0083. 2071 – MUTAN-BESTIEN GEGEN ROBOTER - 1964 - Erstsichtung - ofdb - Trailer
Originaltitel: The Time Travelers
Regie: Ib Melchior
Drehbuch: Ib Melchior, David L. Hewitt
Darsteller: Preston Foster, Philip Carey, Merry Anders, John Hoyt
Produktionsland: USA
Genre: Science-Fiction / Abenteuer / Pulp
Zeitkapsel der Atomangst: „2071 – Mutan-Bestien gegen Androiden“ in der Kritik
Willkommen im Science-Fiction-Sonntagnachmittagskino
Meine Güte, wo bin ich denn da wieder gelandet? Der Film „2071 – Mutan-Bestien gegen Roboter“ (Originaltitel: „The Time Travelers“) aus dem Jahr 1964 ist eines jener wunderbar abstrusen Science-Fiction-Abenteuer, bei denen man sich sofort in einen alten Groschenroman versetzt fühlt.
Die Story klingt zunächst nach einem herrlichen Pulp-Abenteuer: Wissenschaftler öffnen per Zeitmaschine ein Portal in eine ferne Zukunft. Dort stossen sie auf die Überreste der Menschheit nach einer Atomkatastrophe. Während eine technisch hochentwickelte Gruppe die Flucht von der Erde plant, lauern draussen gefährliche Mutanten. Der Film bringt eigentlich alle richtigen Zutaten mit: futuristische Apparaturen, Zeitreisen, Androiden und jede Menge atomare Verwüstung. Das Problem? Bevor überhaupt etwas Action passieren darf, wird erst einmal alles ausführlich und theoretisch besprochen.
Pulp-Magazine auf Zelluloid
Was an diesem Film dennoch fasziniert, ist seine Nähe zu den alten Science-Fiction-Groschenheften vom Bahnhofskiosk. Mit ihren grellen Titelbildern versprachen diese Pulp-Magazine fantastische Welten voller Mutanten, verrückter Wissenschaftler und technischer Wunderwerke, die mit echter Wissenschaft absolut nichts zu tun hatten. Genau aus dieser Welt scheint der Film entsprungen zu sein.
Die Geschichte besitzt die unbekümmerte Fantasie des klassischen Sci-Fi-Kinos der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Man hinterfragte damals nichts, sondern akzeptierte einfach, dass Wissenschaftler per Knopfdruck ein Fenster in die Zukunft öffnen. Diese unbeschwerte Vorstellungskraft macht das Werk durchaus liebenswert. Allerdings gibt es einen Haken: Was im Heft kurzweilig wirkt, zieht sich auf der Leinwand. Die Fantasie des Films ist zwar riesig – die Erzählgeschwindigkeit durch die ständigen technischen Erklärungen leider nicht.
Wenn der Film seine eigene Gebrauchsanweisung vorliest
Die beinahe unerschöpfliche Leidenschaft für Erklärungen bremst den Film immer wieder aus. Hier wird wirklich jedes Detail, jede Entdeckung und jeder Handlungsschritt mit einer technischen Ausführung versehen. Dabei wäre die Ausgangslage – eine Zeitreise in eine postapokalyptische Zukunft voller Gefahren – eigentlich extrem spannend.
Doch statt Abenteuer und unheimliche Entdeckungen wirken zu lassen, stehen die Figuren meist nur herum und erläutern die Logik hinter den Bildern. Das mag zur damaligen Sci-Fi-Tradition gehören, in der wissenschaftliche Spekulation zur Unterhaltung zählte. Mit zunehmender Laufzeit ermüdet das jedoch: Selbst das Unvorstellbare verliert seinen Zauber, wenn es erst einmal kaputtgeredet wird. Der Film besitzt zwar viele interessante Ansätze, nimmt sich durch den Fokus auf die eigene Theorieberieselung aber permanent selbst das Tempo.
