SIMONE TROJAHN – INTERVIEW
Über Angst, Gewalt, menschliche Abgründe und die Frage, was im Keller zurückbleibt
Es gibt Autoren, bei denen man nach der letzten Seite das Buch zuklappt. Und es gibt Bücher, bei denen etwas offenbleibt.
Bei Simone Trojahns Grenzhaus war es für mich vor allem das Nachwort.
Dort schreibt sie über Geschichten, die bereits seit ihrer Kindheit wie kleine Filme in ihrem Kopf entstehen. Über die Faszination für menschliche Abgründe. Und über eine Frage, die mich bei Kathedrale666 selbst immer wieder beschäftigt: Warum setzen wir uns freiwillig Dingen aus, die uns Angst machen?
Eine ihrer Antworten blieb bei mir hängen: Weil es helfen kann, mit der Angst umzugehen.
Das ist ein interessanter Gedanke bei einer Autorin, deren Geschichten alles andere tun, als ihre Leser zu beruhigen. Simone Trojahn führt ihre Figuren nicht bis an den Rand des Abgrunds, damit wir bequem hineinschauen können. Sie schubst sie hinein – und manchmal den Leser gleich hinterher.
Gerade deshalb wollte ich nicht nur wissen, was sie schreibt. Mich interessierte der Mensch hinter diesen Geschichten.
Wie passt eine empathische, eher introvertierte Frau zu Literatur, die sich mit Gewalt, Erniedrigung und extremen menschlichen Grenzsituationen beschäftigt? Wo endet kompromisslose Darstellung und wo beginnt der Tabubruch? Was macht es mit einer Autorin, wenn ihr vorgeworfen wird, Gewalt nicht nur darzustellen, sondern zu verherrlichen? Und was passiert, wenn Leser auf fiktive Gewalt mit sehr realem Hass reagieren?
Natürlich führt dabei kein Weg an Kellerspiele vorbei. Ein Buch, das Simone Trojahns Karriere geprägt hat, bis heute polarisiert und inzwischen mit Basement Games den Weg zum Film gefunden hat. Besonders spannend ist dabei, dass ausgerechnet eine Autorin, die ihre Geschichten nach eigener Aussage zunächst als Bilder und kleine Filme im Kopf erlebt, nun beobachten kann, wie ein anderer Mensch diesen inneren Film mit realen Schauspielern, Räumen und Bildern neu interpretiert.
Unser Gespräch führte deshalb vom Schreiben zur Angst, von Stephen King bis A Serbian Film, von der Verantwortung bei Gewaltdarstellungen bis zu den Menschen, die sich gerade darin wiedererkennen. Und schließlich zurück in jenen Keller, aus dem Simone Trojahn längst herausgeschrieben haben möchte – während ein Teil ihrer Leserschaft noch immer an der Tür steht und nach einer Fortsetzung ruft.
Vielleicht liegt genau darin der interessanteste Widerspruch dieses Interviews:
Wie schreibt man über menschliche Abgründe, ohne selbst auf sie reduziert zu werden?
Simone hat sich meinen Fragen gestellt – offen, ausführlich und mit einem ziemlich schwarzen Humor.
Zeit also, die Kellertür noch einmal zu öffnen. 🖤
1. Wenn man deine Bücher kennt, begegnet man darin menschlichen Abgründen, Gewalt, Erniedrigung und ziemlich finsteren Gedanken. Wenn du all das einmal beiseitelässt: Was für ein Mensch sitzt eigentlich hinter diesen Geschichten? Und wie viel hat diese Person mit der Simone Trojahn zu tun, die deine Leser aufgrund deiner Bücher vielleicht erwarten?
Ich glaube, dass man hier ein wenig zwischen meinen Lesern und meinen Kritikern unterscheiden muss. Meine Leser stellen sich mich als Person vermutlich eher so vor, wie ich auch tatsächlich bin, weil sie die Hintergründe und Intentionen meiner Bücher verstehen. Viele lesen sie aus ähnlichen Gründen, aus denen ich sie schreibe: um menschliches Handeln bis in seine finstersten und verdorbensten Winkel zu ergründen und sich dabei gleichzeitig mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen.
