Montag, 17. August 2026

Review: Blood Qauntum - 2019

0047. BLOOD QUANTUM – 2019 - Zweitsichtung - ofdb - Trailer 

Leider ist der Mi’kmaq-Filmemacher Jeff Barnaby bereits 2022 im Alter von nur 46 Jahren verstorben. Mit Blood Quantum hinterließ er jedoch einen jener seltenen Genrebeiträge, bei denen Zombie-Splatter nicht nur Selbstzweck ist, sondern zum Transportmittel für eine sehr persönliche Geschichte wird.

Barnaby wuchs selbst im Listuguj-Reservat in Québec auf und erlebte als Kind die Ereignisse von Restigouche 1981. Damals rückten Fischereibeamte und Polizeikräfte gegen die Mi’kmaq vor, um deren Lachsfischerei einzuschränken und Fanggeräte zu beschlagnahmen. Alanis Obomsawin dokumentierte den Konflikt später in Incident at Restigouche – einem Film, der Barnaby nachhaltig prägen sollte.

Und genau hier beginnt Blood Quantum interessant zu werden.

Barnaby nimmt George A. Romeros gesellschaftspolitisches Zombie-Kino und verbindet es mit der Geschichte seines eigenen Volkes. Die Toten stehen wieder auf – nur die indigene Bevölkerung des fiktiven Red-Crow-Reservats ist gegen die Infektion immun. Plötzlich suchen jene Menschen Schutz hinter den Grenzen der First Nation, deren Gesellschaft die indigene Bevölkerung über Generationen verdrängt, kontrolliert und kategorisiert hat.

Selbst der Titel besitzt dabei eine bitterböse zweite Ebene: „Blood Quantum“ bezeichnet die historische Einteilung indigener Zugehörigkeit anhand des vermeintlichen Anteils „indigenen Blutes“. Barnaby dreht diese Logik kurzerhand um: Was einst zur bürokratischen Kategorisierung indigener Menschen benutzt wurde, wird hier zum Schutz vor der Apokalypse.

Das alles klingt beinahe nach einem Meisterwerk – aber ganz so rund ist Blood Quantum für mich leider nicht.

Barnaby erzählt seine Geschichte in mehreren Abschnitten und besitzt ein ausgezeichnetes Auge für Bilder, Atmosphäre und Komposition. Gerade visuell sieht das teilweise wunderschön aus. Dramaturgisch strauchelt der Film jedoch immer wieder über seine eigene Konstruktion. Figuren werden nicht ausreichend vertieft, Entwicklungen wirken sprunghaft und dadurch fehlt mir jene emotionale Bindung, die aus dem starken Konzept einen wirklich grossen Film hätte machen können.

Beim Härtegrad gibt es diese Zurückhaltung dagegen überhaupt nicht.

Hier darf das alte Splatterkino noch einmal ordentlich die Kettensäge anwerfen. Köpfe werden zerlegt, Körper geöffnet und die Untoten mit Samuraischwert und Kettensäge ausgesprochen handfest entsorgt. Barnaby hat offensichtlich keine Angst davor, seine politischen Gedanken mit handfestem Exploitationkino zu kreuzen. Gerade diese Kombination macht Blood Quantum so eigenständig.

Und dahinter steckt tatsächlich Methode: Barnaby bezeichnete seinen Ansatz einmal augenzwinkernd als „Native exploitation“. Zwei seiner entscheidenden Einflüsse waren Romeros Night of the Living Dead und Obomsawins Incident at Restigouche. Für Blood Quantum ließ er seinen Darstellern den Dokumentarfilm sogar vor Drehbeginn zeigen. Die Barrikade des Zombie-Szenarios wurde bewusst an jener Stelle errichtet, an der 1981 die Polizei ihre Blockade aufgebaut hatte.

Das ist dann auch der Punkt, an dem ich dem Film seine dramaturgischen Unebenheiten gerne verzeihe.

Blood Quantum ist nicht vollkommen rund, aber verdammt eigenständig. Ein ruhiger, wunderschön fotografierter und plötzlich erstaunlich brutaler Zombie-Splatter, der seine indigene Perspektive nicht wie ein aufgeklebtes politisches Etikett vor sich herträgt, sondern aus ihr heraus überhaupt erst seine Identität entwickelt.

Kathedrale666-Urteil: Kein neuer Romero. Kein makelloser Zombieklassiker. Aber ein Film mit eigener Stimme – und davon gibt es unter den Untoten inzwischen wahrlich nicht mehr viele.

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