Spezialeffekte aus der Zauberkiste
Eine Sache muss man der Produktion jedoch ausdrücklich zugutehalten: seine Spezialeffekte. Aus heutiger Sicht wirken sie zwar wie kleine Taschenspielertricks eines Bühnenmagiers, doch genau das macht ihren Reiz aus. Statt technischer Perfektion regiert hier der pure Einfallsreichtum. Man sieht förmlich, wie die Macher mit optischen Illusionen, geschickten Kameraperspektiven und mechanischen Tricks das Publikum verblüffen wollten.
Verantwortlich dafür war David L. Hewitt, der Prinzipien aus der Bühnenzauberei nutzte – wie in der bekannten Sequenz, in der der Kopf eines Androiden scheinbar ohne sichtbaren Schnitt ausgetauscht wird. Natürlich erreicht das nicht die visuelle Klasse und Lebendigkeit der Stop-Motion-Kreaturen eines Ray Harryhausen. Bei diesem Film steht nicht das fantastische Wesen im Fokus, sondern das Rätselraten, wie der Trick überhaupt handwerklich umgesetzt wurde. Die Effekte sind keine filmischen Wunderwerke, sondern charmante, kleine Zauberkunststücke.
Mutanten, Monster und ein Etikettenschwindel
Irgendwann tauchen sie dann auf: die Mutanten, die der deutsche Verleihtitel so grosszügig verspricht. Wer hier allerdings fantasievolle Kreaturendesigns oder monströse Bestien erwartet, wird enttäuscht. Der Film liefert keine Bestien, sondern Statisten in schmutzigen Altkleidern, die mit reichlich Körpereinsatz den Wilden markieren. Von überzeugenden Mutanten kann keine Rede sein. Der deutsche Titel betreibt hier klassischen Etikettenschwindel.
Wesentlich sympathischer sind dagegen die Androiden. Zwar erkennt man auch hier sofort die Schauspieler unter den Kostümen, doch ihre unbeholfene Präsentation und die mechanischen Tricks besitzen echten Charme. Während die Mutanten optisch gar nichts hergeben, punkten die künstlichen Menschen durch handwerkliche Verspieltheit und die Illusionen aus der Zauberkiste. Das fasst das technische Niveau dieser Zukunftsvision perfekt zusammen: Die einen kommen gefühlt aus der Altkleidersammlung, die anderen aus der Requisitenkammer eines Zauberkünstlers.
Zwischen Atomangst und sexueller Aufbruchsstimmung
Eine weitere überraschende Eigenheit des Films ist seine gelegentliche Schlüpfrigkeit. Zwischen all der trockenen Wissenschaft schleichen sich immer wieder kleine sexuelle Anspielungen ein. Das bleibt für das amerikanische Kino von 1964 zwar harmlos, besitzt aber gerade durch die Mischung aus Zurückhaltung und frivoler Andeutung einen gewissen Charme.
Bemerkenswert ist die Darstellung der Geschlechterverhältnisse: In der Zukunft darf sich die Frau selbstbestimmt den Mann aussuchen. Für eine damalige Genreproduktion ist diese Umkehrung der klassischen Rollenbilder eine beachtliche Note. Ein feministisches Manifest ist der Film zwar nicht, doch diese leicht laszive Grundstimmung verleiht dem ansonsten steifen Abenteuer eine unerwartet verspielte Seite. Während die Männer noch die Welt erklären, hat die Frau längst gehandelt. Selbst diese harmlose Frivolität war den Sittenwächtern jedoch zu viel: Die katholische Legion of Decency stufte den Film laut den Dokumenten des American Film Institute wegen anzüglicher Situationen und Kostüme als teilweise moralisch anstössig ein.
Ein dicker Hund – und andere Geduldsproben
Weniger Freude bereitet wiederum der Humor. Natürlich darf auch in diesem Science-Fiction-Abenteuer die obligatorische Comic-Relief-Figur nicht fehlen, die mit lockeren Sprüchen die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit aufbrechen soll. Das funktioniert gelegentlich, wird irgendwann aber einfach nur noch anstrengend.