Wer meine Bücher dagegen nicht mag und sie als gewaltverherrlichend oder gar gewaltfördernd wahrnimmt, hat vermutlich ein völlig anderes Bild von mir. Vielleicht stellt man sich dahinter dann eher eine sadistische Psychopathin vor, die besser hinter Gittern aufgehoben wäre. ;)
Die Wahrheit liegt natürlich irgendwo dazwischen. Nein, Spaß beiseite: Ich würde mich als sehr empathischen, eher introvertierten Menschen beschreiben – eigentlich ziemlich harmlos, aber mit einem ausgeprägten Hang zum Morbiden und einer großen Faszination für menschliche Abgründe. Das begleitet mich schon seit meiner Kindheit.
Ich habe mich nie besonders gut in Schubladen einordnen lassen und hatte auch nie das große Bedürfnis, um jeden Preis dazuzugehören oder von allen gemocht zu werden. Ich mache lieber mein eigenes Ding und lebe meine Individualität in vielen Bereichen aus.
Vielleicht ist das auch eine Gemeinsamkeit mit meinen Geschichten: Ich passe nicht wirklich in eine Schublade und habe viele unterschiedliche Facetten. Und genau wie meine Figuren beobachte ich Menschen sehr genau. Ihr Verhalten, ihre Motive und die Frage, was jemanden dazu bringt, bestimmte Dinge zu tun, faszinieren mich.
Ich bin deshalb keineswegs ein Menschenfeind – ganz im Gegenteil. Menschen liefern mir schließlich den Stoff für meine Geschichten. ;)
2. Du schreibst im Nachwort von Grenzhaus, dass deine Geschichten schon seit deiner Kindheit wie Filme in deinem Kopf existieren und du sie dir sogar als kleine Filmtrailer mit deiner Lieblingsmusik vorstellst. Ist Schreiben bei dir überhaupt zuerst ein sprachlicher Prozess – oder siehst und hörst du eine Geschichte bereits, bevor du sie zu Papier bringst?
Meine Geschichten entstehen zunächst immer aus Bildern und Emotionen. Am Anfang mache ich mir keine Notizen, sondern spiele verschiedene Szenen erst einmal in meinem Kopf durch und lasse die Geschichte dort entstehen.
Wenn sich das richtige Gefühl einstellt und ich mich mindestens einer der Figuren nahe fühle, beginne ich mit der konkreteren Planung und entwickle das passende Setting. Erst in dieser Phase fange ich an, mir Notizen zu machen.
Bevor ich richtig zu schreiben beginne, muss also vor allem das Gefühl für die Geschichte stimmen. Ich muss so tief in sie eintauchen können, dass sie irgendwann ein Eigenleben entwickelt. Erst bei der Überarbeitung wird für mich der sprachliche Prozess wirklich wichtig. Dann geht es darum, die Bilder und Emotionen, die ich bereits im Kopf hatte, auch sprachlich so zu vermitteln, dass sie beim Leser möglichst genauso ankommen.
3. Eine weitere Aussage aus dem Nachwort hat mich besonders beschäftigt. Auf die Frage, warum man solche Geschichten überhaupt schreiben und lesen sollte, antwortest du: „Weil es helfen kann, mit der Angst umzugehen.“ Deine Bücher beruhigen Angst allerdings nicht, sondern konfrontieren den Leser ziemlich gnadenlos damit. Kann man einer Angst etwas von ihrer Macht nehmen, indem man ihr in der Fiktion bewusst bis zum Äußersten folgt?
Ich bin mir nicht sicher, ob wir unseren Ängsten wirklich ihre Macht nehmen können, indem wir uns ihnen fiktiv stellen. Ich glaube aber, dass wir dadurch ein gewisses Gefühl von Kontrolle entwickeln können. Indem wir uns gedanklich auf einen Extremfall einstellen, spielen wir gewissermaßen mögliche Bewältigungsstrategien durch.
