RICHARD MATHESON – DER SCHWINDENDE MANN
Wenn ein Körper schrumpft und eine Identität zerfällt
Mein feinmaschiges autobiographisches Gedächtnis erlaubt es mir leicht, jederzeit eine Rückreise in meine Kindheit anzutreten. Und auf die Frage, wann mein erster Kontakt mit dem fantastischen Film stattfand, kann ich mich erstaunlich genau erinnern: Blumen des Schreckens von 1962 (The Day of the Triffids).
Die Szene im Leuchtturm sollte sich für immer in mein Hirn einbrennen und dort einen Virus einnisten – die Faszination für den Horrorfilm, eine Leidenschaft, die ich wohl bis zu meinem Ableben hegen und pflegen werde.
Später sah ich dann Die unglaubliche Geschichte des Mr. C von 1957. Die Geschichte um Scott Carey, der jeden Tag um wenige Millimeter kleiner wird und sich schließlich im Keller einen erbarmungslosen Kampf mit einer Spinne liefert, bereitete den Weg endgültig vor. Da war diese Magie, die bis heute keinen einzigen Tag an Intensität verloren hat.
Nun, fast fünfzig Jahre später, habe ich Richard Mathesons Romanvorlage Der schwindende Mann gelesen, die beim Festa Verlag in einer wunderschönen Ausgabe vorliegt.
Das Erlebnis, diese Geschichte heute zu lesen und ihr als Erwachsener zu begegnen – wobei ich nicht glaube, dass dieser Prozess bei mir jemals vollständig abgeschlossen sein wird –, war sensationell und zugleich schockierend.
Denn mein Blick hat sich verändert.
Plötzlich liegt da nicht mehr einfach die reißerische Geschichte eines Winzlings vor mir, der sich durch eine gigantisch gewordene Welt kämpfen und irgendwann einer Spinne gegenübertreten muss. Matheson erzählt vom langsamen Verlust einer Identität. Von Männlichkeit und Sexualität, Macht und Ohnmacht, Scham, Entfremdung und Selbstmitleid – und letztlich von der Frage, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn ihm Stück für Stück alles genommen wird, worüber er sich bisher definiert hat.
Dabei macht Matheson etwas, das mich zunehmend faszinierte:
Er verweigert seinem Opfer die Unschuld.
Scott Carey ist kein makelloser Leidender, den man einfach 329 Seiten lang bemitleiden kann. Er ist wütend, ungerecht, egoistisch und mitunter ausgesprochen unangenehm. Gerade seine Sexualität führt Matheson dabei an Orte, die mich beim Lesen verstört haben.
Als Scott aufgrund seiner geringen Körpergröße von einem schlüpfrigen Mann offenbar für einen Jungen gehalten und sexuell bedrängt wird, befindet er sich plötzlich selbst in der Position eines möglichen Opfers. Später verschiebt Matheson diese Perspektive auf äußerst unangenehme Weise, wenn der erwachsene Scott sexuelles Begehren gegenüber der vierzehnjährigen Freundin seiner Tochter entwickelt.
Das Schrumpfen ist für mich deshalb auch eine Metapher für den Verlust erwachsener männlicher Identität. Die Sexualisierung von Kindern bzw. Jugendlichen erscheint dabei als eine der extremsten und verstörendsten Konsequenzen dieses Identitätszerfalls.
Hinzu kommt Scotts Voyeurismus. Seine immer geringer werdende Körpergröße verschafft ihm Zugang zu Räumen und Blickwinkeln, die einem erwachsenen Mann normalerweise verschlossen wären.
Und damit entstand während des Lesens einer meiner zentralen Gedanken zu diesem Roman:
Je kleiner Scott Carey wird, desto größer wird der Raum des Verbotenen, der sich ihm eröffnet.
Das Schrumpfen bedeutet nämlich keineswegs nur Ohnmacht. Scott verliert gesellschaftliche Macht und gewinnt gleichzeitig eine andere, heimliche Form davon zurück: Er kann beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
Sein Körper schrumpft – seine Begierden und seine Abgründe tun es nicht.
Das Schrumpfen der Männlichkeit
Noch stärker als diese sexuellen Grenzüberschreitungen empfand ich allerdings Mathesons langsame Demontage eines bestimmten Männerbildes.
Scott verliert nicht einfach Zentimeter.
