Sonntag, 13. September 2026

Analyse: Stephen King - ES

 

STEPHEN KING – ES

ANALYSE

Mein Weg durch 1339 Seiten Derry

Achtung: Diese Analyse enthält vollständige Spoiler.

Wenn man sich auch nur ansatzweise für Horror interessiert, führt früher oder später kein Weg an Stephen King vorbei. Irgendwo steht immer eines seiner Werke herum, wenn es um das Genre geht, das wir so lieben.

Was mich an King seit jeher fasziniert, ist die Art, wie er dem modernen Mainstream-Horror einen Teil seiner Unschuld geraubt hat. King konnte verstörend werden, hässlich und manchmal erstaunlich hart. Heute mögen manche seiner Eskapaden in Zeiten der Extrem-Literatur beinahe wie ein laues Lüftchen wirken. Aber vielleicht sollten wir uns hier an King selbst halten. In Angstspur stellt er die Frage, warum Menschen überhaupt solche Geschichten lesen und solche Filme sehen – und kommt zu einer herrlich unangenehmen Antwort: Vielleicht sind seine Leser einfach beinahe genauso verdreht wie er selbst.

Willkommen also unter den Verdreh­ten.

Und damit zurück zu ES. Oder zunächst zu Pennywise – dessen Name übersetzt übrigens ungefähr „sparsam mit Kleinigkeiten“ bedeutet. Eine hübsche Ironie für einen Roman, dem man beim besten Willen nicht vorwerfen kann, mit kleinen Dingen besonders sparsam umzugehen.

1339 Seiten.

Und bevor jetzt jemand ein King-Denkmal erwartet: ES ist nicht einmal mein Lieblingsroman von ihm. Diese Plätze sind bei mir längst vergeben. An Friedhof der Kuscheltiere, Needful Things, The Stand und Die Augen des Drachen.

Das hier wird kein King-Denkmal. Es ist mein Weg durch diese 1339 Seiten.

Und dieser Weg führte mich zu einer Erkenntnis, mit der ich vor dem Lesen nicht gerechnet hatte:

ES ist eben nicht einfach die Geschichte von Pennywise dem Clown.


Mein Weg zum Ziegelstein

Mein Weg zu diesem Ziegelstein führte zunächst über die erste TV-Verfilmung von ES mit Tim Curry als Pennywise und später über die Neuinterpretationen mit Bill Skarsgård. Doch so richtig neu entfacht wurde mein Interesse schließlich durch die TV-Serie Welcome to Derry.

Und weil ich natürlich auch etwas intelligenter wirken wollte – so, als hätte ich tatsächlich Ahnung von der Geschichte –, musste irgendwann das Buch her.

1339 Seiten Stephen King. Kann ja nicht so schlimm werden.

Als ich dann gerade einmal die ersten hundert Seiten hinter mir hatte, kam die Nachricht vom Tod Tim Currys. Plötzlich bekam diese Reise nach Derry noch eine ganz andere, persönliche Färbung. Ausgerechnet während ich mich zum ersten Mal durch Kings ursprüngliches ES arbeitete, starb für mich das Gesicht, das Pennywise über Jahrzehnte geprägt hatte. Damit sollte sich dieser Roman noch auf eine Weise in meine Vita einbrennen, die beim Aufschlagen des Buches niemand vorhersehen konnte.

Meine Erwartungen waren jedenfalls durchaus positiv. Schließlich hatten mich alle bisherigen Verfilmungen auf ihre jeweils eigene Art angesprochen. Ich kannte Derry, ich kannte den Club der Verlierer – und natürlich kannte ich Pennywise.

Zumindest glaubte ich das.

Denn ziemlich schnell stellte sich heraus, dass meine Vorstellung von ES vor allem durch seine Verfilmungen geprägt worden war. Ich erwartete wesentlich mehr Horrorclown, wesentlich mehr Pennywise und wesentlich mehr unmittelbare Konfrontation mit ES.

King gab mir stattdessen erst einmal etwas anderes:

Derry.

Und davon verdammt viel.


Derry – die Stadt unter der Brücke

Akribisch erschafft King die fiktive Kleinstadt Derry in Maine, deutlich geprägt von Bangor, jener realen Stadt, in der King selbst seit Jahrzehnten zu Hause ist. Aus Straßen, Häusern, Kanälen, Gerüchen, Hitze, Wasser, Erde und einer schier endlosen Zahl von Bewohnern entsteht nach und nach das Panorama einer amerikanischen Kleinstadt – einer Stadt, die von ES vergiftet scheint.

