0084. A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT - 2014 - ofdb - Trailer
Eine Indie-Noir-Groteske zwischen Vampirromantik, Feminismus und musikalischem Rausch
USA · 2014 · Regie und Drehbuch: Ana Lily Amirpour · Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Mozhan Marnò, Dominic Rains, Marshall Manesh · Laufzeit: ca. 100 Minuten
Achtung: Diese Analyse enthält vollständige Spoiler.
Ein iranischer Vampirwestern aus Kalifornien. Eine Stadt, die es nicht gibt. Eine Vampirin, die nachts männlichen Abschaum entsorgt. Und ein Horrorfilm, der seine grösste Stärke ausgerechnet dann entwickelt, wenn er die Musik von der Leine lässt.
Willkommen in Bad City – oder was zum Teufel schaue ich hier eigentlich?
Manchmal legt man einen Film ein und wird völlig unvorbereitet überrollt. Bei Ana Lily Amirpours A Girl Walks Home Alone at Night trifft ein iranischer Vampirwestern in Schwarz-Weiss auf amerikanisches Independentkino. Das Highlight? Eine verschleierte Vampirin auf einem Skateboard. Schon nach wenigen Minuten fragt man sich: Ist das noch Horror oder schon ein eigenwilliges Kunstexperiment?
Die Handlung führt uns nach Bad City, einer heruntergekommenen, fiktiven iranischen Stadt. Drogenabhängigkeit, Prostitution und Kriminalität bestimmen hier den trostlosen Alltag. Mittendrin lebt Arash: ein junger Mann mit einem alten amerikanischen Sportwagen, einem heroinabhängigen Vater und einer düsteren Zukunftsperspektive. Und irgendwo in diesen nächtlichen Strassen lauert eine geheimnisvolle, blutsaugende Frau.
Das klingt nach klassischem Horror, doch Regisseurin Amirpour verweigert sich jedem Genre-Standard. Statt Action liefert sie extrem lange Einstellungen, schweigsame Figuren, sorgfältig komponierte Schwarz-Weiss-Bilder und eine Erzählweise, die sich teilweise demonstrativ weigert, vorwärtszukommen.
Die Herkunft des Films birgt dabei eine besondere Skurrilität: Er wird gerne als erster „iranischer Vampirwestern“ vermarktet. Das klingt wunderbar exotisch, ist tatsächlich aber eine amerikanische Independent-Produktion, die im kalifornischen Taft gedreht wurde. Die Regisseurin Ana Lily Amirpour – in England geboren und in den USA aufgewachsen – nutzt zwar die persische Sprache, erschafft aber ein reines Fantasieprodukt. Es ist ein wilder Mix aus iranischer Kultur, amerikanischer Popästhetik, Westernmotiven und Vampirromantik.
Anfangs wirkte diese Konstruktion auf mich wie ein kulturelles Placebo. Ein amerikanischer Film, der vorgibt, iranisch zu sein, während seine Kulisse aus Kalifornien stammt. Doch Amirpour will gar keinen authentischen Iran abbilden. Bad City ist ein künstlicher Ort, eine Geisterstadt, die weniger einer geografischen Realität als einem filmischen Albtraum entspringt. Genau diese Künstlichkeit ist Programm.
Deshalb bleibt die Bezeichnung „iranischer Vampirwestern“ für mich eher ein reizvolles Marketing-Etikett als eine präzise Beschreibung. Ich würde den Film stattdessen lieber als Indie-Noir-Groteske bezeichnen – das trifft seinen wahren Charakter wesentlich besser.
Schon der Filmtitel spielt dabei geschickt mit einer klassischen Urangst: Eine Frau geht nachts allein nach Hause. Doch statt des erwarteten Opfers sehen wir hier die Gefahr selbst. Sheila Vand spielt die namenlose Vampirin mit unheimlicher Zurückhaltung – wortkarg, mit langen Blicken und minimaler Emotion. Sie beobachtet und kontrolliert die Strassen. Ihre Opfer sind dabei bevorzugt die schlimmsten Vertreter der männlichen Bevölkerung, wie der gewalttätige Zuhälter Saeed. Die Vampirin wird so zur nächtlichen Gegenmacht, die den moralischen Abschaum der Stadt entsorgt.
