OASIS: DON’T LOOK BACK IN ANGER - 2026 - ofdb - Trailer
Was passiert, wenn eine Generation für 123 Minuten versucht, ihre Jugend zurückzubekommen?
Kürzlich feierte Oasis: Don’t Look Back in Anger bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Da ich die Karriere der Gallagher-Brüder praktisch seit ihren musikalischen Anfängen verfolge und Oasis bereits zweimal live erleben durfte, wollte ich mir den Film von Dylan Southern und Will Lovelace auf keinen Fall entgehen lassen.
Wenn mein Herz einmal für etwas schlägt, dann meistens mit einer Intensität, die selten beim bloßen Konsum stehen bleibt. In den 90ern führte mich diese Begeisterung sogar nach Manchester. Ich wollte dorthin, wo diese Musik und dieses Lebensgefühl herkamen. Ich besuchte Clubs, Kneipen und Klamottenläden, in denen Liam Gallagher, die Stone Roses und andere Figuren dieser Szene verkehrten. Ihren Stil, ihre Mode, ihre Frisuren und natürlich das notorisch lose Mundwerk der Gallaghers sog ich förmlich auf.
Grund genug also, Jahrzehnte später wieder mein Oasis-Shirt anzuziehen und mich auf die Reise zu machen.
Diesmal führte sie allerdings nur ins Kino Oberwallis.
Und noch bevor der Film begonnen hatte, wurde mein Shirt von einer anderen Kinobesucherin anerkennend kommentiert. Eine kleine, eigentlich belanglose Begegnung – die im Nachhinein ziemlich gut zu dem passt, was dieser Film mit mir gemacht hat.
Ein Logo genügt. Man erkennt sich.
ZWEI BRÜDER UND EINE VERDAMMT LANGE PAUSE
Don’t Look Back in Anger begleitet die gigantische Live-'25-Reunion, mit der Oasis nach 16 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne standen. 41 Konzerte auf fünf Kontinenten und mehr als zwei Millionen Zuschauer machten daraus weit mehr als eine gewöhnliche Comeback-Tour.
Dylan Southern und Will Lovelace wollten möglichst nahe an jenen Moment herankommen, in dem aus Noel und Liam überhaupt wieder Oasis werden konnten. Bei den ersten Proben wurden deshalb Kameras in der Tontechnik versteckt, während sich die Filmemacher teilweise außerhalb des Raumes zurückzogen.
Und natürlich sind Liam und Noel immer noch Liam und Noel.
Da ist Liams unverkennbare Selbstgefälligkeit, die mittlerweile gelegentlich wie die Parodie einer Figur wirkt, die er selbst vor mehr als drei Jahrzehnten erfunden hat. Und da ist Noel, bei dem man manchmal nie so genau weiß, ob er gerade aufmerksam zuhört oder im Stehen eingeschlafen ist.
Große Umarmungen und tränenreiche Aussprachen sollte man von diesen beiden Männern ohnehin nicht erwarten.
Steven Knight, der den Film entwickelte und schrieb, bringt das auf einen interessanten Punkt: Hier stehen sich zwei britische Männer aus der Arbeiterklasse gegenüber, deren emotionale Kommunikation schon immer etwas anders funktionierte.
Und ausgerechnet Steven Knight ist eine wunderbare Besetzung für diesen Film.
VON PEAKY BLINDERS ZU OASIS
Knight ist der Schöpfer von Peaky Blinders – einer Serie, die ich gerade in ihren frühen Staffeln sehr mochte.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger zufällig erscheint mir seine Beteiligung.
Denn auch Peaky Blinders beschäftigt sich mit britischer Arbeiterklasse, Familie, männlichem Stolz, sozialem Aufstieg und Menschen, die aus ihrer Herkunft keinen Minderwertigkeitskomplex, sondern einen Mythos erschaffen.
Knight und Liam kannten sich zudem bereits. Knight führte 2019 Regie beim Video zu Liams „One of Us“, während Liam wiederum beim Peaky Blinders Festival auftrat.
Nun schreibt derselbe Mann über zwei Brüder aus Manchester, die sich jahrelang gegenseitig zerfleischten und trotzdem feststellen müssen, dass ihre gemeinsame Geschichte größer geworden ist als ihr persönlicher Hass.