Ich stelle mir das ein bisschen wie eine Einsatzübung bei der Feuerwehr oder Polizei vor – nur dass man beim Schreiben und Lesen natürlich körperlich passiv bleibt. Man setzt sich gedanklich mit einer Extremsituation auseinander, ohne sie tatsächlich erleben zu müssen.
Ob uns das im Ernstfall tatsächlich helfen kann, ist eine Frage, die wir hoffentlich nie beantworten müssen. Aber wenn solche Geschichten dabei helfen, Ängste zumindest mental durchzuspielen und ihnen dadurch ein Stück weit ihre Unberechenbarkeit zu nehmen, haben sie für mich bereits einen Wert.
4. Du widersprichst sehr deutlich dem Vorwurf, deine Bücher würden Gewalt verherrlichen. Du möchtest Gewalt vielmehr unzensiert und in all ihren schrecklichen Facetten zeigen. Wo verläuft für dich persönlich die Grenze zwischen kompromisslosem Zeigen und bloßem Tabubruch? Gibt es beim Schreiben einen Punkt, an dem selbst Simone Trojahn sagt: Nein – das braucht die Geschichte jetzt nicht mehr?
Das ist tatsächlich immer eine Gratwanderung. Bei fiktiven Darstellungen gibt es für mich persönlich nur wenige grundsätzliche Grenzen – das gilt sowohl für Bücher als auch für Filme. Als Tierliebhaberin vermeide ich beispielsweise Szenen, in denen Tiere zu Schaden kommen, wenn sie für die Geschichte nicht notwendig sind. Wenn eine solche Szene für die Handlung jedoch eine Funktion erfüllt, kann auch ich sie nicht grundsätzlich ausschließen.
Entscheidend ist für mich deshalb weniger die Frage, wie viel Gewalt gezeigt wird, sondern wie und warum. Ich möchte Gewaltszenen weder voyeuristisch noch verherrlichend aus der Perspektive der Täter darstellen. Wenn eine Szene jedoch notwendig ist, um das Ausmaß und die Folgen von Gewalt begreifbar zu machen, scheue ich mich auch nicht davor, sie drastisch und erschreckend zu schildern.
Problematisch finde ich Gewaltdarstellungen vielmehr dann, wenn sie das tatsächliche Leid verharmlosen. Gerade in Filmen und Büchern wird Gewalt manchmal so dargestellt, als würde jemand nach einem brutalen Schlag einfach wieder aufstehen und weitermachen. Die Realität kann ganz anders aussehen. Ein gebrochener Knochen oder eine schwere Kopfverletzung sind keine spektakulären Nebeneffekte, sondern können für ein Opfer massive und lebensverändernde Folgen haben.
Wenn ich solche Konsequenzen zeige, geht es mir deshalb nicht darum, Gewalt möglichst spektakulär erscheinen zu lassen, sondern darum, ihre Folgen nicht unsichtbar zu machen. Vielleicht erhöht das bei manchen Menschen sogar die Hemmschwelle, weil sie sich bewusst machen, dass aus einem vermeintlich „harmlosen“ Schlag etwas sehr viel Schlimmeres entstehen kann.
Natürlich glaube ich nicht, dass ein Buch allein jemanden davon abhalten wird, Gewalt auszuüben. Was mich aber besonders bewegt, sind die Rückmeldungen von Menschen, die selbst Gewalt erfahren haben. Ich habe bereits Nachrichten von Betroffenen bekommen, die mir gesagt haben, dass sie sich beim Lesen von Büchern wie „Kellerspiele“ oder „Blutbrüder“ in ihrem Erleben wiedererkannt und verstanden gefühlt haben.
Das ist für mich ein wichtiger Grund, warum ich Gewalt nicht grundsätzlich aus meinen Geschichten herausfiltern möchte. Viele Kritiker fragen, welchen Sinn eine derart explizite Darstellung haben soll, und befürchten, dass sie lediglich Sadisten ansprechen könnte. Ich kann diese Sorge nachvollziehen, teile aber nicht die Schlussfolgerung. Für mich ist mindestens genauso wichtig, dass auch die Perspektive der Opfer sichtbar wird.
