Bei Werwolffilmen steht und fällt bekanntlich alles mit dem Kreaturendesign. Das wurde bei diesem späten Achtzigerjahre-Videotheken-Heuler eigentlich ganz ordentlich gelöst. Umso ärgerlicher ist es, dass man den gelungenen Flauschpelz kaum zu Gesicht bekommt. Wenn man schon eine brauchbare Kreatur besitzt, sollte man sie schliesslich auch von der Leine lassen – doch erst im Finale darf das Monster endlich seine Krallen zeigen.
Das Blu-ray-Cover ist ein echtes Meisterwerk des Exploitation-Artworks: Ein gigantischer Werwolf mit glühend roten Augen und messerscharfen Reisszähnen verspricht das pure Grauen. Dummerweise scheint der Film selbst von diesem Werbeversprechen nichts gewusst zu haben. Statt pelzigem Terror liefert Night Shadow vor allem einen kruden Karate-Klopper rund um Stuart Quan. Der Martial-Arts-Darsteller verkörpert hier nicht nur den Protagonisten Tai Jung (und feiert sich bei jeder Gelegenheit gnadenlos selbst), sondern war auch für die Kampfchoreografien zuständig. Das erklärt immerhin, weshalb die zahlreichen Karateeinlagen so auffällig in den Vordergrund rücken.
Manchmal wirkt es, als hätte jemand zwei völlig unterschiedliche Drehbücher zusammengeschoben: einen kleinstädtischen Werwolfkrimi und einen amerikanischen Karatefilm aus der hintersten Ecke der Videothek. Das hätte durchaus seinen Trash-Reiz haben können, doch leider fehlt der Inszenierung die nötige Energie. Die Handlung plätschert mit zähen Dialogen und trägen Ermittlungen vor sich hin. Der Film ist schlicht zu geschwätzig, findet keinen Rhythmus und versucht dem Zuschauer eine Geschichte zu verkaufen, die eigentlich niemand sehen will. Denn seien wir ehrlich: Wer hier einschaltet, hat für den Wolf bezahlt – und bekommt stattdessen mehr Prügel als Pelz.
Horror-Bloodlines: Ein verspäteter Werwolf auf Abwegen
Filmgeschichtlich erschien Night Shadow zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Die grosse Werwolfwelle der frühen Achtzigerjahre lag bereits einige Jahre zurück. 1981 hatten John Landis mit An American Werewolf in London und Joe Dante mit The Howling eindrucksvoll demonstriert, was sich mit aufwendigen Masken, mechanischen Effekten und fantasievollen Verwandlungsszenen erreichen liess. Auch Wolfen aus demselben Jahr bereicherte das Genre um eine eigenwillige, düstere Variante. Diese Meilensteine schufen gigantische Erwartungen, an denen sich spätere Produktionen zwangsläufig messen lassen mussten.
Night Shadow – der stellenweise auch unter dem Alternativtitel Lycanthrope dokumentiert ist – gehört zu jenen wesentlich bescheidener ausgestatteten Nachzüglern, die zwar noch vom Restinteresse am schwindenden Genre profitieren wollten, aber längst nicht über die finanziellen und tricktechnischen Mittel der grossen Vorbilder verfügten. Die inhaltliche Verwandtschaft zu The Howling ist dennoch unübersehbar: Auch hier spielt eine Journalistin eine tragende Rolle und auch hier führen die Ermittlungen in eine scheinbar gewöhnliche amerikanische Kleinstadtidylle, hinter deren biederer Fassade das Unheil lauert.
Was der Film jedoch völlig von seinen prominenten Verwandten unterscheidet, ist die bizarre Symbiose mit dem Martial-Arts-Kino. Während die grossen Genrevertreter ihre Monster konsequent ins Zentrum rückten, schenkt die Regie hier dem Karatekämpfer mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit. Das ernüchternde Ergebnis ist ein klassischer Genre-Zwitter, der sich nie entscheiden kann, auf welcher Hochzeit er eigentlich tanzen will – und der am Ende weder als überzeugender Horrorfilm noch als mitreissender Action-Klopper funktioniert.
