0077. MIRRORS - 2008 – Mehrsichtung - ofdb - TrailerManche Horrorfilme verlieren mit den Jahren spürbar ihre Wirkung. Andere wiederum funktionieren selbst bei einer erneuten Sichtung erstaunlich gut. Regisseur Alexandre Ajas übernatürlicher Mystery-Horror Mirrors (2008) gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Ich habe mir den Film noch einmal als Unrated von Studiocanal angeschaut und war überrascht, wie kraftvoll, atmosphärisch und explosiv er auch heute noch daherkommt. Eines vorweg: Hinter diesen Spiegeln wartet definitiv kein Happy End.
Von Südkorea nach Hollywood: Die Horror-Bloodlines
Um die Faszination des Films zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Wurzeln. Mirrors ist eine Neuinterpretation des südkoreanischen Horrorfilms Into the Mirror (2003) von Kim Sung-ho. Damit steht Ajas Werk in der Tradition jener asiatischen Erfolgsproduktionen, deren internationale Welle in den 2000er-Jahren zahlreiche amerikanische Remakes nach sich zog – man denke nur an The Ring oder The Grudge.
Spannend ist dabei, wie Aja die fernöstliche Vorlage in seine eigene, deutlich körperlichere Horrorästhetik überführt. Während das Motiv des unheimlichen Spiegelbildes im Original vor allem psychologisch funktioniert, setzt der französische Regisseur zusätzlich auf drastische Gewalt und spektakuläre Schockmomente. Mirrors verbindet die subtile, übernatürliche Bedrohung des asiatischen Kinos perfekt mit jener kompromisslosen Härte, für die Aja bereits durch High Tension und sein Remake von The Hills Have Eyes berühmt-berüchtigt geworden war.
Die Badewanne: Wenn der Horror seine Zähne zeigt
Diese Mischung sorgt dafür, dass sich einzelne Szenen tief in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Allen voran die berüchtigte Badewannenszene: Hier demonstriert Aja meisterhaft, wie wirkungsvoll die Kombination aus alltäglicher Umgebung und drastischen Spezialeffekten sein kann. Der Schrecken entfaltet sich nicht in einem fernen Spukschloss, sondern im vermeintlich sicheren privaten Badezimmer. Gerade diese Verlagerung in den Alltag macht die Sequenz so unangenehm. Ein Spiegel hängt schliesslich in nahezu jeder Wohnung – und nach dieser Szene betrachtet man das eigene Abbild unweigerlich mit anderen Augen.
Kiefer Sutherland: Ein vertrautes Gesicht im Abgrund
Getragen wird diese düstere Reise von einem Hauptdarsteller, den ich ohnehin seit The Lost Boys (1987) ausserordentlich schätze: Kiefer Sutherland. Er spielt Ben Carson, einen ehemaligen Polizisten, der einen Job als Nachtwächter in einem prachtvollen, aber völlig ausgebrannten Kaufhaus antritt. Inmitten der verkohlten Ruinen stößt er auf riesige, makellose Spiegel – und auf das Grauen, das in ihnen lauert.
Sutherland füllt diese Rolle perfekt aus. Er spielt keinen strahlenden Helden, sondern einen bereits angeschlagenen Mann. Mit einer greifbaren Mischung aus Erschöpfung, Verzweiflung und wachsender Besessenheit transportiert er den psychologischen Verfall seiner Figur. Man kauft ihm jede Sekunde ab, wie sein ohnehin instabiles Leben durch den Terror der Spiegel endgültig aus den Fugen gerät.
Das Kaufhaus: Eine grossartige Idee mit einem räumlichen Problem
Trotz all dieser Stärken liegt im Schauplatz mein grösster Kritikpunkt. Ein ausgebranntes Kaufhaus voller Spiegel besitzt eigentlich enormes Potenzial. Die zerstörte Architektur, die Dunkelheit und die Reflexionen müssten eine bedrückende, beinahe greifbare Umgebung ergeben. Doch genau dieses Gefühl der Immersion stellte sich bei mir nicht ein.
Ich hatte nie wirklich den Eindruck, gemeinsam mit Sutherland durch das Gebäude zu gehen. Die Räume sehen zwar eindrucksvoll aus, ergeben aber keine nachvollziehbare räumliche Welt. Wo befinden wir uns gerade? Wie hängen die Bereiche zusammen? Das Gebäude bleibt eine Ansammlung atmosphärischer Kulissen, was durch eine stellenweise zu stark computergenerierte Bildgestaltung noch verstärkt wird.
Gerade im Vergleich zu Klassikern wie The Shining, House oder The Relic fällt das auf: Dort besitzen die Orte eine eigene Identität, man entwickelt als Zuschauer eine innere Landkarte. Ein guter Horror-Schauplatz ist ein Ort, an dem man sich aufzuhalten glaubt – und hier verschenkt Mirrors einiges an Potenzial.
Mythos Spiegel und ein Ende ohne Hollywood-Trost
Vollkommen überzeugen kann der Film hingegen wieder auf der mythologischen Ebene. Der Spiegel ist eines der ältesten Motive des fantastischen Erzählens – von Edgar Allan Poes Doppelgänger-Erzählung William Wilson (1839) bis hin zu Alfred Hitchcocks Identitätsspielen. Er zeigt uns die Wirklichkeit und bildet sie doch verkehrt ab. Aja greift zudem den alten Volksglauben auf, nach einem Todesfall die Spiegel im Haus abzudecken, damit die Seele des Verstorbenen nicht darin gefangen bleibt. Der Spiegel als Grenze zwischen unserer Welt und dem Unbekannten – mit dieser Urangst spielt der Film meisterhaft.
Besonders gelungen ist der Schluss. Mirrors verweigert dem Publikum die beruhigende Gewissheit, dass nach dem überstandenen Albtraum wieder alles in Ordnung ist. Das Finale besitzt eine ausgesprochen bittere Konsequenz, die der Grenze zwischen der Realität und der Welt hinter den Spiegeln eine völlig neue Bedeutung gibt. Gerade dieser letzte Kniff überzeugt: Kein bequemes Happy End, keine versöhnliche Rückkehr in den Alltag. Stattdessen hinterlässt der Film einen unangenehmen, nachhallenden Gedanken, der weit über den Abspann hinaus bestehen bleibt – und das ist wesentlich befriedigender als ein erzwungener Hollywood-Schluss, bei dem sich alle Probleme rechtzeitig in Wohlgefallen auflösen.
KATHEDRALE666 – DAS FAZIT
Mirrors bleibt auch nach erneuter Sichtung ein kraftvoller und stellenweise ausgesprochen brutaler Schocker. Der Film profitiert von Alexandre Ajas kompromissloser Inszenierung, einem stark aufspielenden Kiefer Sutherland und den faszinierenden asiatischen Horror-Wurzeln.
Die grösste Schwäche liegt im verschenkten Potenzial des ausgebrannten Kaufhauses: Statt einer bedrückenden, räumlich erfahrbaren Horrorwelt bleibt das Gebäude leider nur eine eindrucksvolle, aber wenig greifbare Kulisse.
Dank der drastischen Schockmomente und des herrlich bitteren Finales gehört Mirrors für mich dennoch zu den bemerkenswertesten übernatürlichen Horrorfilmen der 2000er-Jahre.
Kurzum: Die Spiegel sind erschreckend. Das Kaufhaus bleibt Kulisse. Und das Ende ist erfreulich gnadenlos.
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