Denn viele Betroffene können selbst kaum in Worte fassen, was sie erlebt haben – manchmal fehlt ihnen dafür schlicht die Kraft oder sie haben niemanden, der wirklich zuhört. Wenn eine Geschichte ihnen zumindest das Gefühl geben kann, dass jemand versucht, ihr Erleben sichtbar und nachvollziehbar zu machen, dann hat diese schon einen Sinn.
5. Kellerspiele hat seit 2015 eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich: gefeiert und gehasst, ausgezeichnet und beworben, später verbannt – und dir wurden unter anderem Gewaltverherrlichung, Frauenfeindlichkeit und Sympathien für Sadisten und Psychopathen vorgeworfen. Welche dieser Reaktionen hat dich wirklich getroffen – und gab es vielleicht sogar Kritik, bei der du irgendwann widerwillig dachtest: Verdammt, da könnte jemand einen Punkt haben?
Zunächst möchte ich eine kleine Korrektur vorwegschicken: „Kellerspiele“ wurde in der alten Selfpublisher Version zwar zeitweise auch bei Amazon gesperrt, tatsächlich auf dem Index steht heute jedoch das 2017 erschienene „Daddy’s Princess“, das inzwischen unter dem Titel „Selina’s Way“ neu überarbeitet und veröffentlicht wurde. Die Vorwürfe, die damals gegen beide Bücher erhoben wurden, waren allerdings weitgehend dieselben.
Am Anfang hat es mich durchaus getroffen, als Sympathisantin von Sadisten oder gar als Psychopathin bezeichnet zu werden, nur weil ich versuche, menschliche Abgründe und Gewalt so zu zeigen, wie sie nun einmal existieren. Besonders die Unterstellung, ich würde mit meinen Büchern Anleitungen für echte Täter liefern, hat mich verletzt. Ebenso der Ton mancher Kritiker, die so taten, als würde ich persönlich solche Dinge gutheißen oder sogar selbst ausüben.
Noch mehr getroffen hat mich allerdings die Nachricht eines Lesers, der mir wünschte, selbst Opfer einer Vergewaltigung und Folter zu werden. Solche Äußerungen zeigen für mich eine Absurdität, die ich nur schwer nachvollziehen kann: Man verurteilt eine Autorin für die Darstellung von Gewalt und reagiert darauf selbst mit einem Gewaltwunsch gegen sie.
Es gab aber tatsächlich auch Reaktionen, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Dazu gehörten vor allem Nachrichten von Männern, die mich fragten, ob ich selbst auf das stehen würde, was dem Opfer Laura in „Kellerspiele“ widerfährt. Besonders nachdenklich gemacht hat mich die Nachricht eines Mannes, der beim Lesen Angst vor seinen eigenen körperlichen Reaktionen bekam.
Da habe ich mich durchaus gefragt, ob ich mit einem Buch wie „Kellerspiele“ vielleicht eine Grenze überschritten hatte oder ob ich manche Dinge anders hätte darstellen sollen. Letztlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht für jede mögliche Reaktion eines Lesers die Verantwortung übernehmen kann. Entscheidend ist für mich die Intention, mit der ich eine Szene schreibe, und die Reaktion des überwiegenden Teils meiner Leserschaft hat mir gezeigt, dass der eigentliche Sinn des Buches verstanden wurde.
6. Bei Grenzhaus hatte ich stellenweise Assoziationen zum kompromisslosen Extremkino – etwa zu Filmen wie 8MM oder A Serbian Film, in denen der Zuschauer immer tiefer in menschliche Abgründe gezogen wird. Gab es solche Filme oder andere Werke, die tatsächlich Einfluss auf Grenzhaus hatten? Und welche filmischen oder literarischen Einflüsse würdest du selbst nennen?
Meine ersten großen literarischen Einflüsse waren bereits in meiner Kindheit die Bücher von Stephen King. Sein Talent, Geschichten zu erzählen, Schreckensszenarien zu entwerfen und den Leser am Ende mit offenem Mund vor dem aufgeklappten Buch sitzen zu lassen, hat mich nachhaltig beeindruckt und sicher auch geprägt.