Ein Poster von John Carpenter, gefallene Stars und ein Justiz-Zeuge
Dass das Stöbern in solchen obskuren B-Movies überhaupt noch Spass macht, liegt letztlich an den faszinierenden Randgeschichten und Kuriositäten, die weit über die eigentliche Handlung hinausreichen. Eine der schönsten Entdeckungen des Films ist ein geniales Easter Egg an der Wand: Im Zimmer des Karatekämpfers hängt ein Kinoplakat von John Carpenters Big Trouble in Little China (1986). Was wie eine nette Deko wirkt, bekommt eine tiefere Bedeutung, wenn man weiss, dass Hauptdarsteller Stuart Quan selbst einen kleinen Auftritt in genau diesem Carpenter-Kultfilm hatte.
Auch die restliche Besetzung hält ein paar verblüffende Überraschungen parat. Mit Aldo Ray taucht hier ein Schauspieler auf, der bereits in den Fünfzigerjahren eine echte Hollywood-Karriere hingelegt hatte, ehe er später zunehmend in kleineren Genreproduktionen landete. Sein Mitwirken ist ein Paradebeispiel dafür, wie ehemalige Hollywoodgrössen im Low-Budget-Kino der späten Achtziger unterkamen. Noch kurioser ist allerdings die Beteiligung von Kato Kaelin. Der Mime wurde Jahre später durch seine Rolle als Hausgast und Schlüsselzeuge im spektakulären Mordprozess gegen O. J. Simpson einer weltweiten Öffentlichkeit bekannt – lange bevor er im US-Fernsehen Dauergast war, tummelte er sich also in dieser obskuren Werwolfproduktion.
Ein Phantom auf dem Regiestuhl
Doch nicht nur vor, auch hinter der Kamera stösst man auf Kinogeschichte, die im Nebel der Zeit versunken ist. Inszeniert wurde Night Shadow von Randolph Cohlan, der zudem am Drehbuch und der Produktion beteiligt war. Es sollte seine einzige dokumentierte Spielfilmregie bleiben – danach verschwand Cohlan fast spurlos aus den Filmografien. Ganz riss der Faden zur B-Movie-Welt jedoch nicht ab: Beim Actionfilm Line of Fire (Regie: Bruce Cook) taucht sein Name erneut als ausführender Produzent auf, flankiert von einigen altbekannten Gesichtern aus dem Night Shadow-Cast. Es ist das Zeugnis eines kleinen, eingeschworenen Netzwerks aus Schauspielern, Kampfkünstlern und Produzenten, das damals günstig Genrefilme auf den Markt warf und heute völlig in Vergessenheit geraten ist.
All diese skurrilen Details, Querverbindungen und Produktionsgeschichten sind letztlich weitaus interessanter als jede einzelne Passage des eigentlichen Drehbuchs. Und vielleicht liegt genau darin der wahre Reiz solcher Filme: Nicht zwingend in dem, was sie uns auf der Leinwand erzählen, sondern in den vergessenen Kinogeschichten, die sich hinter den Kulissen verbergen.
KATHEDRALE666 – Das Fazit
Night Shadow ist ein merkwürdiges Überbleibsel des späten Achtzigerjahre-Videothekenkinos. Ein Film mit einem durchaus gelungenen Werwolfdesign, der seine wichtigste Attraktion allerdings bis zum Finale weitgehend unter Verschluss hält. Stattdessen bekommen wir einen geschwätzigen Kleinstadtkrimi mit reichlich Karateeinlagen serviert, denen es nicht gelingt, der schleppenden Handlung dauerhaft Leben einzuhauchen. Stuart Quan darf sich austoben, Randolph Cohlan hinterlässt einen einzigen dokumentierten Regieausflug ins Spielfilmgeschäft, und der Werwolf wartet geduldig auf seinen grossen Auftritt.
Das ist als kuriose Genrevermischung durchaus bemerkenswert – als Unterhaltung hat es für mich allerdings nur bedingt funktioniert. Immerhin liefert der Film einige schöne Entdeckungen für unsere Horror-Bloodlines. Besonders das Big Trouble in Little China-Poster und die Verbindung zu Stuart Quan sind kleine Perlen, die man in solchen Produktionen nicht unbedingt erwartet.
Und dann wäre da natürlich noch dieses grossartige Blu-ray-Artwork. Ein Cover, das genau jene Versprechungen macht, mit denen früher ganze Videothekenregale gefüllt wurden. Man nahm die Kassette mit nach Hause, freute sich auf ein ordentliches Monsterfest und stellte irgendwann fest, dass der eigentliche Film ganz andere Interessen verfolgte.
Der Werwolf bekommt das Cover. Der Karatekämpfer bekommt den Film. Und ich? Ich hätte gerne etwas mehr Wolf und deutlich weniger Karateunterricht gehabt.


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