Denn King baut Derry nicht einfach als Kulisse für sein Monster. Er gibt der Stadt eine Vergangenheit, ein Gedächtnis und irgendwann beinahe einen eigenen Körper.

Derry wird nicht beschrieben – Derry bekommt einen Körper.

Bemerkenswert ist dabei, wie häufig King seine eigentlichen Hauptfiguren aus dem Zentrum schiebt. Er erzählt den Club der Verlierer immer wieder über andere Menschen. Stanley lernen wir auch durch Patty kennen, Eddie über Mutter und Ehefrau, Beverly über ihren gewalttätigen Mann, Ben sogar über einen Barkeeper.

King lässt seine Hauptfiguren von anderen Menschen spiegeln.

Die Nebenfiguren werden nicht einfach Staffage. Sie bekommen Biografien, Ängste und Abgründe – und manchmal erschreckend viel Platz.

Diese Akzentverschiebung ist eine der großen Stärken von ES und gleichzeitig eine seiner größten Belastungsproben. Denn ja: Das kann verdammt zäh werden.

King biegt ab, wo andere Autoren längst geradeaus Richtung Handlung marschieren würden. Er erzählt noch eine Lebensgeschichte, öffnet eine weitere Vergangenheit, wechselt erneut die Zeitebene. Aber gerade dadurch bekommen selbst die Gewaltexzesse in Derry ein Gewicht, das weit über einen gewöhnlichen Monsterroman hinausgeht.

King will offenbar nicht nur erzählen, was ES den Menschen antut. Er will zeigen, was die Menschen in Derry einander schon lange vor Pennywise antun.

Rassismus, Homophobie, häusliche Gewalt, Missbrauch, Mobbing und soziale Ausgrenzung existieren hier nicht erst, weil ein kosmisches Monster unter der Stadt wohnt.

ES kommt nicht in eine heile Kinderwelt und zerstört sie. King zeigt uns eine Kinderwelt, die längst voller realer Monster ist.

Vielleicht funktioniert Pennywise auch deshalb so gut in Derry: Er muss die Angst seiner Opfer gar nicht erst erfinden. Vieles davon ist längst vorhanden.

Und ausgerechnet hinter diesem gewaltigen Roman stand am Anfang eine erstaunlich einfache Idee:

ein Troll unter einer Brücke.

King erinnerte sich an das Märchen The Three Billy Goats Gruff, in dem unter einer Brücke ein Troll auf seine Opfer wartet. Aus diesem Bild entwickelte sich nach und nach etwas Größeres. Die Brücke wurde zum Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Aus dem Raum unter der Brücke wurde der Raum unter einer Stadt: Tunnel, Abwasserkanäle, eine verborgene Welt unter der sichtbaren Welt.

Und aus dem Troll wurde schließlich ein Wesen, das nicht nur eine Gestalt besitzt, sondern die Ängste seiner Opfer lesen und ihnen einen Körper geben kann.

Der Bauplan von ES lässt sich deshalb beinahe wie eine kleine Evolutionsgeschichte lesen:

Märchentroll → Brücke → Übergang Kind/Erwachsener → Stadt → Kanalisation → gestaltwandelndes Monster → Pennywise.

Und plötzlich versteht man auch, warum ES eben nicht einfach die Geschichte von Pennywise dem Clown ist.

Pennywise ist das ikonische Gesicht. ES ist das Prinzip dahinter.


Der Parasit der Angst

Besonders spannend fand ich ES dort, wo King sein Monster weniger als konkrete Gestalt denn als eine Art Parasiten der Angst begreifbar macht. ES sucht sich seine Opfer und findet in ihnen etwas, das längst vorhanden ist. Denn in einem Wirt kann nichts aktiviert werden, wofür es nicht bereits einen Nährboden gibt.

Und genau deshalb sieht ES für jeden anders aus.

ES erfindet die Monster seiner Opfer nicht unbedingt. Es findet die Bilder, die bereits in ihren Köpfen leben – und gibt ihnen einen Körper.

Beim einen ist es Krankheit, beim anderen ein Tier, ein Monster aus einem Film oder eine Erinnerung, die längst zur offenen Wunde geworden ist.

