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Samstag, 10. Oktober 2026

Review: SHAUN DAS SCHAF – SPUK IM KÜRBISFELD - 2026

0075. SHAUN DAS SCHAF – SPUK IM KÜRBISFELD - 2026 - ofdb - Trailer
SCHOCKTOBER AUF SPARFLAMME
Mein Schocktober 2026 fällt dieses Jahr etwas bescheidener aus. Zwischen dem täglichen Wahnsinn im Coiffeursalon, dem Aufbau meiner Social-Media-Kanäle und diversen anderen Verpflichtungen bleibt momentan weniger Zeit für meine geliebte Kathedrale666, als mir eigentlich lieb wäre. Aber ein bisschen Halloween muss sein! Und so fand ich mich an einem Samstagnachmittag, dem 10. Oktober, pünktlich um 14 Uhr in einer Kindervorstellung wieder.
Keine bluttriefenden Dämonen, keine sadistischen Serienkiller, keine abgetrennten Köpfe. Stattdessen Schafe, Kürbisse, ein überforderter Hütehund und jede Menge britischer Knetfigurenwahnsinn. Auf dem Programm stand SHAUN DAS SCHAF – SPUK IM KÜRBISFELD (Originaltitel: Shaun the Sheep: The Beast of Mossy Bottom). Und siehe da: Ich wurde prächtig unterhalten!
50 JAHRE AARDMAN – HANDARBEIT STATT PIXELWAHNSINN
Dabei hatte ich durchaus meine Erwartungen. Nicht etwa an ein grosses Horrorspektakel, sondern an eine jener kleinen Halloween-Geschichten, die mit viel Liebe zum Genre und einem Augenzwinkern daherkommen. Und wenn das Ganze dann auch noch aus dem Hause Aardman stammt und in traditioneller Stop-Motion-Technik umgesetzt wurde, bin ich sowieso schon halb gewonnen.
Das traditionsreiche britische Animationsstudio feiert 2026 sein 50-jähriges Bestehen. Gegründet 1976 von Peter Lord und David Sproxton, entwickelte es sich über die Jahrzehnte zu einer der wichtigsten Adressen für Stop-Motion-Animation. Wallace & Gromit, Chicken Run und natürlich Shaun das Schaf gehören längst zum kulturellen Inventar des Animationsfilms. Shaun selbst erblickte übrigens bereits 1995 in Wallace & Gromit – A Close Shave das Licht der Leinwand. Mit Spuk im Kürbisfeld erlebt das wollige Chaos nun sein drittes grosses Kinoabenteuer. Dass der Knetfigurenhumor in der Schweiz eine treue Fangemeinde hat, beweisen die Zahlen: Die ersten drei Kinofilme lockten zwischen 2015 und 2024 insgesamt über 275'000 Besucher in die Schweizer Kinos.
Was ich an Aardman besonders schätze, ist diese unverwechselbare handwerkliche Ästhetik. Während sich ein Grossteil der heutigen Animationsindustrie auf digitale Perfektion konzentriert, dürfen hier Figuren noch aussehen, als wären sie tatsächlich von Menschenhand geformt worden. Da gibt es kleine Unebenheiten, eigenwillige Bewegungen, wunderbar schräge Gesichtsausdrücke und eine beinahe greifbare Materialität. Natürlich arbeitet auch Aardman längst mit moderner digitaler Unterstützung. Aber das Herz dieser Filme schlägt weiterhin im Rhythmus der Einzelbildanimation. Und irgendwie passt gerade diese Technik hervorragend zum klassischen Horrorkino. Schliesslich wurden auch die fantastischen Kreaturen eines Ray Harryhausen Bild für Bild zum Leben erweckt. Obwohl sich dessen Animationsverfahren technisch unterscheidet, verbindet beide eine Faszination: Aus unbelebtem Material entsteht plötzlich eine lebendige, fantastische Welt.
FRANKENSTEIN, GODZILLA, KING KONG – UND EIN SCHAF MIT GRÖSSENWAHN
Die Geschichte beginnt mit einer bevorstehenden Halloween-Feier auf der Farm. Doch als der liebevoll gepflegte Kürbisgarten der Schafherde verwüstet wird, droht das grosse Erntefest ins Wasser zu fallen. Shaun wäre allerdings nicht Shaun, wenn er nicht versuchen würde, die Angelegenheit auf seine ganz eigene Weise zu retten: Er verwandelt sich kurzerhand in einen verrückten Wissenschaftler. Und wie wir spätestens seit Mary Shelley wissen, sind Wissenschaftler, die mit der Natur herumexperimentieren, im Horrorgenre selten ein Garant für einen ruhigen Feierabend.