Er verliert körperliche Überlegenheit, gesellschaftlichen Status, Autorität, seine Rolle als Ehemann und Vater, sexuelle Selbstverständlichkeit und schließlich sogar die Gewissheit, von seiner Umwelt überhaupt noch als erwachsener Mann wahrgenommen zu werden.
Das Schrumpfen des Körpers wird zum Schrumpfen der Männlichkeit.
Dass diese Lesart keineswegs völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt auch die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Mathesons Roman. The Shrinking Man wurde ausdrücklich als Auseinandersetzung mit der Krise männlicher Identität im Amerika der 1950er-Jahre untersucht – einer Gesellschaft, die vom Mann wirtschaftlichen Erfolg, Selbstständigkeit und Stärke verlangte, gleichzeitig aber Anpassung, Familienorientierung und gesellschaftliche Konformität erwartete.
Besonders unerträglich ist für Scott das Mitleid.
Mitleid bedeutet für ihn nicht Anteilnahme, sondern Erniedrigung. Und irgendwann geschieht etwas psychologisch Bitteres: Aus seiner Angst vor dem Mitleid anderer wird Selbstmitleid. Scott beginnt selbst zu glauben, er sei wertlos, grotesk – ein Freak.
Dann begegnet er Clarice.
Und für mich gehört diese Begegnung zu den schönsten und menschlichsten Momenten des Romans.
Nicht weil Clarice Scott rettet. Sie macht ihn keinen Millimeter größer und kann sein Schicksal nicht aufhalten. Aber zum ersten Mal begegnet ihm jemand, vor dem seine Andersartigkeit keiner Erklärung bedarf.
Weil wir beide gleich sind.
Dieser Gedanke hat mich getroffen. Vielleicht auch deshalb, weil mir das Gefühl des Misfits nicht fremd ist. Unter einem anderen Außenseiter muss das eigene Anderssein plötzlich kein Defizit mehr darstellen. Clarice bemitleidet Scott nicht. Sie begehrt ihn, berührt ihn und begegnet ihm auf Augenhöhe. Für einen kurzen Moment fühlt Scott sich wieder als Mann. Und das Faszinierende daran: Sein Körper hat sich überhaupt nicht verändert. Nur sein Gegenüber.
Vielleicht besteht eine der großen Sehnsüchte eines Misfits genau darin: nicht irgendwann doch noch normal werden zu müssen, sondern einem Menschen zu begegnen, vor dem das eigene Anderssein keiner Rechtfertigung bedarf.
Wir gehören nicht mehr zusammen
Umso schmerzhafter empfand ich Scotts Rückkehr zu seiner Frau Lou.
Dort fiel schließlich ein Satz, bei dem der Roman für mich endgültig aufhörte, nur die Geschichte eines anderen Menschen zu sein:
„Wir gehören nicht mehr zusammen.“
Es gibt Sätze in Büchern, die man liest. Und es gibt Sätze, bei denen man plötzlich aufhört zu lesen, weil sie etwas aus dem eigenen Leben aussprechen.
Das Schrumpfen wurde dadurch für mich an dieser Stelle zu einer unglaublich starken Metapher für Entfremdung.
Zwei Menschen können einmal eine gemeinsame Welt gebildet haben und irgendwann feststellen, dass diese Welt nicht mehr existiert. Niemand muss dafür tatsächlich verschwinden. Und trotzdem kann die Entfernung zwischen ihnen unüberbrückbar geworden sein.
Matheson macht diese emotionale Entfernung körperlich sichtbar.
Der Horror bekommt acht Beine
Und dann ist da natürlich die Spinne.
Was in meiner Erinnerung an den Film eines der großen Monster- und Abenteuerbilder meiner Kindheit war, bekam beim Lesen eine vollkommen andere Bedeutung.
Denn nicht die Spinne ist größer geworden.
Scott ist kleiner geworden.
Das ist vielleicht einer der einfachsten und zugleich genialsten Mechanismen des Romans: Die Welt muss sich überhaupt nicht verändern, damit sie zum Horror wird. Es genügt, die Relation des Menschen zu ihr zu verändern.
Matheson lässt schließlich keinen Zweifel mehr daran, dass die Spinne mehr ist als ein besonders imposanter Endgegner. Für Scott verdichten sich in ihr seine Ängste, Unsicherheiten und Sorgen zu einer schwarzen, krabbelnden Gestalt. Der Horror bekommt buchstäblich acht Beine.