Dabei inszeniert Amirpour sie keineswegs als klassische, fehlerfreie Superheldin. Sie bleibt gefährlich, moralisch ambivalent und bereit zur Gewalt. Gerade deshalb funktioniert diese feministische Ebene so gut: Sie zeigt eine Welt, in der Frauen systematisch ausgebeutet werden, und bricht diese Machtverhältnisse radikal auf.
Den perfekten Kontrast dazu bildet die Sexarbeiterin Atti. Sie verkörpert die reale weibliche Existenz in Bad City. Während die Vampirin mit übernatürlicher Kraft agiert, muss Atti innerhalb der brutalen gesellschaftlichen Verhältnisse schlicht überleben. Zwischen beiden Frauen entsteht ein packender Gegensatz: Die eine muss sich mit den Raubtieren der Stadt arrangieren – die andere ist selbst das gefährlichste Raubtier von allen.
So zurückhaltend dieser Film inszeniert ist, so wenig sollte man sich von seiner eleganten Schwarz-Weiss-Fotografie täuschen lassen. In Bad City geht es ausgesprochen schmutzig zu: Wir sehen das Elend von Heroinsucht, Prostitution und sexueller Abhängigkeit. Wie radikal der Film hier vorgeht, zeigt die Begegnung zwischen der Vampirin und dem Zuhälter Saeed. Die Szene beginnt mit einer eindeutigen sexuellen Komponente: Sie nimmt seinen Finger in den Mund, die Inszenierung spielt unverkennbar mit der Assoziation von Oralverkehr.
Doch die erotische Geste schlägt abrupt in puren Körperhorror um: Sie beisst ihm den Finger ab. Ein extrem wirkungsvoller Moment, in dem Verführung direkt in Verstümmelung übergeht. Der Vampirmythos war schon immer eng mit Sexualität verknüpft, doch Amirpour romantisiert nichts. Sie stellt die Verbindung boshaft auf den Kopf. Der Mann glaubt bis zuletzt, er kontrolliere die Situation – dabei hat er sie längst verloren.
Genau dieser Moment führt zu einer grossen Irritation bezüglich der deutschen Blu-ray. Tatsächlich trägt der Film in Deutschland nämlich eine Altersfreigabe ab 12 Jahren. Angesichts von expliziter Verstümmelung und moralischem Sumpf lässt das aufhorchen. Die FSK begründet ihre Entscheidung ausdrücklich mit der starken Stilisierung: Die Handlung sei so weit von der Realität Zwölfjähriger entfernt, dass diese sich emotional leicht distanzieren könnten. Überzeugend ist das kaum. Es stellt sich die Frage, wie unterschiedlich visuelle Gewalt und psychisches Drogenelend gewichtet werden. Die grösste Groteske des Films ist wohl: Eine Welt voller menschlichem Schmutz sieht in Schwarz-Weiss so elegant aus, dass sie problemlos als FSK-12-Film durchgeht.
Eine ganz bestimmte Schlüsselszene hat meine anfängliche Distanz zum Film jedoch komplett aufgebrochen: Arash besucht eine Kostümparty als Dracula verkleidet und begegnet später benommen auf der Strasse der echten Vampirin. Ein Mann im Faschingskostüm steht der realen Gefahr gegenüber – eine wunderbar absurde Situation. Doch als Arash murmelt: „Ich glaube, ich habe mich verirrt“, bekommt der Satz eine tiefere Bedeutung. Er hat sich nicht nur geografisch verirrt, sondern ist in seinem Leben voller familiärer Probleme und Perspektivlosigkeit völlig orientierungslos. Hier trifft ein verlorener Mensch auf ein Wesen, das nirgendwo hingehört. Das entwickelt eine überraschende, melancholische Romantik. Zudem kehrt die Szene den Vampirmythos genial um: Arash trägt das Kostüm der Macht, doch die namenlose Frau besitzt sie wirklich. Er ist der falsche Dracula, sie der echte Vampir. Und trotzdem ist es gerade seine Verletzlichkeit, die eine Annäherung ermöglicht. Was wie ein makabrer Scherz beginnt, entwickelt einen Sog, der den Film für mich erstmals emotional packend und wirklich interessant macht.
