0076. RINGU 0: BIRTHDAY - 2000 - ofdb - Trailer
Wenn die Geburt des Grauens zur Geduldsprobe wird
Es gibt Filme, denen man nach vielen Jahren gerne eine zweite Chance gibt. Nicht unbedingt, weil man sie damals besonders mochte, sondern weil man neugierig ist, ob sich die eigene Wahrnehmung verändert hat. Vielleicht war man seinerzeit zu ungeduldig, vielleicht fehlte einem das Verständnis für eine bestimmte Erzählweise. Oder vielleicht entdeckt man heute Qualitäten, die einem früher schlicht entgangen sind.
Bei Ringu 0: Birthday liegt meine erste Begegnung mittlerweile über ein Jahrzehnt zurück. Was davon in Erinnerung geblieben ist? Vor allem eine ausgesprochen zähe, schleppende und wenig aufregende Angelegenheit.
Nun liegt der japanische Horrorfilm in einer neuen Mediabook-Veröffentlichung von Plaion Pictures vor. Grund genug, Sadako noch einmal einen Besuch abzustatten.
Das Ergebnis? Nun ja. Manche Erinnerungen trügen eben doch nicht.
Die Frau hinter dem Fluch
Mit Ringu gelang Hideo Nakata 1998 ein Film, der dem japanischen Geisterhorror international zu enormer Aufmerksamkeit verhalf. Die Geschichte um ein verfluchtes Videoband und die unheimliche Sadako entwickelte eine Bildsprache, deren Einfluss weit über das japanische Kino hinausreichte.
Zwei Jahre später versuchte sich Regisseur Norio Tsuruta mit Ringu 0: Birthday an der Vorgeschichte jener Frau, die später zum Inbegriff eines modernen japanischen Rachegeistes werden sollte.
Die Handlung führt uns zurück in die Vergangenheit. Sadako ist noch eine junge Frau, die sich einer Theatergruppe anschliesst und versucht, ein weitgehend normales Leben zu führen. Doch ihre Anwesenheit löst zunehmend Misstrauen, Angst und unerklärliche Ereignisse aus.
Anstatt die bekannte Geisterfigur erneut als unbegreifliche Bedrohung zu inszenieren, interessiert sich der Film vor allem für den Menschen hinter dem späteren Fluch.
Das ist zunächst ein durchaus reizvoller Ansatz.
Denn Sadako steht in einer langen Tradition japanischer Geistergestalten, insbesondere der sogenannten Onryō, deren übernatürliche Rache häufig aus menschlichem Leid, Verrat und erlittenem Unrecht erwächst.
Diese kulturellen Wurzeln gehören für mich zu den faszinierendsten Aspekten des asiatischen Horrorkinos. Das Grauen entsteht nicht ausschliesslich aus Monstern und übernatürlichen Erscheinungen, sondern aus menschlichen Tragödien, die über den Tod hinauswirken.
Leider bedeutet eine interessante mythologische Grundlage noch lange nicht, dass daraus automatisch ein spannender Film entsteht.
Wenn Minimalismus zur Geduldsprobe wird
Man sollte Norio Tsuruta keineswegs unterstellen, er beherrsche sein Handwerk nicht. Vielmehr verfolgt Ringu 0 einen ausgesprochen natürlichen, beinahe spröden Inszenierungsstil, der sich konsequent jeder visuellen Überhöhung verweigert. Die Kamera bleibt unaufdringlich, die Schauplätze alltäglich, die Dialoge ausgedehnt. Das mag durchaus einer bewussten ästhetischen Entscheidung entsprechen, stellt die Sehgewohnheiten und vor allem die Geduld des Publikums jedoch auf eine erhebliche Probe.
Problematisch wird dieser Purismus dort, wo die filmische Reduktion keinen atmosphärischen Mehrwert erzeugt. Wo aus Alltäglichkeit keine Bedrohung erwächst und aus Langsamkeit keine Spannung entsteht.
Denn Reduktion allein ist noch keine Kunst.
Gerade die visuelle Gestaltung empfinde ich als ausgesprochen enttäuschend. Die Bildarrangements bleiben über weite Strecken generisch und austauschbar. Die Schauplätze besitzen kaum eine eigene filmische Identität. Vieles erinnert eher an eine schlicht ausgestattete Fernsehproduktion als an einen Kinofilm, der seine Zuschauer in eine fremdartige Welt entführen möchte.
Natürlich muss ein Horrorfilm nicht zwangsläufig aufwendige Kulissen, spektakuläre Kamerafahrten oder raffinierte Lichteffekte bieten.
Im Gegenteil.
Gerade das Unheimliche kann sich in vollkommen gewöhnlichen Räumen entfalten. Ein leerer Flur, eine offene Tür oder eine regungslose Gestalt im Hintergrund können mehr Schrecken erzeugen als jede noch so aufwendige Spezialeffektorgie.