Wenn dann wieder ein Spruch wie „Das ist aber ein dicker Hund!“ fällt, möchte man den betreffenden Herrn am liebsten persönlich durch das Zeitportal zurückschicken. Da der Film ohnehin schon ausgesprochen geschwätzig ist, unterbrechen diese humoristischen Einlagen den Erzählfluss zusätzlich, ohne für echte komödiantische Höhepunkte zu sorgen. Dabei muss man berücksichtigen, dass solche Dialoge in der deutschen Synchronfassung oft anders wirken als im englischen Original – aber in dieser Version strapaziert der plumpe Witz die Geduld der Zuschauer nur noch weiter.
Filmhistorischer Kontext und das Erbe des Ib Melchior
Filmgeschichtlich steht The Time Travelers in einer hochinteressanten Tradition. Die amerikanische Science-Fiction der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre war stark von den Ängsten des Atomzeitalters geprägt: Radioaktive Strahlung, mutierte Lebewesen und zerstörte Zivilisationen gehörten zu den wiederkehrenden Motiven, wie sie auch Meilensteine wie The Day the Earth Stood Still (1951) oder The Time Machine (1960) behandelten.
Der Film verbindet diese atomare Zukunftsangst mit der klassischen Abenteuerstruktur einer Zeitreisegeschichte und zeigt eine deutliche Nähe zur US-Pulp-Tradition. Regisseur Ib Melchior hatte bereits mit The Angry Red Planet (1959) ein fantasievolles Sci-Fi-Abenteuer inszeniert und war am Drehbuch zu Robinson Crusoe on Mars (1964) beteiligt. Er bewegte sich innerhalb eines Netzwerks von Genreproduktionen, die versuchten, mit bescheidenen Mitteln möglichst grosse Welten auf die Leinwand zu bringen. Später entstand mit Journey to the Center of Time (1967) eine weitere Verfilmung des Stoffes. Genau in dieser Tradition liegt der filmhistorische Wert von 2071: Er zeigt eine Epoche, in der Science-Fiction noch stark von den Erzählmustern der Groschenromane geprägt war – eine Zeit, in der die Vorstellungskraft oftmals grösser war als die Möglichkeiten der Filmtechnik.
KATHEDRALE666 – Das Fazit
„2071 – Mutan-Bestien gegen Roboter“ ist unter dem Strich ein wunderbar abstruses Stück amerikanischer Science-Fiction-Geschichte. Das Ergebnis ist ein ausgesprochen gemächlicher Science-Fiction-Sonntagnachmittagsfilm, der mich unterm Strich mehr Geduld gekostet als begeistert hat. Ich kann durchaus nachvollziehen, weshalb solche Produktionen unter Liebhabern des klassischen Kinos ihren besonderen Stellenwert besitzen, und ich schätze die handwerkliche Fantasie der Macher. Aber das hier ist schlicht nicht mein bevorzugtes Jagdrevier.
Als filmhistorisches Kuriosum ist der Streifen hochgradig interessant, als Unterhaltung für mich persönlich jedoch zu zäh. Einmal gesehen, ein paar hübsche Zaubertricks bestaunt und anschliessend wieder zurück ins Regal. Und vielleicht ist das die eigentliche Ironie dieses Films: Er erzählt von einer fernen Zukunft, wirkt dabei aber selbst wie eine Zeitkapsel aus einer längst vergangenen Unterhaltungswelt. Eine Welt voller Atomangst, Pulp-Fantasien, mechanischer Tricks und erstaunlich frivoler Zukunftsvorstellungen. Ein Film, der mir am Ende mehr Stoff zum Nachdenken geliefert hat, als er mir beim Anschauen Freude bereiten konnte.


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