Sonntag, 20. September 2026

The Sound of Cinema: John Williams


JOHN WILLIAMS

Ein Abend zwischen Filmmagie und Smartphone-Hölle

Sollte ich bis Ende des Jahres nicht doch noch ein Date mit Jenna Ortega haben – und seien wir ehrlich: Die Wahrscheinlichkeit, in einem Iglu in eine Ecke zu pinkeln, dürfte wesentlich grösser sein –, wird das Konzert mit Danny Elfman und der Musik aus Tim Burtons Filmen wohl mein persönliches Highlight des Jahres 2026 bleiben.

Die Musik aus Edward mit den Scherenhänden oder die Magie von The Nightmare Before Christmas live zu hören und geradezu in mich einzusaugen, war ein zutiefst emotionales Erlebnis.

Aber wir sind heute nicht zusammengekommen, um schon wieder über Tim Burton zu sprechen. Heute gehört die Bühne keinem Geringeren als John Williams.

Also führte mich meine Reise an diesem Wochenende nach Sitten, wo die meisterhaften Partituren eines der prägendsten Filmkomponisten der Kinogeschichte auf mich warteten. Neben den weltberühmten Themen aus Star Wars, Indiana Jones, Superman, Harry Potter und Jurassic Park hegte ich vor allem eine Hoffnung: endlich einen der schönsten und schmerzhaftesten Scores der Filmgeschichte live zu hören – Schindlers Liste.

Auf Platz eins liegt John Williams bei mir allerdings nicht. Dieser Thron ist für alle Tage meines Lebens von Angelo Badalamenti und Twin Peaks besetzt. Daran wird nicht gerüttelt. Nicht einmal mit einem Lichtschwert.

Aber Williams’ Musik zu Schindlers Liste ist atemberaubend. Besonders die letzte Szene des Films, in der Oskar Schindler, gespielt von Liam Neeson, vor Itzhak Stern zusammenbricht, weil er glaubt, noch mehr Menschen hätte retten können, endet bei mir zuverlässig in einem tränenreichen Szenario. Schindler betrachtet sein Auto, seine goldene Anstecknadel und alles, was er noch hätte verkaufen können. Plötzlich wird aus Besitz verlorenes Menschenleben.

Williams braucht dafür keine musikalische Überwältigungsmaschine. Seine Melodie trägt eine Trauer in sich, die beinahe zu gross für Worte ist.

FÜNF MUSIKERINNEN GEGEN DAS KINO-UNIVERSUM

Im Pôle Musique an der Rue du Rawil 47 traf ich schliesslich auf vier Streicherinnen und eine Pianistin. Der Saal war sehr hübsch, akustisch für diese Art von kammermusikalischem Konzert aber nicht ganz so überzeugend wie das Noda beim Bahnhof.

Eröffnet wurde der Abend gleich mit dem Thema aus Star Wars – und zunächst war ich ein wenig enttäuscht. Ohne Trompeten, Fanfaren und das ganze galaktische Gedöns wirkt dieser monumentale Auftakt in einer reduzierten Streicherfassung zwangsläufig etwas mager. Man erwartet innerlich, dass sich der Sternenzerstörer über dem eigenen Kopf ins Bild schiebt – und erhält stattdessen die elegante Zimmerausgabe des Imperiums.

Doch die folgenden Stücke belehrten mich schnell eines Besseren.

Je länger das Konzert dauerte, desto mehr lösten sich die bekannten Melodien von ihren Filmbildern und entwickelten im kleinen Ensemble ein eigenes Leben. Plötzlich war ich mittendrin in diesen musikalischen Landschaften. Aus der ersten Reihe konnte ich beobachten, wie konzentriert und fein die fünf Künstlerinnen miteinander arbeiteten. Jeder Einsatz, jede Bewegung des Bogens und jeder Blick zwischen ihnen wurde sichtbar.

Eigentlich hätte alles vollkommen sein können.

Eigentlich.

DIE FRAU MIT DEM SMARTPHONE

Leider sass neben mir wieder einmal eines jener vollständig smartphoneabhängigen Geschöpfe, die offenbar keinen Augenblick mehr erleben können, ohne ihn gleichzeitig an ihr digitales Suchtmittel zu verfüttern.