Aber dafür braucht es ein Gespür für Bildkomposition, Timing und Atmosphäre.
Bei Ringu 0 bleibt das Alltägliche für meinen Geschmack viel zu häufig einfach nur alltäglich.
Viel Schwermut, wenig Spannung
Hinzu kommt eine Erzählweise, die sich beinahe demonstrativ jeder Dynamik verweigert.
Die Figuren bewegen sich durch eine Welt permanenter Niedergeschlagenheit. Gespräche ziehen sich in die Länge, emotionale Reaktionen bleiben häufig zurückgenommen, und die Handlung scheint nur widerwillig voranzuschreiten.
Was vermutlich tragische Schwere erzeugen soll, entwickelt sich zunehmend zur emotionalen Einbahnstrasse.
Dabei möchte ich ausdrücklich nicht die japanische Schauspieltradition grundsätzlich kritisieren. Unterschiedliche Filmkulturen besitzen unterschiedliche Ausdrucksformen, und gerade die Zurückhaltung kann ein ausgesprochen wirkungsvolles Stilmittel sein.
Nur funktioniert sie für mich in dieser konkreten Inszenierung kaum.
Die Figuren bleiben über weite Strecken erstaunlich eindimensional. Ihre Niedergeschlagenheit überträgt sich weniger als emotionale Betroffenheit auf den Zuschauer, sondern vielmehr als zunehmende Ermüdung.
Auch das Drehbuch vermag diesen Eindruck nicht entscheidend aufzufangen. Die vielen Dialogpassagen entwickeln für mein Empfinden zu wenig erzählerischen Schwung. Konflikte und Entwicklungen werden mit einer Behäbigkeit vorgetragen, die selbst geduldige Zuschauer herausfordern dürfte.
Irgendwann ertappt man sich dabei, wie man weniger auf die nächste unheimliche Erscheinung wartet als auf die nächste erkennbare Bewegung der Handlung.
Und wenn selbst ein durchschnittlicher sonntäglicher Tatort plötzlich wie ein dynamischer Thriller erscheint, gerät die Dramaturgie eines Horrorfilms zumindest aus meiner Sicht in Schwierigkeiten.
Die Kunst des langsamen Erzählens
Dabei wäre es unfair, Ringu 0 allein deshalb abzuwerten, weil er langsam erzählt ist.
Auch heute existiert ein Publikum für entschleunigtes, atmosphärisches Kino. Filme müssen nicht im Minutentakt neue Reize liefern, um zu funktionieren.
Im Gegenteil: Gerade das Horrorgenre lebt häufig davon, Erwartungen hinauszuzögern, Unsicherheit entstehen zu lassen und das Publikum mit einer Bedrohung zu konfrontieren, die zunächst kaum greifbar erscheint.
Doch zwischen bewusst aufgebauter Spannung und schlichter Langatmigkeit liegt ein erheblicher Unterschied.
Ringu 0 bereitet seine wenigen unheimlichen Momente mit grosser Geduld vor. Die Inszenierung setzt auf Andeutungen, Zurückhaltung und eine schleichende Entwicklung des Übernatürlichen.
Nur entsteht dabei für mich viel zu selten jene unterschwellige Spannung, die eine solche Erzählweise tragen müsste.
Die traditionellen Geistererscheinungen besitzen durchaus ihren kulturhistorischen Reiz. Als unmittelbare Schreckensmomente funktionieren sie für mich jedoch kaum noch. Zu häufig sehe ich lediglich Menschen, die versuchen, unheimlich auszusehen.
Das mag auch eine Frage persönlicher Sehgewohnheiten sein.
Dennoch sollte ein Horrorfilm seine übernatürlichen Erscheinungen nicht allein durch deren kulturelle Bedeutung legitimieren müssen.
Nicht jeder Film, der sein Publikum langweilt, ist deshalb anspruchsvoll.
Und nicht jede lange vorbereitete Überraschung wird dadurch wirkungsvoller, dass man besonders lange auf sie warten muss.
HORROR-BLOODLINES: Ein französischer Schatten auf japanischer Bühne
Ein interessantes Detail findet sich ausgerechnet in der Theaterwelt, die einen wesentlichen Teil der Handlung bestimmt.
Das innerhalb des Films aufgeführte Stück The Mask weist eine berichtete Verbindung zu Georges Franjus französischem Horrorklassiker Les Yeux sans visage (Augen ohne Gesicht, 1960) auf.
Diese filmhistorische Spur verdient Aufmerksamkeit, auch wenn die genaue Art der Bezugnahme noch näher überprüft werden sollte.
Franjus Film beschäftigt sich auf verstörende Weise mit Identität, körperlicher Erscheinung und dem Verlust menschlicher Selbstbestimmung.