Was folgt, ist eine turbulente Monsterkomödie, die ihre filmhistorischen Vorbilder mit sichtlicher Freude durch den Kakao zieht. Besonders schön: Aardman belässt es nicht bei plumpen Zitaten. Die Anspielungen auf Frankenstein, Godzilla und King Kong sind teilweise derart subtil in die Handlung und die Bildgestaltung integriert, dass man als langjähriger Horrorfan ständig damit beschäftigt ist, vertraute Motive wiederzuerkennen. Eine regelrechte kleine Schatzsuche für Horror-Nerds! Hier wird nicht einfach ein berühmtes Monster ins Bild gestellt, damit auch der letzte Zuschauer den Witz versteht. Vielmehr spielen die Filmemacher mit Bewegungen, Situationen, Perspektiven und der vertrauten Bildsprache des klassischen fantastischen Kinos.
PSYCHO – UND DIE KINDER LACHEN MIT
Mein persönlicher Höhepunkt unter den zahlreichen Horroranspielungen war allerdings eine Sequenz, die sich bei Alfred Hitchcocks Psycho (1960) bedient. Wunderbar inszeniert, hervorragend getimt und so geschickt in den Slapstick eingebaut, dass ich meine helle Freude daran hatte. Das wirklich Bemerkenswerte daran war allerdings die Reaktion des jungen Publikums: Die Kinder im Kinosaal lachten. Und zwar über eine Szene, deren filmhistorische Vorlage sie vermutlich überhaupt nicht kannten.
Genau darin zeigt sich für mich die Qualität dieser Art von Filmparodie. Ein guter visueller Gag muss auch dann funktionieren, wenn man seine Inspirationsquelle nicht kennt. Wer Psycho gesehen hat, entdeckt eine zusätzliche Ebene und freut sich über die liebevolle Verballhornung eines der berühmtesten Moments der Filmgeschichte. Wer Hitchcock nicht kennt, lacht trotzdem. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele moderne Filmparodien verlassen sich darauf, dass das Publikum ihre Referenzen erkennt – ohne dieses Vorwissen bleibt vom Witz häufig nicht mehr viel übrig. Aardman gelingt hier das Gegenteil. Die Szene funktioniert als Komödie – und wird durch das filmhistorische Wissen des Zuschauers noch besser. Genau so muss eine gelungene Hommage aussehen.
DIE WAHREN MONSTER TRAGEN KEINE WOLLE
Doch hinter all den Kürbissen, Monstern und Slapstickeinlagen steckt eine erstaunlich interessante gesellschaftliche Aussage. Shaun wird im Verlauf der Geschichte als Monster wahrgenommen, entsprechend verurteilt und schliesslich verfolgt. Dabei interessiert sich kaum jemand dafür, was hinter diesem vermeintlichen Ungeheuer tatsächlich steckt. Die Menschen sehen etwas Fremdes, etwas Ungewöhnliches, etwas, das nicht in ihre Vorstellung von Normalität passt – und schon wird daraus eine Bedrohung. Die Reaktion folgt beinahe automatisch: Angst, Ablehnung, Verfolgung. Niemand scheint dabei ernsthaft zu hinterfragen, ob das vermeintliche Monster tatsächlich gefährlich ist. Noch weniger hinterfragen die Verfolger ihr eigenes Verhalten.
Und genau hier wird die Geschichte plötzlich wesentlich interessanter, als man es von einem harmlosen Kinderfilm erwarten würde. Denn wer ist eigentlich das wirkliche Monster? Das Geschöpf, das aufgrund seiner Andersartigkeit verfolgt wird? Oder jene Menschen, die sich in ihrer Angst und Selbstgerechtigkeit zu einer gnadenlosen Meute zusammenschliessen?
Die Parallele zu Mary Shelleys Frankenstein (1818) ist offensichtlich. Auch Frankensteins Geschöpf wird aufgrund seines Äusseren abgelehnt und ausgegrenzt. Seine tragische Entwicklung ist untrennbar mit der Grausamkeit seiner Mitmenschen verbunden. Spätere Kinorivalen wie James Whales Verfilmung von 1931, King Kong (1933) oder Godzilla (1954) eint dieselbe Kernfrage: Ist das Monster das Böse – oder nur das sichtbare Ergebnis menschlicher Verantwortungslosigkeit? Aardman greift dieses uralte Horrormotiv auf und verpackt es in eine Form, die selbst ein junges Publikum versteht. Ohne erhobenen Zeigefinger. Ohne moralische Predigt. Und vor allem, ohne dabei den Humor zu verlieren. Das wahre Monster ist nicht immer das Geschöpf, vor dem alle davonlaufen. Manchmal ist es die Meute, die hinter ihm herrennt.