Besonders offensichtlich wird dieses Prinzip beim Gefängniswärter Koontz. King erklärt uns ausdrücklich, dass der Dobermann das einzige Tier ist, vor dem er sich fürchtet – und genau diese Angst setzt ES gegen ihn ein.

Ähnlich deutlich funktioniert es beim Teenage-Werwolf. Ein Monsterbild aus der Popkultur, eben noch sicher auf eine Kinoleinwand gebannt, bekommt plötzlich einen realen Körper. ES nimmt dem Horror seinen schützenden Rahmen aus Schauspieler, Maske und Fiktion.

Noch perfider wird das Prinzip bei Bill. Dort besetzt ES nicht irgendein beliebiges Monsterbild, sondern die Erinnerung an seinen toten Bruder Georgie. Das Foto beginnt sich zu bewegen, Georgie spricht zu ihm und schließlich dringt sogar Blut aus dem Bild in Bills Wirklichkeit.

Pennywise erschafft Bills Angst nicht – er besetzt seine Erinnerung.

Damit wird ES für mich zu etwas noch Unheimlicherem:

zu einem Parasiten der Erinnerung.

ES besitzt deshalb auch keine stabile Gestalt, weil Angst selbst keine stabile Gestalt besitzt. Ändert sich das innere Bild seines Opfers, kann sich auch ES verändern.

King macht aus etwas Unsichtbarem – Angst, Trauma, Erinnerung – plötzlich Fleisch.

Und irgendwo jenseits dieser Ängste wartet die Schildkröte.

Sie ist weniger der Superheld, der gegen den bösen Pennywise antritt, als ein kosmisches Gegenprinzip zu ES: Schöpfung und Bewahrung gegenüber Verschlingen und Zerstörung. Allein ihre Existenz wird später entscheidend, denn sie konfrontiert ES mit einer Vorstellung, die ausgerechnet das Monster selbst in Angst versetzt:

nicht das einzige Wesen seiner Art und vielleicht nicht einmal die höchste Macht zu sein.

Pennywise wiederum ist etwas anderes. Er ist nicht ES selbst, sondern dessen genialste Maske – ein trojanisches Pferd mit roter Nase und Luftballons. Der Clown verspricht zunächst Unterhaltung, Spiel und Kindheit. Etwas Vertrautes steht am Straßenrand oder schaut aus einem Gully und lädt ein, näherzukommen.

Nur steckt im Pferd eben kein Grieche.

Da steckt ES drin.


Wenn Derry zum Kaugummi wird

Und genau hier muss man auch als King-Nerd ehrlich bleiben.

Kings Abschweifungen sind Fluch und Stärke von ES zugleich. Sie machen Derry zu einem Ort mit Geschichte, gesellschaftlichen Wunden und einem Gedächtnis. Doch nicht jeder Umweg rechtfertigt seine Länge.

Das zweite Zwischenspiel wurde für mich zum Kaugummi.

Ich verstand seinen Rassismus-Subtext und seine Bedeutung für Derry – nur fühlte sich die Erzählung irgendwann nicht mehr rund an.

Dabei gehört ausgerechnet der Brand im Black Spot für mich zu den erbarmungslosesten Passagen des Romans. King beschreibt den rassistischen Terror mit einer Härte, bei der das menschliche Monster dem kosmischen in nichts nachsteht. Man leidet mit den Opfern.

Und trotzdem gehört die Black-Spot-Geschichte für mich gleichzeitig zu einem der unrundesten Abschnitte des Romans.

Nicht weil die Geschichte schwach wäre, sondern weil King so weit ausholt, dass ihre Einbettung in den Erzählfluss für mich irgendwann nicht mehr funktioniert.

Interessanterweise hat mir Welcome to Derry später vorgeführt, dass es tatsächlich nicht am Stoff liegen muss. Material aus diesem historischen Unterbau funktioniert dort für mich hervorragend. Was im Roman wie ein erzählerischer Kaugummi wirken kann, bekommt durch Verdichtung, Dramatisierung und das andere Medium plötzlich Zug.

Das ist vielleicht eine der interessanteren Erkenntnisse dieser Lektüre:

Stark geschrieben und innerhalb eines Romans gut funktionierend müssen nicht dasselbe sein.