Gerade im Zusammenhang mit Sadako ergeben sich interessante thematische Berührungspunkte.
Auch sie ist eine Figur, deren äussere Erscheinung und innere Identität zunehmend von den Ängsten und Vorstellungen ihrer Umgebung bestimmt werden.
Das Theatermilieu bietet dafür einen passenden Rahmen: Menschen verkörpern fremde Identitäten, verstecken sich hinter Rollen und werden von anderen beobachtet und beurteilt.
Ob diese Verbindung von den Filmemachern bewusst in ihrer ganzen Tragweite angelegt wurde, sei dahingestellt.
Als Teil einer grösseren Horrorfilmgeschichte ist sie jedenfalls bemerkenswert.
Und sie zeigt, dass selbst ein Film, der mich persönlich kaum überzeugen konnte, interessante Verbindungen zu anderen Werken des Genres besitzen kann.
Wenn das Monster seine Geschichte bekommt
Die eigentliche Stärke von Ringu 0 liegt letztlich in seiner Grundidee.
Der Film versucht, Sadako aus ihrer Rolle als gesichtslose Schreckensgestalt herauszulösen und ihr eine menschliche Vergangenheit zu geben.
Aus dem übernatürlichen Monster wird eine tragische Figur.
Das ist ein legitimer und durchaus interessanter Ansatz. Allerdings bringt er ein grundsätzliches Problem mit sich.
Je mehr wir über ein Monster erfahren, desto mehr verliert es möglicherweise von seinem Geheimnis.
Der ursprüngliche Ringu bezog einen erheblichen Teil seiner Wirkung aus der Ungewissheit. Sadako war nicht einfach eine gewöhnliche Filmfigur, sondern eine unheimliche Präsenz, deren Geschichte nur bruchstückhaft greifbar wurde.
Ringu 0 versucht nun, diese Leerstellen mit menschlichen Konflikten, persönlichen Verletzungen und einer tragischen Vorgeschichte zu füllen.
Damit verändert sich zwangsläufig auch der Charakter des Films.
Aus dem rätselhaften Geisterhorror wird über weite Strecken ein melancholisches Drama mit übernatürlichen Elementen.
Das muss keineswegs schlechter sein.
Aber es muss emotional funktionieren.
Und genau dort erreicht mich Ringu 0 zu selten.
Die tragische Dimension der Geschichte ist erkennbar, doch ihre filmische Umsetzung entwickelt für mich nicht genügend Kraft, um die zahlreichen Längen aufzuwiegen.
FAZIT: Eine zweite Chance, die wenig verändert
Über zehn Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Ringu 0: Birthday hat sich meine Einschätzung kaum verändert.
Noch immer empfinde ich den Film als ausgesprochen zäh, dialoglastig und visuell wenig inspiriert.
Sein natürlicher, puristischer Stil besitzt zweifellos eine eigene Konsequenz. Und ich kann durchaus nachvollziehen, dass Liebhaber des traditionellen japanischen Geisterhorrors gerade diese Zurückhaltung schätzen.
Auch die Beschäftigung mit Sadakos Vergangenheit und den kulturellen Wurzeln japanischer Rachegeister verleiht dem Film einen gewissen Reiz.
Nur reicht mir das nicht.
Zu wenig Atmosphäre, zu wenig Spannung und eine Bildgestaltung, die mich über weite Strecken eher an ein gewöhnliches Fernsehdrama erinnert, machen die erneute Sichtung zu einer bemerkenswerten Geduldsprobe.
Vielleicht liegt darin sogar eine gewisse Ironie.
Ein Film, der die Geburt einer der berühmtesten Schreckensgestalten des modernen Horrorkinos erzählen möchte, entwickelt ausgerechnet dort seine grösste Wirkung, wo er eigentlich niemanden erschrecken sollte: beim Kampf gegen die eigene Müdigkeit.
Natürlich kann man seine Langsamkeit als künstlerische Konsequenz interpretieren, seine Schlichtheit als bewusste ästhetische Entscheidung verteidigen und seine Melancholie als tragendes Element würdigen.
All das ist legitim.
Doch am Ende muss ein Film auch etwas in seinem Publikum auslösen.
Bei mir war es leider überwiegend der Wunsch, dass endlich etwas passiert.
Ein Film darf langsam sein. Er muss dem Zuschauer aber einen Grund geben, in seiner Langsamkeit zu verweilen.
Ringu 0 hat mir diesen Grund auch beim zweiten Anlauf nur selten geliefert.
Und so bleibt eine übernatürliche Tragödie, deren kultureller Hintergrund mich deutlich stärker interessiert als ihre filmische Umsetzung.
Sadako mag für schlaflose Nächte verantwortlich sein. Ihr Prequel empfiehlt sich dagegen beinahe als Einschlafhilfe.

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