Und trotzdem funktioniert die Passage gleichzeitig wunderbar als Creature Feature. Die Spinne kennt kein Mitleid. Es interessiert sie nicht, wer Scott früher einmal gewesen ist. Vor ihr zählen weder gesellschaftlicher Status noch Körpergröße, Ehe oder sexuelle Potenz.
Scott muss sich behaupten.
Clarice gibt ihm Gleichwertigkeit durch Zugehörigkeit.
Die Spinne gibt ihm gewissermaßen Gleichwertigkeit durch Feindschaft.
Willkommen bei den Freaks
Mein vielleicht liebster grotesker Moment des Romans findet allerdings nicht im Keller statt, sondern auf der Freakshow.
Scott betrachtet dort körperlich deformierte Tiere – darunter eine tote zweiköpfige Kuh – und bewegt sich durch eine Welt, in der Abweichung vom sogenannten Normalen zur Attraktion gemacht wird.
Das besitzt eine herrlich böse Ironie.Denn Scott steht noch auf der Seite der Zuschauer und betrachtet die Freaks. Dabei gehört er symbolisch längst hinter das Absperrseil.
Diese Szene bündelt für mich vieles, was Mathesons Roman so unangenehm macht. Scott fürchtet nichts mehr, als selbst zum bemitleideten und angestarrten Freak zu werden – und besitzt trotzdem weiterhin die Fähigkeit, das vermeintlich Abnorme bei anderen mit Faszination zu betrachten.
Wieder verweigert Matheson seinem Opfer die moralische Reinheit.
Von einem zu großen Hut zum existenziellen Horror
Dabei begann die ganze Geschichte erstaunlich banal.
Matheson erzählte später selbst, dass ihm die Idee beim Ansehen der Komödie Let's Do It Again kam. Ray Milland setzt darin versehentlich einen viel zu großen Hut auf, der ihm über Ohren und Augen rutscht. Mathesons unmittelbarer Gedanke war: Was wäre, wenn ein Mann seinen eigenen Hut aufsetzen würde und plötzlich feststellen müsste, dass dieser zu groß geworden ist – weil sein Kopf kleiner geworden ist? Aus diesem simplen visuellen Einfall entwickelte er The Shrinking Man.
Ich liebe solche Geschichten.
Aus einem zu großen Hut entsteht ein Roman über die Auflösung menschlicher Identität.
Auch Mathesons Weg vom Roman zum Film besitzt eine schöne Pointe. Als Universal das Buch erwerben wollte, erkannte er darin seine Chance, ins Drehbuchgeschäft einzusteigen, und bestand darauf, das Drehbuch selbst schreiben zu dürfen. Es wurde sein erstes Filmskript. Matheson erklärte später, dass ihm das Medium entgegenkam, weil er seine Geschichten ohnehin sehr visuell vor seinem inneren Auge sah.
Und dann wäre da noch der Titel.
Mathesons Roman heißt im Original schlicht The Shrinking Man. Das „Incredible“ kam für die Verfilmung hinzu. Mathesons trockene Reaktion darauf gefällt mir außerordentlich: Für ihn war es schließlich bereits unglaublich genug, dass überhaupt ein Mann schrumpft – wozu also noch das zusätzliche Adjektiv?
Dass Film und Roman trotz ihrer engen Verwandtschaft teilweise sehr unterschiedliche Wege gehen, wäre allerdings eine eigene Geschichte wert – und soll hier ganz bewusst eine andere Kathedrale öffnen.
Wo der Roman mich verloren hat
Bei aller Begeisterung halte ich Der schwindende Mann keineswegs für makellos.
Gerade die ausgedehnten Beschreibungen der Mikrowelt im Keller wurden für mich zunehmend zäh. Matheson schildert Scotts mühsames Vorankommen und die durch seine Körpergröße vollkommen veränderten Dimensionen teilweise mit einer Ausführlichkeit, bei der meine Faszination deutlich nachließ.
Auch sprachlich entwickelte diese Mikrowelt für mich nicht jene Magie, die ich angesichts einer derart fantastischen Ausgangslage erwartet hätte.
Interessanterweise war Matheson sich zumindest der Gefahr einer monotonen Erzählung offenbar selbst bewusst. Er erklärte später, dass er die Geschichte ursprünglich chronologisch geschrieben hatte, dies jedoch als zu ermüdend empfand. Deshalb entschied er sich für die Struktur, die Kellergegenwart mit Rückblenden auf Scotts Schrumpfen zu verschränken. Für die Verfilmung musste die Geschichte dagegen wieder weitgehend chronologisch erzählt werden.