SMARTPHONES, UMWELT UND EIN PAAR TRIVIA-HÄPPCHEN
Auch abseits der eigentlichen Monstergeschichte verteilt das Regie-Duo Steve Cox und Matthew Walker zusammen mit den Drehbuchautoren Mark Burton und Giles Pilbrow einige durchaus bissige Seitenhiebe. Besonders aufgefallen ist mir der Umgang mit unserer Umwelt und die Darstellung der modernen Smartphone-Gesellschaft. Gerade die Handynutzung wird stellenweise herrlich schnippisch inszeniert. Es ist diese typisch britische Form der Gesellschaftssatire, bei der nicht lange erklärt werden muss, was gerade kritisiert wird. Ein Blick, eine Geste oder eine absurde Situation genügen. Die Menschen sind mit ihren eigenen Interessen, technischen Spielereien und gesellschaftlichen Gewohnheiten derart beschäftigt, dass sie ihre Umgebung kaum noch bewusst wahrnehmen.
Auch die Figur einer Social-Media-Influencerin fügt sich in diese zeitgemässe Satire ein (im englischen Original passenderweise gesprochen von Promi-Gastsprecherin Dani Dyer, neben weiteren bekannten Stimmen wie Nina Sosanya, Paul Whitehouse und Roman Kemp). Das alles wird nicht besonders tiefgründig ausdiskutiert. Muss es auch nicht. Schliesslich befinden wir uns noch immer in einem Familienfilm über ein Schaf, das einen Kürbisgarten retten möchte. Aber gerade die Leichtigkeit, mit der solche Themen angeschnitten werden, macht den Film sympathisch. Kinder lache über den unmittelbaren Unsinn, Erwachsene erkennen möglicherweise die eine oder andere unangenehme Wahrheit über ihre eigene Generation. Musikalisch rundet das britische Hip-Hop-Duo Rizzle Kicks das Ganze ab, das wie schon beim ersten Kinofilm 2015 eine gelungene Neuinterpretation des bekannten Shaun-Titelsongs Life's a Treat beisteuert.
Innerhalb der Aardman-Filmografie findet sich zudem in Wallace & Gromit – The Curse of the Were-Rabbit (2005) ein besonders schöner Vorläufer, an dem Drehbuchautor Mark Burton ebenfalls mitschrieb. Damals wurde der klassische Werwolfmythos in eine herrlich absurde Geschichte über ein monströses Kaninchen verwandelt. Spuk im Kürbisfeld führt diese Tradition perfekt weiter.

FAZIT – EIN KLEINES HALLOWEEN-VERGNÜGEN MIT HIRN
Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld ist selbstverständlich kein Horrorfilm, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er will und kann es auch gar nicht sein. Was Aardman hier abliefert, ist eine charmante, temporeiche und stellenweise herrlich respektlose Liebeserklärung an das klassische Monstergenre. Die zahlreichen Easter Eggs dürften vor allem älteren Horrorfans Freude bereiten. Besonders die wunderbar inszenierte Psycho-Anspielung zeigt, wie geschickt die Filmemacher mit bekannten Motiven umgehen, ohne dabei das junge Publikum auszuschliessen.
Dass sich zwischen all den Slapstickeinlagen auch noch kleine gesellschaftskritische Spitzen und eine durchaus ernst zu nehmende Aussage über Vorurteile und Ausgrenzung verstecken, macht die Angelegenheit umso sympathischer. Natürlich darf man keine tiefschürfende philosophische Abhandlung erwarten. Aber für einen Familienfilm gelingt es Aardman erstaunlich gut, Unterhaltung und gesellschaftliche Beobachtung miteinander zu verbinden. Und die Stop-Motion-Animation besitzt ohnehin einen Charme, dem ich mich nur schwer entziehen kann.
Mein Schocktober 2026 mag zeitlich etwas eingeschränkt sein. Aber dieser kleine Abstecher ins Kinderkino hat sich gelohnt. Manchmal braucht es eben weder literweise Kunstblut noch einen maskierten Irren mit einer Motorsäge, um einen unterhaltsamen Halloween-Nachmittag zu verbringen. Manchmal genügt ein Schaf. Und manchmal erinnert uns ausgerechnet ein Kinderfilm daran, dass die gefährlichsten Monster nicht unbedingt diejenigen sind, die wie Monster aussehen.

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