Die Rückkehr – und die Horror-Showcases

Ein ähnliches Problem hatte ich bei der Rückkehr der erwachsenen Verlierer nach Derry.

Eigentlich hätte das für mich einer der spannendsten Abschnitte des gesamten Romans sein müssen. Nach all dem Vergessen kommen sie zurück an den Ort ihrer Kindheit, und etwas, das jahrzehntelang verschüttet war, beginnt wieder aufzubrechen.

Stattdessen empfand ich gerade die einzeln abgearbeiteten Begegnungen mit ES ab etwa Seite 600 als überraschend schleppend.

Sie wirkten auf mich weniger wie ein organischer Teil der Handlung als wie nacheinander eingeschobene Horror-Showcases für die verschiedenen Erscheinungsformen von ES.

Figur A bekommt ihre Begegnung. Dann Figur B. Dann die nächste Variation des Monsters.

Und irgendwann sieht man die Konstruktion.

Das ist symptomatisch für ein Problem, das mich im weiteren Verlauf immer stärker begleitete:

Kaum entwickelt der Roman Zug, öffnet King wieder eine neue Tür: eine Nebenfigur, eine Vorgeschichte, eine andere Zeitebene – und der gerade entstandene Sog bricht erneut ab.

Das führte bei mir zu einem seltsamen Widerspruch.

Vielleicht ist genau das mein größtes Problem mit ES: Vieles von dem, was diesen Roman außergewöhnlich macht, ist zugleich das, was mich beim Lesen am meisten ermüdet hat. Kings Nebenfiguren geben Derry ein Gesicht. Seine Zeitsprünge geben der Stadt ein Gedächtnis. Seine Abschweifungen geben ihr Geschichte. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass all diese Gesichter, Erinnerungen und Geschichten dem Roman immer wieder selbst im Weg stehen.

Und irgendwann musste ich mir noch etwas eingestehen, das einem King-Roman gegenüber beinahe ketzerisch klingt:

Die Verfilmungen treiben mich stärker vorwärts.

Natürlich verlieren sie durch ihre Verdichtung einen erheblichen Teil dessen, was Kings Derry ausmacht. Aber gerade darin liegt für mich bei ES auch ihr Vorteil.

Die Verfilmungen verlieren einen Teil von Derrys Tiefe – gewinnen für mich dadurch aber den erzählerischen Sog, den der Roman immer wieder selbst unterbricht.

So sehr mich Kings Derry in seiner Tiefe beeindruckt hat: Ausgerechnet bei ES musste ich mir eingestehen, dass mir die Verdichtung der Verfilmungen stellenweise besser gefällt.

Sie opfern Welt – aber sie gewinnen Tempo.


Die Kinder, die Derry nie ganz verlassen haben

Eine kleine Information auf Seite 592 blieb bei mir besonders hängen:

Keiner aus dem Club der Verlierer hat Kinder.

Natürlich kann man daraus zunächst einfach eine biografische Gemeinsamkeit machen. Innerhalb eines Romans, der so obsessiv von Kindheit, Erinnerung und dem Übergang ins Erwachsenenleben handelt, wirkt diese Gemeinsamkeit aber auffällig.

Denn die Verlierer haben Derry geografisch verlassen. Sie haben Karrieren aufgebaut, Beziehungen geführt und sich erwachsene Existenzen geschaffen.

Und trotzdem entstand bei mir während des Lesens der Gedanke:

Sie haben Derry verlassen, aber etwas in ihnen scheint in Derry stehen geblieben zu sein.

Ihre Kinderlosigkeit wird damit zumindest symbolisch interessant. Vielleicht ist sie nicht bloß eine biografische Gemeinsamkeit, sondern ein Hinweis darauf, dass ihre eigene Kindheit nie vollständig abgeschlossen wurde.

Sie sind erwachsen geworden.

Aber ihre Lebenslinien führen an einem entscheidenden Punkt nicht weiter.

Das passt zu einem Gedanken, der sich schon viel früher aufgedrängt hatte:

Die Verlierer haben Derry vergessen – aber Derry hat sie möglicherweise nicht verlassen.

Vergessen bedeutet bei King ohnehin nicht, dass etwas verschwunden ist. Ben kann von Pennywise träumen und beim Erwachen den Traum verloren haben – während sein Körper noch die Spuren der Emotion trägt.