In genau diesen Momenten entfaltet der Film seine grösste Stärke: den Soundtrack. So sehr die schweigsame, verlangsamte Inszenierung zwischendurch an den Nerven zehrt, so faszinierend sind die Sequenzen, in denen Amirpour plötzlich Musik einsetzt. Die Bilder gewinnen an Energie und die Figuren entwickeln eine emotionale Präsenz, die ihnen kein Dialog verleihen könnte. Unvergesslich bleibt die Annäherung von Arash und der Vampirin in ihrer Wohnung, untermalt von „Death“ von White Lies. Der 80er-Jahre-Synth-Pop-Vibe verleiht der Szene eine hypnotische Wirkung – eine Mischung aus Düsternis und unschuldiger, jugendlicher Verliebtheit. Auch die musikalische Schlusssequenz auf der Fahrt aus Bad City heraus, getragen von „Yarom Bia“ von Kiosk, entfaltet eine ungeheure Kraft. Das erinnert an Quentin Tarantino: Die perfekte Symbiose aus Ton und Bild verwandelt eine Szene komplett. Während Tarantino Musik oft für Ironie oder Coolness nutzt, verdichtet Amirpour damit Gefühle. Erst wenn die Musik von der Leine gelassen wird, erwacht dieser Vampirfilm zu echtem Leben.
Für unsere KATHEDRALE666-Horror-Bloodlines ist dieser Film zudem eine filmhistorische Fundgrube, da er scheinbar unvereinbare Kinotraditionen verschmilzt. Der klassische Vampirfilm liefert das Fundament: Die Blutsaugerin zieht nachts umher, wobei ihr traditioneller Tschador visuell wie Draculas Mantel wirkt – eine geniale Verbindung kultureller Symbole. Gleichzeitig atmet der Film die Einsamkeit des Spaghettiwesterns à la Sergio Leone. Verlassene Strassen und schweigsame Konfrontationen dominieren, was durch den italo-western-artigen Score der Band Federale verstärkt wird. Hinzu kommt eine Nähe zum Independent-Kino wie Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive (2013) oder Kathryn Bigelows Near Dark (1987). Statt auf Schockmomente setzen diese Werke auf Melancholie, Musik und das romantische Aussenseitertum ihrer Figuren. Es ist keine direkte Kopie dieser Vorbilder, sondern eine ästhetische Verwandtschaft. Der Film vereint das Raubtier des Horrors, die Verlorenheit des Westerns, die Abgründe des Film noir und die Sensibilität des Indie-Kinos zu einer packenden Indie-Noir-Groteske.
Bei der Einordnung eines derart ungewöhnlichen Films fallen natürlich schnell grosse Namen wie David Lynch. Gewisse Parallelen wie geheimnisvolle Figuren oder traumartige Situationen lassen sich zwar finden, doch man sollte vorsichtig sein: Schwarz-Weiss-Fotografie und eine merkwürdige Atmosphäre machen noch keinen Lynch-Film. Während Lynch in Meisterwerken wie Twin Peaks eine scheinbar vertraute Welt erschafft, unter deren Oberfläche das Unheimliche lauert, ist die Welt von Amirpour von Anfang an künstlich und fremdartig. Ähnlich verhält es sich mit Tarantino: Die musikalischen Bezüge sind deutlich spürbar, aber es bleibt eine rein stilistische Verwandtschaft und keine künstlerische Abstammung. Man sollte nicht alles in denselben popkulturellen Topf werfen: Ein ungewöhnlicher Film ist nicht automatisch „lynchesk“ und ein perfekt platzierter Song macht noch keinen Tarantino.
