Heute aus der Bibliothek der Nacht … Literatur
Robert W. Chambers – Der König in Gelb
Ich würde mich nie als grossartigen Lovecraft-Kenner bezeichnen, habe jedoch als Horrorfan das eine oder andere Buch von ihm gelesen. Natürlich ist das Necronomicon längst zu einem Pfeiler der übernatürlichen Unterhaltung geworden, und wer sich an Lovecrafts Werken erfreut, wird früher oder später wahrscheinlich auch bei Robert W. Chambers und „Der König in Gelb“ stranden.
Denn schon lange bevor Lovecraft seine verbotenen Bücher öffnete, gab es bei Chambers ein Werk, das man besser niemals gelesen hätte: das fiktive Theaterstück „Der König in Gelb“. Insbesondere dessen zweiter Akt soll Wahrheiten offenbaren, die den Verstand zerstören können. Das Abgründige daran: Chambers zeigt uns dieses Stück niemals vollständig. Es zieht sich vielmehr wie ein schleichender Virus durch seine Geschichten. Wir sehen nicht das Grauen selbst, sondern beobachten, was es mit den Menschen macht, die damit in Berührung kommen.
Die Inspirationsquelle liegt allerdings noch weiter zurück und wird bei Ambrose Bierce gefunden. Bereits bei ihm tauchen Namen wie Carcosa und Hastur auf, denen Chambers später eine neue Bedeutung gab. Der Weg des Gelben Königs führt deshalb vereinfacht gesagt:
Ambrose Bierce → Robert W. Chambers → H. P. Lovecraft
Lovecraft las Chambers später selbst und griff einzelne Namen und Motive auf. Dadurch wurde The King in Yellow rückwirkend immer stärker mit dem Cthulhu-Mythos verbunden. Dabei erschien Chambers' Buch bereits 1895, als Lovecraft gerade einmal fünf Jahre alt war, und besitzt eigentlich seine ganz eigene, dekadente und traumartige Mythologie.
Das bei Festa vorliegende Büchlein umfasst in meiner Ausgabe 164 Seiten und beinhaltet unter anderem:
Der Wiederhersteller des guten Rufes
Die Maske
Am Hofe des Drachen
Das gelbe Zeichen
Die Jungfer d’Ys
Das Paradies der Propheten
Und genau hier liegt für mich ein interessanter Unterschied zu Lovecraft. Bei diesem lautet der Schrecken oftmals:
Der Mensch entdeckt etwas über das Universum, das er besser niemals erfahren hätte.
Bei Chambers empfinde ich es eher so:
Der Mensch begegnet einem Kunstwerk oder einer Idee, die er besser niemals kennengelernt hätte.
Chambers selbst sah sich keineswegs als Autor des Übernatürlichen und blieb diesem Genre auch nicht treu. Dennoch gehört „Der König in Gelb“ für mich ganz klar in die geistige Vorgeschichte Lovecrafts – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Chambers schrieb keinen „Lovecraft-Mythos“. Eigentlich ist es genau umgekehrt. Lovecraft kam später.
Ich bin kein Lovecraft-Jünger, und Weird Fiction aus dieser Epoche fällt mir durchaus manchmal durch ihr langsames Tempo auf - hab mich aber trotzdem in die schöne melodische Sprache verliebt. Auch Der König in Gelb arbeitet weniger darauf hin, dass endlich „etwas passiert“, sondern darauf, dass sich allmählich etwas Falsches in die Wirklichkeit einschleicht. Erst ein Name, eine Andeutung, ein seltsamer Gedanke – und irgendwann merkt man, dass die Realität nicht mehr ganz zuverlässig ist.
Das hat Chambers mit Lovecraft gemeinsam. Die Wirkung empfinde ich dennoch als unterschiedlich. Lovecraft kann über Seiten Mythologie, Architektur, Herkunft und kosmische Zusammenhänge aufschichten. Chambers wirkt auf mich dekadenter, melancholischer und traumartiger. Das Unheimliche kommt über Kunst, Wahnsinn, Obsession und Wahrnehmung.
Interessant ist auch Chambers selbst. Wie Michaela Nagula im Nachwort der Festa-Ausgabe berichtet, war er leidenschaftlicher Sammler orientalischer Teppiche, chinesischer Kunstobjekte, japanischen Porzellans, von Waffen und Büchern und beschäftigte sich sogar mit einer indischen Sprache. Beim Börsencrash von 1929 soll er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verloren haben.
Und Chambers war alles andere als ein erfolgloser, vergessener Autor: 88 seiner Bücher wurden im Katalog der British Library geführt. Ausgerechnet das unheimliche Werk aus seiner frühen Schaffensphase sollte jedoch jenes Buch werden, das seinen Namen mehr als ein Jahrhundert später noch immer durch die dunkleren Ecken der Literatur geistern lässt.
Bei Festa liegt nun dieses fast schon anmutige Werk mit einem Titelbild von Borja Pindado vor, bei dem Freunde mystischer und unheimlicher Fantastik einer Pionierarbeit begegnen können, die ihre Wirkung nicht aus grossen Monstern oder blutigem Horror bezieht. Man braucht etwas Geduld – doch lässt man sich darauf ein, beginnt irgendwo zwischen Carcosa, dem Gelben Zeichen und jenem verbotenen Theaterstück die Wirklichkeit langsam Risse zu bekommen.
Und vielleicht ist gerade das die eigentliche Stärke des Buches: Wir erfahren nie wirklich, was im zweiten Akt von „Der König in Gelb“ steht. Wir erfahren nur, dass wir ihn besser niemals lesen sollten.
Passenderweise soll Chambers selbst von Literaturkritik nicht allzu viel gehalten haben:
„Literatur! Dieses Wort macht mich krank! Geben Sie nichts auf Kritiken; die haben in diesem Land kein Gewicht.“

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