Mittwoch, 26. August 2026

TIM CURRY: 1946–2026

TIM CURRY 1946–2026

Für immer Pennywise. Und so viel mehr.

Manchmal schließt sich einfach der Kreis.

In den letzten Wochen hatte ich mir noch einmal die verschiedenen ES-Verfilmungen und die Serie Welcome to Derry angesehen – was mich schließlich auch zurück zu Stephen Kings gewaltiger Romanvorlage IT geführt hat. Gerade stecke ich mitten in den 1339 Seiten meiner Heyne-Neuausgabe, als die Nachricht kommt, dass Tim Curry verstorben ist. Und irgendwie ist es sogar passend, dass Curry mitten in meinem ES-Projekt noch einmal seinen Platz bekommen hat – nicht nur als Pennywise, sondern als der Schauspieler dahinter.

Ein seltsamer, beinahe unheimlicher Zufall.

Seine Performance als Bob Gray alias Pennywise hat mich über Jahrzehnte begleitet, und ich habe seine Interpretation des Clowns immer außerordentlich geschätzt. In Currys Pennywise steckt noch etwas Menschliches, Schelmisches und beinahe Schmieriges. Er kann tatsächlich wie ein echter Clown wirken – und genau deshalb kippt sein Lächeln so wunderbar ins Bedrohliche.

Vielleicht hat diese Darstellung bei mir auch deshalb einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, weil ich Clowns eigentlich liebe. Ich mochte Zirkusclowns immer und empfand sie nie grundsätzlich als unheimlich oder bedrohlich. Tim Curry war für mich der Einstieg in die dunkle Seite dieser Figur. Er zeigte mir, dass hinter dem geschminkten Lächeln, der roten Nase und der kindlichen Albernheit plötzlich etwas vollkommen Böses lauern konnte.

Mit seiner Inszenierung von Pennywise hat er mein Bild des Clowns für immer verändert.

Und vielleicht liegt genau darin Currys große Leistung. Sein Pennywise sieht nicht permanent aus wie ein Monster. Das Monster versteckt sich hinter etwas Vertrautem. Für einen kurzen Moment könnte man tatsächlich glauben, dass da einfach nur ein Clown steht.

Dann lächelt er.

Und irgendetwas stimmt nicht mehr.

Dabei wollte Curry ursprünglich gar nicht unter einer gewaltigen Effektmaske verschwinden. Bei der Entwicklung von Pennywise setzte er sich dafür ein, sein Gesicht nicht vollständig unter Latex und Prothesen zu begraben. Rückblickend war das ein Glücksfall. Denn so blieben seine Augen, sein Mund, seine Mimik und vor allem dieses diabolische Grinsen sichtbar. Pennywise wurde nicht allein durch Make-up erschaffen – ein beträchtlicher Teil des Monsters kam von Curry selbst.

Umso schöner ist eine andere kleine Ironie seiner Karriere: Beinahe hätte Curry noch einen zweiten legendären Clown des Bösen gespielt. Für Tim Burtons Batman wurde er neben anderen Schauspielern als möglicher Joker in Betracht gezogen. Später sprach er den Joker tatsächlich für Batman: The Animated Series ein und nahm bereits Material auf, bevor die Rolle schließlich mit Mark Hamill neu besetzt wurde.

Der Joker wurde ihm genommen.

Pennywise konnte ihm niemand mehr nehmen.

Doch Tim Curry auf diese eine Rolle festzulegen, würde ihm nicht einmal annähernd gerecht.

Natürlich steht da die legendäre Verkörperung des Dr. Frank-N-Furter in The Rocky Horror Picture Show. Eine Figur, die Curry mit einer derartigen Mischung aus Extravaganz, Sexualität, Humor und Unberechenbarkeit spielte, dass sie längst weit über den Film hinaus zu einer Ikone der Subkultur geworden ist.

Dann war da der gewaltige Darkness in Ridley Scotts Legend, Wadsworth in Clue, Long John Silver in Muppet Treasure Island, der Concierge in Home Alone 2 – und für mich ebenso die vielen kleineren Rollen und Nebenfiguren, mit denen Curry Filme oft um genau jene eigenwillige Note bereicherte, die nur er ihnen geben konnte. Ob Oscar oder Burke & Hare: Das waren für mich nie bloße Ergänzungen seiner großen Rollen.