Knight beschreibt Don’t Look Back in Anger als Geschichte über Versöhnung, Vergebung und Erlösung.
Fast könnte man meinen, Tommy Shelby hätte irgendwann die Gitarren ausgepackt.
UND DANN WÄRE DA NOCH DAS GELD
Natürlich besitzt jede Erlösung ihre weniger romantische Seite.
Rund um die Reunion wurde immer wieder darüber spekuliert, welche Rolle Geld gespielt haben könnte. Noel kam aus einer kostspieligen Scheidung von Sara MacDonald, deren finanzielle Folgen britische Medien auf eine enorme Summe bezifferten.
Besonders Gallagher-typisch ist eine ältere Aussage: Bereits 2016 hatte Noel auf die ewige Frage nach einer Oasis-Reunion erklärt, für 20 Millionen Pfund würde er es machen.
Jahre später wurde ausgerechnet ungefähr diese Größenordnung im Zusammenhang mit seiner Scheidung genannt.
Zufall?
Vermutlich.
Komisch?
Verdammt.
Der Film selbst interessiert sich für diese profane Seite der Wiedervereinigung allerdings erstaunlich wenig. Er möchte lieber an die Versöhnung glauben.
Und vielleicht sollte man ihm diese Romantik für 123 Minuten einfach gönnen.
Denn sobald die Verstärker aufgedreht werden, passiert ohnehin etwas anderes.
EIN PAAR AKKORDE REICHEN
Die nostalgische Melancholie erwischte schließlich auch mich.
Bei „Cigarettes & Alcohol“ fiel es mir verdammt schwer, ruhig im Kinosessel sitzen zu bleiben.
Oasis-Musik besitzt eine Einfachheit, die man ihr sowohl vorwerfen als auch hoch anrechnen kann. Die Akkorde, Melodien und Refrains sind so unmittelbar konstruiert, dass wenige Sekunden genügen und man weiß, wo man sich befindet.
Oder besser gesagt:
wann man sich befindet.
Und plötzlich stellte sich mir während des Films eine andere Frage:
Warum versuchen wir über Musik bestimmte Versionen unserer selbst wiederzubeleben?
Ich sah nicht nur Liam und Noel Gallagher auf einer Kinoleinwand.
Irgendwo dort begegnete mir auch der Mann wieder, der Jahrzehnte zuvor nach Manchester gefahren war, weil er wissen wollte, wie sich die Welt anfühlte, aus der diese Musik gekommen war.
Und damit wurde die Dokumentation für mich interessanter als die bloße Frage, ob die Reunion glaubwürdig ist.
OASIS HABEN KEINE BESSERE ZEIT EINGEFANGEN
Heute wird bei der Rückschau auf die 90er gerne so getan, als hätten wir damals in einer unkomplizierteren, besseren Welt gelebt.
Das ist Nostalgie.
Die 90er waren politisch und gesellschaftlich kein Paradies. Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und Perspektivlosigkeit verschwanden schließlich nicht, nur weil Britpop aus den Radios dröhnte.
Oasis gelang etwas anderes:
Sie haben nicht unbedingt eine bessere Zeit eingefangen. Sie haben das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit eingefangen.
Ihre Working-Class-Herkunft war dabei niemals bloße Dekoration.
Oasis klangen nicht nach demütigem sozialem Aufstieg.
Sie klangen nach:
Wir kommen von unten – aber wir benehmen uns trotzdem so, als würde uns die verdammte Welt gehören.
Darin steckten Trotz, Größenwahn, Aufstiegssehnsucht und eine fast groteske Selbstsicherheit.
Liam brauchte keinen gesellschaftlichen Aufstieg, um sich wie ein Rockstar zu benehmen.
Er erklärte sich einfach selbst zu einem.
Vielleicht war genau das die Botschaft, die damals so viele verstanden.
Aus Begrenzung wurde Trotz.
Aus gewöhnlichen Straßen wurden Stadien.
DIE SONGS SIND NICHT GEALTERT. WIR SCHON.
Und dann verging die Zeit.