Das macht die Kellerpassagen strukturell für mich interessanter.
Als Leseerlebnis wurden sie dadurch aber nicht weniger zäh. Und genau diese Unterscheidung ist mir wichtig: Ich kann verstehen, warum etwas in einem Roman vorhanden ist, und trotzdem sagen, dass es mich nicht erreicht hat.
Für die Natur gibt es keine Null
Dann kamen die letzten Seiten.
Und ausgerechnet dort hat Matheson mich noch einmal vollkommen zurückgewonnen.
Scott nähert sich der vermeintlichen Null. Sein gesamtes bisheriges Denken beruht auf festen Größen und Kategorien: Mann, Ehemann, Vater, Liebhaber, normal, abnormal, groß, klein – und schließlich nichts.
Doch dann erkennt er etwas Entscheidendes:
Für die Natur gibt es keine Null. Die Existenz endet nicht deshalb, weil die menschliche Maßeinheit nichts mehr anzeigen kann.
Und hier bekam Mathesons Finale für mich beinahe etwas Buddhistisches. Scott wird nicht gerettet. Sein Körper wächst nicht wieder. Seine Ehe wird nicht wiederhergestellt und die Vergangenheit nicht korrigiert.
Stattdessen verändert sich sein Blick.
Er löst sich von dem festgelegten Programm dessen, was sein Leben angeblich sein müsste.
Vielleicht ist das die letzte Konsequenz des Schrumpfens der Männlichkeit. Scott muss nicht mehr groß sein, um ein Mann zu sein. Vielleicht muss er am Ende nicht einmal mehr definieren, was „ein Mann“ überhaupt sein soll.
Er existiert.
Und das genügt.
Mathesons Roman entstand mitten im Atomzeitalter; Scotts Veränderung wird durch die Verbindung von Strahlung und einer vorherigen Insektizidbelastung ausgelöst. Wissenschaftliche Betrachtungen haben den Roman deshalb neben seiner Männlichkeitsthematik auch in die Ängste einer Welt eingeordnet, die mit Strahlung und moderner Chemie Kräfte entfesselt hatte, deren Konsequenzen für den Menschen kaum überschaubar erschienen.
Umso schöner finde ich, dass Matheson am Ende nicht bei der Angst vor dieser veränderten Welt stehenbleibt. Scott kann die Welt nicht wieder seiner Größe anpassen.
Also verändert sich seine Sicht auf die Welt.
Mein Fazit
Würde ich Der schwindende Mann weiterempfehlen?
Ja. Unbedingt – aber nicht, weil mich jede Seite begeistert hätte.
Die teilweise endlosen Beschreibungen der Mikrowelt haben mich ermüdet, manche Passagen sind sperrig, und Scott Carey ist ein Protagonist, bei dem Matheson einem das einfache Mitgefühl immer wieder gründlich verleidet.
Gerade deshalb halte ich diesen Roman aber für bemerkenswert.
Sein eigentlicher Horror findet auf einer anderen Ebene statt.
Es ist der Horror eines Mannes, dem seine Macht genommen wird – und gleichzeitig die Geschichte eines Mannes, der selbst in seiner Machtlosigkeit Möglichkeiten entdeckt, Macht über andere auszuüben. Durch seinen Blick. Durch seine Unsichtbarkeit. Durch das Überschreiten von Grenzen.
Es ist ein Roman über einen Körper, der verschwindet, und eine Identität, die mit ihm zerfällt.
Aber Matheson belässt es nicht dabei.
Ausgerechnet dort, wo Scott glaubt, dass nichts mehr auf ihn wartet, öffnet sich eine neue Möglichkeit von Existenz. Und damit gab mir der Roman fast hundert Seiten später unerwartet eine Antwort auf jenen Satz, bei dem ich zuvor hatte aufhören müssen zu lesen.
Es muss nicht wieder werden wie früher, damit etwas weitergehen kann.
Fast fünfzig Jahre nachdem mich Scott Carey erstmals vor einem Bildschirm faszinierte, hat Richard Matheson mich mit derselben Geschichte noch einmal erwischt.
Nur dieses Mal an einem vollkommen anderen Ort meines Lebens.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Magie großer fantastischer Geschichten:
Wir kehren zu ihnen zurück und glauben, sie bereits zu kennen.
Dabei sind inzwischen wir selbst jemand anderes geworden.


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