hat, wie Mittelerde überhaupt ein Gesicht bekam, landet früher oder später bei John Howe. Er gehört zu den bedeutendsten Tolkien-Illustratoren unserer Zeit und prägte als Concept Artist die Herr-der-Ringe- und Hobbit-Filmtrilogien von Peter Jackson entscheidend mit. Howe gilt zudem als ausgewiesener Experte für Waffen, Rüstungen und das Alltagsleben des Mittelalters – beste Voraussetzungen also, um Tolkiens imaginäre Welt glaubwürdig zum Leben zu erwecken.

Natürlich habe ich Der Herr der Ringe gelesen. Ich muss jedoch gestehen, dass ich zur literarischen Vorlage nie ganz den Zugang fand. Der Wurm Ouroboros von E. R. Eddison lag mir immer näher. Erst Peter Jacksons Verfilmungen entfachten meine Begeisterung für Mittelerde neu.

Die Ausstellung erstreckt sich über vier Stockwerke im mittelalterlichen Turm Hauterive 3. Eine bessere Kulisse hätte man sich kaum wünschen können. Jedes einzelne Bild wirkt wie ein Tor in eine andere Welt. Als Liebhaber der Fantastik kommt man aus dem Staunen kaum heraus und verliert sich regelrecht in Howes Schaffen. Wer sich auch nur ansatzweise für fantastische Literatur oder Kunst interessiert, sollte sich diese Ausstellung keinesfalls entgehen lassen.

Während ich gerade völlig in eines seiner Werke vertieft war, entdeckte Margot plötzlich John Howe höchstpersönlich, der an diesem Tag selbst vor Ort war. Edgar reagierte sofort, sprach ihn freundlich an und kurze Zeit später standen wir tatsächlich gemeinsam mit ihm für ein Foto vor der Kamera. Howe wirkte dabei angenehm zurückhaltend und fast etwas scheu – genau so, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte.

Oft ist die Vorfreude auf ein Erlebnis bereits das Schönste. Doch manchmal schreibt das Leben sein eigenes Drehbuch. Dann begegnet man nicht nur einem Künstler, den man seit Jahren bewundert, sondern darf diesen Moment auch mit Menschen teilen, die zufällig genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb manche Erinnerungen ein Leben lang bleiben.

Danke, Edgar, Margot und Gabriela, für diesen wundervollen Tag. Und danke, John Howe, für eine Welt, die seit Jahrzehnten die Fantasie unzähliger Menschen beflügelt.


Samstag, 1. August 2026

Review zu The Devil's Mouth - 2026

Heute in der Videothek der Nacht...

0041. The Devil's Mouth – 2026 - Erstsichtung -  OFDb - Trailer

Die Tage bin ich bei Prime Video gestrandet und habe mir die neueste Regiearbeit von Jeff Wadlow (Kick-Ass 2, Fantasy Island, Truth or Dare) angesehen. Überraschend schnell wird klar, dass sich The Devil's Mouth bewusst vom klassischen Sharkploitation-Kino entfernen möchte. Statt pausenloser Haiattacken setzt der Film zunächst auf Survival-Drama und zwischenmenschliche Konflikte.

Die Ausgangsidee besitzt durchaus Potenzial: Fünf Collegefreunde geraten während einer Höhlentour an Thailands Küste in ein unterirdisches Labyrinth, in dem ein Bullenhai Jagd auf sie macht. Interessant ist dabei, dass das Drehbuch bereits Jahre vor der Produktion unter dem Titel "Apex" auf der Hollywood Black List der beliebtesten unverfilmten Drehbücher landete – die Erwartungen an das Projekt waren also durchaus vorhanden.

Leider bleibt von diesem Potenzial für mich nur wenig übrig. Bis der Film sein eigentliches Horrorszenario entfaltet, kämpft man sich durch ein Minimum an Handlung und eine Reihe zeitgemäßer Konflikte, die eher konstruiert als organisch wirken. Die Figuren bleiben dabei erstaunlich blass. Keiner der Charaktere entwickelt genügend Profil, um emotional wirklich mitzufiebern.

Auch das Höllen-Setting nutzt sich mit jeder neuen Höhlenebene etwas weiter ab. Streckenweise fühlt sich der Film wie ein Survival-Spiel an, bei dem lediglich das nächste Level erreicht werden muss. Die Fin Jumps – ja, ich bleibe bei diesem Begriff – sind meist früh zu erahnen und erzeugen selten echte Spannung. Wer das Sharkploitation-Genre kennt, dürfte hier kaum etwas entdecken, das er nicht schon mehrfach gesehen hat - Streaming Discounter Stuff.

Positiv hervorheben möchte ich dagegen die technische Umsetzung. Der Bullenhai selbst wirkt überzeugend animiert und gehört für mich zu den stärkeren visuellen Elementen des Films. Gerade deshalb ist es schade, dass das Drehbuch daraus so wenig macht. Auch die klaustrophobische Unterwasserkulisse besitzt durchaus Atmosphäre, wird jedoch von den schwachen Figuren und den vorhersehbaren Konflikten ausgebremst.

🕯️ Nachhall:
Visuell ansprechender Survival-Horror mit einem gelungenen Hai-Design – doch unter der Oberfläche bleibt für mich zu wenig Eigenständiges zurück. Schade, denn die Ausgangsidee hätte deutlich mehr Biss gehabt.