Etwas kann aus dem Bewusstsein verschwinden und trotzdem weiterwirken.

Genau darin liegt für mich eine der psychologisch stärksten Ideen des Romans.


Je größer ES wird, desto kleiner wird seine Wirkung

Mit zunehmender Seitenzahl öffnet King schließlich die Tür zum Cosmic Horror.

ES ist nicht einfach irgendein Monster, das irgendwann unter Derry geboren wurde. King zieht die Perspektive immer weiter zurück, bis menschliche Zeitmaßstäbe kaum noch eine Rolle spielen.

Eigentlich müsste das die Bedrohung ins Unermessliche steigern.

Bei mir geschah merkwürdigerweise das Gegenteil.

Je größer ES wird, desto kleiner wird seine Wirkung auf mich.

Am Anfang genügen Georgie, ein regennasser Gully und ein lächelnder Clown.

Später öffnet King Millionen Jahre Vergangenheit und schließlich den Kosmos – doch je mehr ich über ES erfahre, desto weniger fürchte ich mich davor.

Vielleicht liegt eine der bitteren Ironien von ES genau darin, dass King sein Monster immer größer macht, während es für mich als Leser zunehmend an Wirkung verliert.

Und dann lässt King ES nach weit über tausend Seiten erstmals selbst zu Wort kommen.

Plötzlich schauen wir nicht mehr nur auf das Monster.

Wir schauen aus dem Monster heraus.

Und was finden wir dort?

Angst.

Über tausend Seiten lang gibt ES den Ängsten anderer eine Gestalt. Als ES schließlich selbst zu Wort kommt, offenbart King ausgerechnet im Monster eine eigene Angst: die Angst, nicht das Einzige zu sein.

Das Wesen, das die Ängste anderer liest, manipuliert und gegen sie verwendet, wird mit der Möglichkeit konfrontiert, selbst nur ein Teil von etwas Größerem zu sein.

Das ist fast Cosmic Horror aus Sicht des kosmischen Monsters.

Literarisch finde ich diesen Gedanken wesentlich spannender als manches Spektakel, mit dem King die Dimensionen seines Wesens zuvor immer weiter aufgeblasen hat.

Und als wäre das nicht genug, kommt schließlich noch die Erkenntnis:

ES ist weiblich.

Oder zumindest besitzt seine körperliche Manifestation eine weibliche, reproduktionsfähige Dimension. Nach all den männlich gelesenen Masken, allen voran Bob Gray alias Pennywise, setzt King noch einmal einen Haken hinter die Vorstellung, wir hätten dieses Wesen inzwischen verstanden.


Der literarische Supergau: Als die Zeit in Derry zusammenbricht

Und dann geschieht auf den letzten paar hundert Seiten etwas, womit ich nach meiner zunehmenden Ermüdung kaum noch gerechnet hatte:

King zeigt noch einmal, wer hier der King ist.

Ausgerechnet das Stilmittel, das mich über weite Strecken des Romans am meisten genervt hatte, entwickelt plötzlich eine enorme Kraft.

Die Zeitebenen wechseln nicht mehr einfach.

Sie bluten ineinander.

Das kleine Finale der Kinder und das große Finale der Erwachsenen laufen parallel. Vergangenheit und Gegenwart spiegeln sich nicht länger nur. King lässt einen Satz in den Fünfzigern beginnen – und in der Gegenwart enden.

Der Satz selbst wird zur Brücke zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.

Was mich über weite Strecken aus dem Roman herausgerissen hat, wird im Finale plötzlich zu seiner vielleicht größten formalen Stärke.

Vergangenheit und Gegenwart werden für einen Moment ununterscheidbar.

Der Club der Verlierer kämpft nicht zweimal gegen ES. Die beiden Kämpfe beginnen sich sprachlich wie ein einziger Vorgang anzufühlen.

Für mich war das ein osmotischer Spiegel, ein kontrollierter literarischer Supergau, bei dem King seine eigene Zeitstruktur zusammenbrechen lässt.

Und plötzlich kassiert er spät einen Teil dessen ein, was er über mehr als tausend Seiten vorbereitet hat.

Das macht die vorherigen 1000 Seiten für mich rückwirkend nicht weniger anstrengend. Eine späte Auszahlung macht den Weg dorthin nicht automatisch besser.

Aber ich kann King zugestehen:

Wenn dieses Verfahren im Finale funktioniert, dann funktioniert es verdammt gut.