Immer wieder spielte sie an ihrem Telefon herum. Sie nahm einzelne Stücke mit mässigem Interesse auf, vermutlich um sie umgehend in die vergifteten sozialen Medien zu kippen, und schaute häufiger auf ihre Uhr, als mein morbides Hirn Zeit hatte, sich passende Todesarten für sie auszudenken.

Und das will etwas heissen.

Während des Themas aus Jurassic Park fiel ihr das Smartphone schliesslich zu Boden. Das Geräusch war deutlich weniger majestätisch als John Williams’ Musik, zog aber zuverlässig sämtliche Blicke auf sie. Nun hatte offenbar auch ihr Begleiter genug von dieser technologischen Fütterungsstörung und machte sie endlich darauf aufmerksam.

Haltet mich für altmodisch: Wenn bei einem Punkkonzert vier Leute hinter mir die Bar in ihre Einzelteile zerlegen, stört mich das wesentlich weniger als eine solche Person auf dem Sitz neben mir.

Bei einem Punkkonzert gehört das Chaos wenigstens zur Veranstaltung.

Aber man bezahlt rund 60 Franken für einen Konzertabend und darf wohl erwarten, dass die Menschen ihn auch tatsächlich erleben. Dieses Verhalten ist respektlos gegenüber dem Ensemble und ebenso respektlos gegenüber den anderen Zuschauern. Künstler oder Publikum – am Ende werden beide zu Statisten im privaten Smartphone-Theater eines Menschen, der ohne Display offenbar nicht mehr weiss, ob er überhaupt existiert.

Und worin besteht eigentlich der Sinn, während eines Konzertes pausenlos zu filmen?

Man schaut auf einen kleinen Bildschirm, um später eine schlechte Aufnahme von einem Erlebnis zu besitzen, das man im entscheidenden Moment gar nicht richtig erlebt hat.

Das ist doch, als würde man eine Dokumentation seines Lebens drehen, während man gleichzeitig vergisst, es zu leben.

DIE MUSIK BLIEB

Ich versuchte also, die Frau neben mir geistig zu beerdigen und mich wieder auf die Musik zu konzentrieren.

Zum Glück gelang es den fünf Musikerinnen immer wieder, das Smartphone-Gift aus dem Saal zu vertreiben. Besonders in den leiseren und emotionaleren Stücken zeigte sich, wie stark Williams’ Kompositionen auch ohne grosses Filmorchester funktionieren können. Unter all den Fanfaren, Abenteuern und fliegenden Dinosauriern liegen Melodien, die auch in einer reduzierten Besetzung ihre ganze Wirkung entfalten.

Und dann kam tatsächlich Schindlers Liste.

Vor dem Stück wurden die Instrumente noch einmal sorgfältig nachgestimmt. Bereits dadurch entstand eine andere Konzentration im Raum. Es wirkte, als wussten nicht nur die Musikerinnen, sondern auch das Publikum, dass nun etwas Besonderes folgen würde.

Für mich war es das Highlight des Abends – und vermutlich auch eines der anspruchsvollsten Stücke des Programms. In der zurückgenommenen Besetzung lag nichts zwischen der Melodie und ihrer Wirkung. Keine Kinoleinwand, keine Bilder, hinter denen man sich verstecken konnte. Nur diese Musik und alles, was sie in einem selbst wieder hervorholt.

Für einige Minuten war auch das Smartphone neben mir bedeutungslos geworden.

Trotz dieser kleinen digitalen Heimsuchung wurde es ein wunderschöner Frühherbstabend. Doch das eigentliche Nachspiel des Abends begann erst, nachdem die letzte Note verklungen war.

Ich verliess das Pôle Musique und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Dabei führte mich mein Weg am alten Friedhof Saint-François vorbei. Was zunächst nur ein nächtlicher Gang durch Sitten war, öffnete plötzlich eine Tür ins Jahr 1989.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Und sie beginnt auf einem Friedhof.



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