Natürlich bin ich auch ein großer Horrorfilmfan und habe mich im Laufe der Jahre intensiv mit dem Genre beschäftigt. Dabei haben mich ganz unterschiedliche Filme beeinflusst – von klassischen Horrorfilmen bis hin zu kompromisslosem Extremkino. Die genannten Filme „8MM“ und „A Serbian Film“, aber auch „Hostel“, „Salò“ und „The Seasoning House“, gehören sicherlich zu den Werken, die bei mir einen Eindruck hinterlassen haben.
Bei „Grenzhaus“ war der wichtigste Ausgangspunkt allerdings kein Film, sondern ein realer Fall, von dem ich zunächst nur aus den Medien erfahren hatte: die Ermordung zweier skandinavischer Studentinnen im Atlasgebirge in Marokko im Jahr 2018. Einige Jahre später stieß ich auf ein Video, in dem ein YouTuber über seine völlig unvorbereitete Konfrontation mit dem damals kursierenden Bildmaterial und seine Reaktion darauf sprach. Seine Schilderung löste bei mir eine ungewöhnlich starke emotionale Reaktion aus und ließ mich nicht mehr los.
Dabei entstand in meinem Kopf ein ganz bestimmtes Bild, das später tatsächlich in veränderter Form Eingang in „Grenzhaus“ gefunden hat. Wer das Buch gelesen hat, wird vermutlich wissen, welche Szene ich meine.
Ich würde deshalb sagen, dass „Grenzhaus“ eine Mischung aus verschiedenen Einflüssen ist: meiner frühen Prägung durch Stephen King, meiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Horrorfilmen und einer realen Geschichte, die mich emotional auf eine Weise getroffen hat, mit der ich selbst nicht gerechnet hatte.
7. Gleichzeitig betonst du, dass Grenzhaus ausdrücklich kein „Kellerspiele 2“ werden sollte, obwohl viele Leser genau auf einen zweiten Abstecher in diesen Keller gewartet hatten. Wie schwierig war es, diesen Erwartungen etwas Vertrautes zurückzugeben, ohne zur Gefangenen des eigenen Erfolgs zu werden?
Tatsächlich muss ich immer wieder darauf achten, nicht zu sehr zur „Gefangenen meines eigenen Kellers“ zu werden. Als Autorin möchte ich mich nicht auf ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Schublade festlegen, sondern mich ausprobieren und immer wieder neu erfinden.
Dass „Kellerspiele“ auch nach all den Jahren für viele Leser noch immer das Lieblingsbuch ist und sich manche einen zweiten Teil wünschen, freut mich natürlich sehr. Gleichzeitig zeigt es mir aber auch, wie stark dieses Buch nachwirkt und welche Erwartungen dadurch an neue Veröffentlichungen entstehen.
Für mich ist „Kellerspiele“ abgeschlossen. Eine Fortsetzung oder ein weiteres Buch mit einer allzu ähnlichen Handlung möchte ich deshalb nicht schreiben. Was ich aber sehr wohl mitnehmen möchte, sind die Emotionen, die dieses Buch bei so vielen Lesern ausgelöst hat. Diese möchte ich in neue Geschichten transportieren und damit sowohl meine langjährigen Leser als auch neue Leser fesseln.
Ganz frei von dem Gedanken an „Kellerspiele“ bin ich bei einer neuen Veröffentlichung allerdings vermutlich nie. Ein gewisser Druck ist da – aber ich sehe ihn inzwischen eher als Herausforderung denn als Einschränkung.
8. Aus Kellerspiele ist inzwischen Basement Games geworden. Du wirst bei der Verfilmung selbst als Drehbuchautorin geführt. Wie stark steckt Simone Trojahn tatsächlich im fertigen Film? Wie viel Einfluss hattest du auf Drehbuch, Figuren und Veränderungen gegenüber deinem Roman – und wie nah warst du schließlich an den eigentlichen Dreharbeiten?