Zurück zum Gully

Und irgendwann waren diese 1339 Seiten tatsächlich vorbei.

Was bleibt von ES?

Ein gewaltiger Roman über Kindheit und Erwachsensein, Freundschaft und Erinnerung, über eine Stadt, die ihre eigene Geschichte zu verschlucken scheint. Ein Roman voller großartiger Beobachtungen, verstörender Gewaltexzesse und Figuren, denen King manchmal auf wenigen Seiten mehr Leben einhaucht als andere Autoren ihren Hauptfiguren in einem ganzen Buch.

Aber eben auch ein Roman, mit dem ich gekämpft habe.

Vielleicht ist genau das mein größtes Problem mit ES: Vieles von dem, was diesen Roman außergewöhnlich macht, ist zugleich das, was mich beim Lesen am meisten ermüdet hat. Kings Nebenfiguren geben Derry ein Gesicht. Seine Zeitsprünge geben der Stadt ein Gedächtnis. Seine Abschweifungen geben ihr Geschichte.

Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass all diese Gesichter, Erinnerungen und Geschichten dem Roman immer wieder selbst im Weg stehen.

Kaum entwickelt er Zug, öffnet King wieder eine neue Tür: eine Nebenfigur, eine Vorgeschichte, eine andere Zeitebene – und der gerade entstandene Sog bricht erneut ab.

Ausgerechnet im Finale zeigt King dann noch einmal, wer hier der King ist. Was mich über weite Strecken aus dem Roman herausgerissen hat, wird plötzlich zu einer seiner größten formalen Stärken. Vergangenheit und Gegenwart wechseln nicht mehr einfach einander ab.

Sie bluten ineinander.

Ein Satz beginnt bei den Kindern und endet bei den Erwachsenen. Das kleine und das große Finale werden zu einem einzigen Vorgang.

Der literarische Supergau: Die Zeit in Derry bricht zusammen.

Und trotzdem konnte mich eine andere Entwicklung nicht mehr zurückholen.

Je näher ich ES kam, desto weniger Angst machte es mir.

Aus einem Clown im Gully wird ein gestaltwandelndes Wesen, aus dem Monster unter der Stadt schließlich Cosmic Horror. King öffnet Räume, die Millionen Jahre zurückreichen, lässt eine Schildkröte in seiner Kosmologie auftauchen und gibt schließlich sogar ES selbst eine Stimme.

Und ausgerechnet dort entdecken wir etwas, das ES über tausend Seiten seinen Opfern entlockt hat:

Angst.

Über tausend Seiten lang gibt ES den Ängsten anderer eine Gestalt. Als ES schließlich selbst zu Wort kommt, offenbart King ausgerechnet im Monster eine eigene Angst:

die Angst, nicht das Einzige zu sein.

Literarisch finde ich das faszinierend. Zum ersten Mal schauen wir nicht nur auf das Monster – wir schauen aus dem Monster heraus.

Doch für meinen Horror funktioniert eine andere Rechnung:

Je größer ES wird, desto kleiner wird seine Wirkung auf mich.

Am Anfang braucht King keinen Kosmos.

Keine Mythologie.

Keine dreißigseitige Vorgeschichte.

Keine Erklärung dessen, was ES eigentlich ist.

Er braucht Regen.

Einen kleinen Jungen.

Ein Papierboot.

Einen Gully.

Und darin einen lächelnden Clown.

Vielleicht liegt darin die bittere Ironie meiner Reise durch Derry. Die stärkste Pointe von ES liegt für mich nicht am Ende seiner 1339 Seiten, sondern beinahe am Anfang.

Georgie vor dem Gully und Pennywise im Abwasserkanal enthalten in wenigen Seiten bereits das Versprechen eines Romans, dessen spätere Größe diese ursprüngliche Wirkung für mich erstaunlich selten wieder erreicht.

Und vielleicht musste ich tatsächlich erst diese 1339 Seiten lesen, um zu verstehen, weshalb.

Pennywise ist das ikonische Gesicht. ES ist das Prinzip dahinter.

Ich verstehe dieses Prinzip heute besser als vor meiner Reise nach Derry.

Aber manchmal hätte ich mir verdammt noch mal gewünscht, King hätte mir einfach etwas mehr von diesem Clown gegeben. 🎈


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