Tim Curry konnte am Rand eines Films auftauchen und trotzdem dafür sorgen, dass man sich hinterher an ihn erinnerte.

Dazu kam eine Stimme, die praktisch dafür geschaffen schien, Figuren zwischen Charme und Boshaftigkeit anzusiedeln. Curry arbeitete ausgiebig als Sprecher für Animation, Hörproduktionen und Videospiele und gewann für seine Arbeit als Captain Hook in Peter Pan and the Pirates sogar einen Daytime Emmy.

Auch musikalisch war er keineswegs nur der singende Frank-N-Furter. Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichte Curry drei eigene Studioalben. Auf der Bühne führte ihn seine Karriere ohnehin weit über Rocky Horror hinaus und brachte ihm mehrere Tony-Nominierungen ein.

Das alles passt zu einem Mann, der sich offenbar nur ungern in eine Schublade stecken ließ.

Vielleicht gilt das auch für den Menschen Tim Curry.

Denn so hemmungslos, exzentrisch und offen seine Figuren sein konnten, so konsequent hielt Curry sein tatsächliches Privatleben aus der Öffentlichkeit heraus. Über Beziehungen und intime Dinge sprach er kaum. Während andere Stars ihr Privatleben irgendwann zum Bestandteil ihrer öffentlichen Figur machten, blieb Curry in dieser Hinsicht erstaunlich verschlossen.

Man kannte Frank-N-Furter.

Man kannte Pennywise.

Man kannte Darkness.

Aber Tim Curry selbst behielt einen Teil von sich für sich.

2012 bekam diese außergewöhnliche Karriere einen brutalen Einschnitt. Curry erlitt einen schweren Schlaganfall. Danach konnte er nicht mehr gehen, war auf einen Rollstuhl angewiesen und hatte mit weiteren körperlichen Folgen zu kämpfen.

Gerade bei ihm erscheint dieser Verlust besonders bitter. Currys Schauspiel hatte zuvor so stark von Körperlichkeit gelebt: die Bewegungen, die Gesten, das Tänzerische, das beinahe hemmungslose Einnehmen eines Raumes.

Doch er verschwand nicht.

Curry arbeitete weiter, insbesondere mit seiner unverwechselbaren Stimme, zeigte sich wieder auf Veranstaltungen und Conventions und blieb seinen Fans verbunden. Noch viele Jahre nach dem Schlaganfall trat er öffentlich auf. 2025 veröffentlichte er schließlich seine Memoiren Vagabond.

Nicht mehr so wie früher.

Aber weiter.

Vielleicht gefällt mir gerade dieser Gedanke als einer der letzten zu Tim Curry. Denn hinter all den Monstern, Clowns, Exzentrikern und Bösewichten steckte offenbar ein Mensch, der nach einem gewaltigen Einschnitt noch viele Jahre seinen Platz in jener Welt behauptete, die er mit seinen Figuren selbst ein wenig merkwürdiger gemacht hatte.

Am 26. August 2026 ist Tim Curry im Alter von 80 Jahren gestorben.

Zurück bleiben Rollen, bei denen eine nüchterne Filmografie kaum erklären kann, weshalb dieser Schauspieler so vielen Menschen im Gedächtnis geblieben ist.

Vielleicht weil Tim Curry Figuren niemals einfach nur spielte.

Er kostete sie aus.

Er gab ihnen eine Haltung, eine Stimme, ein Grinsen. Manchmal etwas Erotisches, manchmal etwas Lächerliches – und erstaunlich oft etwas leicht Gefährliches.

Dr. Frank-N-Furter wird weiter durch die Mitternachtsvorstellungen stolzieren.

Darkness wird weiter aus dem Schatten treten.

Wadsworth wird weiterhin atemlos durch sein Herrenhaus hetzen.

Und für mich wird irgendwo in Derry immer dieser eine Clown stehen.

Mit weißem Gesicht.

Roten Haaren.

Einer roten Nase.

Und einem Lächeln, dem ich seit 1990 nicht mehr traue.

Tim Curry war Pennywise.

Aber zum Glück war er so viel mehr.

TIM CURRY

1946–2026

Der Vorhang fällt. Der Kult bleibt.

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