Tatsächlich habe ich nicht am Drehbuch von „Basement Games“ mitgearbeitet und auch keinen direkten Einfluss darauf genommen, welche Geschichte der Regisseur Lucio A. Royas aus meinem Roman entwickelt hat. Ich bekam allerdings früh Einblicke in das Storyboard, erste Filmszenen und Behind-the-Scenes-Material und konnte mich ausführlich mit den Hauptdarstellern austauschen.
Den fertigen Film habe ich bislang selbst noch nicht gesehen, weshalb ich zur Gesamtumsetzung natürlich noch kein abschließendes Urteil abgeben kann. Ich weiß bereits, dass der Regisseur einige neue Szenen eingebaut und auch das Ende verändert hat, während andere Szenen sehr nah am Buch geblieben sind.
Beides ist für mich völlig in Ordnung. Manche Dinge funktionieren im Buch einfach anders als im Film und umgekehrt, und ich vertraue darauf, dass der Regisseur die Geschichte auf seine Weise für das Medium Film umgesetzt hat.
Natürlich bin ich inzwischen sehr gespannt darauf, den Film endlich selbst zu sehen. Die Ausschnitte, die ich bisher kenne, haben mir jedenfalls schon eine ordentliche Gänsehaut beschert. Und ich kann mit Gewissheit sagen: Diesen Film würde ich mir auch dann unbedingt ansehen wollen, wenn er nicht auf einem meiner Bücher basieren würde.
Ich glaube, der wird noch vielen Leuten Angst machen.
9. In deinem Nachwort schreibst du, dass deine Bücher schon immer als Filme in deinem Kopf existiert haben. Nun hat Lucio A. Rojas diesen inneren Film tatsächlich auf die Leinwand gebracht. Wie fühlt es sich an, Figuren und Räume, die jahrelang nur in deinem Kopf existierten, plötzlich mit fremden Gesichtern, Stimmen und Bildern zu sehen? Gab es einen Moment, in dem du dachtest: Genau so habe ich es gesehen – oder vielleicht sogar: Nein, mein Keller sah ganz anders aus?
Ich habe bereits einige Ausschnitte gesehen, die so nah am Buch waren, dass ich tatsächlich den Eindruck hatte, in meinen eigenen Kopf zu schauen. Die Besetzung des Films ist wirklich grandios. Vor allem die Beziehung der beiden Brüder und die Trostlosigkeit des Kellers werden im Film genauso transportiert, wie ich sie beim Schreiben gesehen und gespürt habe.
Etwas ungewohnt war dagegen die Besetzung der Mutter, die im Film ganz anders dargestellt wird als in meiner Geschichte. Ich kann mich aber gut auf solche Veränderungen einlassen und finde es sogar positiv, wenn ein Regisseur einem Film seinen eigenen Stempel aufdrückt, anstatt das Buch einfach eins zu eins nachzubauen.
Manches funktioniert auf der Leinwand schließlich anders als auf dem Papier. Und für die Leser ist es doch auch spannender, wenn sie im Film die eine oder andere Überraschung erwartet.
10. Zum Abschluss würde ich gerne zehn Jahre zurückgehen: Stell dir vor, du könntest heute der jungen Simone begegnen, die 2015 Kellerspiele im Selfpublishing veröffentlicht – ohne zu ahnen, dass dieses Buch einmal gefeiert, beschimpft, verbannt und schließlich sogar verfilmt werden würde. Was würdest du ihr heute sagen?
Ich würde der jüngeren Simone sagen, dass sie vielleicht mal lieber ein Pseudonym benutzt hätte, ansonsten aber alles richtig gemacht hat. ;)
Liebe Simone, vielen Dank, dass du dir für unsere Fragen so viel Zeit genommen hast – und vor allem für die Offenheit und Ausführlichkeit deiner Antworten. Es ist alles andere als selbstverständlich, sich auf ein Interview so intensiv einzulassen. Genau solche Gespräche sind es, die wir in der Kathedrale suchen: nicht nur ein paar Antworten, sondern Gedanken, an denen man noch eine Weile weiterdenken kann. Danke, dass du uns diesen Einblick gegeben hast.

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