Der Tag, an dem ich den „Zahnfee“-Killer traf - Dortmund April 2019
Thomas Harris’ Meisterwerk Roter Drache (1981) habe ich damals regelrecht verschlungen. Als sieben Jahre später Das Schweigen der Lämmer erschien, war ich zwar gefesselt, aber der Roman reichte für mich nie ganz an den genialen Vorgänger heran. Bei den Filmen sieht das anders aus: Das Schweigen der Lämmer hat mich damals im Kinosessel regelrecht zersägt. Ein absolutes Meisterwerk des Psychoterrors.
Doch mein Herz schlägt besonders für Michael Manns Blutmond (Manhunter) aus dem Jahr 1986 – die erste, unerreichte Verfilmung von Roter Drache. Die visuell glatte Neuverfilmung von 2002 habe ich dagegen völlig zurecht aus meinem Gedächtnis gelöscht.
In Blutmond brillierte William L. Petersen als obsessiver Ermittler Will Graham mit genialem Minimalismus. Doch die wahre Pracht des Grauens war Tom Noonan als Serienkiller Francis Dollarhyde – die „Zahnfee“. Und genau diesem Mann sollte ich im April 2019 auf der Comic Con in Dortmund leibhaftig begegnen.
Es war früh am Tag, als ich Noonans Autogrammstation ansteuerte. Sein Stand lag fast schon symbolisch isoliert in einem kleinen, ruhigen Seitenarm der grossen Halle, direkt neben Hannah Murray (Game of Thrones). Während sich anderswo die Massen drängten, herrschte bei Noonan gähnende Leere. Keine Wartezeit. Kein Puffer. Plötzlich stand ich allein vor Francis Dollarhyde.
Mein Missionsziel: die Blu-ray von Manhunter und ein Szenenbild signieren zu lassen. Natürlich hatte ich Noonans ikonische Fratze auch als Cain in RoboCop 2 oder als Frankensteins Monster in Monster Busters vor Augen. Aber an diesem Tag zählte für mich nur der sanftmütige, psychopathische Riese aus Blutmond.
Die Realität war surreal. Tom Noonan erlebte ich als extrem ruhigen, fast schon schüchternen Mann. Dieser sanfte Riese passte erstaunlich gut zu seiner ebenfalls stillen Standnachbarin Hannah Murray. Als ich ihn nach einem „Proof-Foto“ beim Signieren fragte, nickte er völlig unkompliziert. Doch dann passierte das Missverständnis: Er dachte, ich wollte ein gemeinsames Foto mit ihm machen, lächelte und stand bereits von seinem Stuhl auf. Ein über zwei Meter grosser Leinwandkiller, bereit für ein bürgerliches Erinnerungsfoto.
Und hier setzt mein ewiges Hadern ein. Ein gemeinsames Foto hatte ich vorab nämlich gar nicht gebucht. Und wer Conventions kennt, weiss: Alles kostet extra, erst recht ein Selfie mit einem Stargast. Obwohl gerade kein Standpersonal hinsah und Noonan schon aufrecht vor mir stand, setzte sich meine schweizerische Gründlichkeit durch. Ich erklärte brav, dass ich doch nur einen Schnappschuss von ihm beim Signieren gemeint hatte.
Das fuchst mich bis heute. Ich war einfach zu ehrlich für diese Welt und damals wohl auch noch zu unerfahren auf Conventions. Heute würde ich in so einer Situation die Gunst der Stunde nutzen und zumindest fragen, ob wir trotzdem schnell ein gemeinsames Bild machen können. Damals liess ich die Gelegenheit einfach verstreichen und Noonan setzte sich wieder hin.
Meine Signaturen bekam ich aber natürlich. Bis heute gehören sie zu den absoluten Lieblingsstücken meiner Sammlung. Ich hole sie immer wieder hervor, schaue sie an und geniesse einfach die Erinnerung an diese intime Begegnung.
Tom Noonan ist am 14. Februar 2026 verstorben. Seitdem bedeutet mir dieser kurze, persönliche Moment noch so viel mehr. Die signierten Stücke haben dadurch eine ganz neue, bittersüsse Bedeutung bekommen. Der finanzielle Wert? Der hat für mich nie eine Rolle gespielt. Ich habe meine Sachen nie mit dem Gedanken signieren lassen, sie irgendwann gewinnbringend auf eBay zu verscherbeln.
Ich sammle für mich. Für die pure Freude an den Filmen, für genau solche unvergesslichen Begegnungen und für das unbezahlbare Gefühl, ein kleines Stück Kinogeschichte mit nach Hause nehmen zu dürfen.






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