Eine interessante Entdeckung offenbart zudem ein Blick auf die Produktionsangaben: Elijah Wood wird als Executive Producer aufgeführt. Der Schauspieler, den ein Millionenpublikum vor allem als Frodo aus Der Herr der Ringe kennt, unterstützt hinter den Kulissen Filme, die sich weit vom kommerziellen Mainstream entfernen. Über seine Produktionsfirma SpectreVision engagiert er sich gezielt für ungewöhnliches Genrekino. Aus diesem Umfeld stammen Filme wie Cooties (2014), The Greasy Strangler (2016), Mandy (2018) und Color Out of Space (2019) – allesamt Werke, die mit Genregrenzen experimentieren. A Girl Walks Home Alone at Night passt hervorragend in dieses Umfeld und beweist, dass im unabhängigen Horrorkino spannende Netzwerke existieren, die man beim reinen Blick aufs Cover kaum vermuten würde.
Was ist A Girl Walks Home Alone at Night also am Ende? Horrorfilm, Vampirromanze, feministischer Western oder experimentelles Kunstprojekt? Wahrscheinlich von allem etwas. Aber ist er auch unterhaltsam? Das ist schwer zu beantworten. Durch die extrem langen Einstellungen und die entschleunigte Erzählweise ist der Film stellenweise durchaus anstrengend. Manchmal drängt sich das Gefühl auf, einem hervorragend fotografierten Kunstprojekt zuzusehen, das sich etwas zu sehr in der eigenen Ästhetik verliert. Doch genau dann folgen wieder diese magischen Momente: das Zusammentreffen der beiden Draculas, die melancholische Annäherung der Figuren und die fulminanten Musikeinsätze in den nächtlichen Strassen. Plötzlich zieht der Film einen wieder in seinen Bann. Er begeistert nicht durchgehend, aber er lässt einen niemals kalt. Man kann ihn nicht nebenbei konsumieren; man muss bereit sein, sich auf seine künstliche Welt, seine langen Pausen und seine ungewöhnliche Erzählweise einzulassen. Künstlerischer Anspruch ist zwar keine automatische Qualitätsgarantie, doch genau dieser sperrige, faszinierende Reiz macht den Film am Ende zu einem unvergesslichen Erlebnis für Cineasten, die das filmisch Besondere suchen.
DAs Kathedrale666 Fazit
A Girl Walks Home Alone at Night hat es mir nicht leicht gemacht. Anfangs wirkte das Werk wie ein eigenwilliges Experiment, das Bildästhetik über die Story stellt. Doch mit der Zeit entfalten sich faszinierende Ebenen: die feministische Umkehrung des Vampirmythos, die gesellschaftlichen Abgründe von Bad City und die berührende Begegnung des falschen Dracula mit der echten Vampirin. Seine grösste Kraft entwickelt der Film durch die Musik. Sobald die Songs einsetzen, entsteht eine tarantino-esque Energie und ein hypnotischer Sog.
A Girl Walks Home Alone at Night hat es mir nicht leicht gemacht. Anfangs wirkte das Werk wie ein eigenwilliges Experiment, das Bildästhetik über die Story stellt. Doch mit der Zeit entfalten sich faszinierende Ebenen: die feministische Umkehrung des Vampirmythos, die gesellschaftlichen Abgründe von Bad City und die berührende Begegnung des falschen Dracula mit der echten Vampirin. Seine grösste Kraft entwickelt der Film durch die Musik. Sobald die Songs einsetzen, entsteht eine tarantino-esque Energie und ein hypnotischer Sog.
Durchgehend funktioniert das allerdings nicht. Über weite Strecken bleibt das Werk zu schweigsame Independent-Kost und zu verliebt in die eigene Ästhetik. Dennoch ist die Fusion aus Vampirhorror, Western, Popkultur und persischsprachigem Kino absolut bemerkenswert. Der Film entzieht sich jeder Schublade. Er ist eine faszinierende Indie-Noir-Groteske, die durch Blicke und Töne erzählt. Man muss ihn nicht uneingeschränkt lieben, um seine Qualitäten anzuerkennen.
„Ein Vampirfilm, der seine Zähne selten zeigt, dafür aber umso häufiger seine musikalischen Krallen ausfährt.“ Faszinierender als unterhaltsam. Sperrig, eigenwillig und manchmal anstrengend – aber immer dann brillant, wenn Bild und Musik gemeinsam zu erzählen beginnen.
KATHEDRALE666 – FILM. HORROR. REVIEWS. COLLECTABLES. CONVENTIONS.

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