Die gesellschaftliche Umgebung hat sich verändert. Politik, Medien, Kommunikation, soziale Beziehungen und selbst die Art, wie wir Musik konsumieren, haben sich verändert.
Die Welt scheint schneller, nervöser und fragmentierter geworden zu sein.
Und trotzdem reichen ein paar Akkorde, ein Logo auf einem Shirt oder zwei Gallagher-Brüder nebeneinander, und etwas von damals wird wieder aktiviert.
Vielleicht erklärt das die gigantischen Menschenmassen dieser Reunion besser als jede musikalische Analyse.
Die Menschen kamen nicht nur, um Oasis zu hören.
Viele kamen möglicherweise, um sich selbst noch einmal zu begegnen.
Menschen, die in den 90ern Jugendliche oder junge Erwachsene waren, stehen Jahrzehnte später wieder vor derselben Band. Daneben ihre Kinder, die damals noch nicht einmal geboren waren.
Die Körper sind älter geworden.
Die Stimmen vielleicht auch.
Die Songs nicht.
Oasis haben das Lebensgefühl ihrer Zeit irgendwann eingefangen und in diesen Songs eingefroren.
Sobald heute die ersten Akkorde erklingen, beginnt es wieder aufzutauen.
LIVE FOREVER
Eine der melancholischsten Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht gegen Ende der Tour.
Beim letzten Konzert in São Paulo war kurz zuvor Gary „Mani“ Mounfield, Bassist der Stone Roses, gestorben. Liam widmete ihm „Live Forever“, während auf der Bühne ein Bild von Mani erschien und Noel während seines Gitarrensolos sichtbar bewegt wirkte.
Für mich bekommt dieser Moment noch eine zusätzliche persönliche Ebene.
Als ich damals nach Manchester reiste, interessierte mich eben nicht nur Oasis. Auch die Stone Roses gehörten zu dieser Welt, deren Spuren ich dort suchte.
Jahrzehnte später sitzt man im Kino und sieht, wie einer der Menschen aus genau dieser Welt verabschiedet wird.
Plötzlich bekommt ein Song namens „Live Forever“ eine Bedeutung, die kein Songwriter planen kann.
Denn natürlich leben wir nicht für immer.
Aber vielleicht können Musik und Erinnerung etwas von uns länger bewahren, als wir glauben.
NOSTALGIE IST KEINE ZEITMASCHINE
Genau darin liegt für mich sowohl die Schönheit als auch die Melancholie von Don’t Look Back in Anger.
Eine Reunion kann vieles zurückbringen.
Liam.
Noel.
Die Gitarren.
Die Parkas - die Bucket Hats.
Die arroganten Sprüche.
Zehntausende Menschen, die gemeinsam „Wonderwall“ singen.
Aber sie kann 1995 nicht zurückbringen.
Und vielleicht erzählt der Film deshalb unbeabsichtigt von etwas viel Größerem als einer wiedervereinigten Rockband:
Oasis verkaufen Nostalgie – aber vielleicht erzählt der Film gerade davon, dass Nostalgie niemals vollständig eingelöst werden kann.
Wir können einen früheren Zustand berühren.
Wir können ihn hören.
Wir können für einen Song sogar glauben, wieder darin zu stehen.
Aber wir können nicht darin bleiben.
Vielleicht versucht diese Generation deshalb bei den Oasis-Konzerten nicht ausschließlich, ihre Jugend zurückzubekommen.
Vielleicht sucht sie für ein paar Stunden auch nach einer Welt, in der sie sich selbst noch anders verortet hat.
Und während ich dort in meinem Oasis-Shirt saß, bekam sogar die kleine Begegnung vor Filmbeginn plötzlich eine Bedeutung.
Eine fremde Person sieht ein Logo.
Sie erkennt es.
Ich erkenne ihre Reaktion.
Und für einen kurzen Moment existiert zwischen zwei Menschen eine gemeinsame Vergangenheit, obwohl sie sich überhaupt nicht kennen.
KATHEDRALE666 FAZIT
Als kritische Dokumentation über die Gallagher-Brüder bleibt Don’t Look Back in Anger für mich etwas zu sehr auf sicherem Terrain.
Wer eine gnadenlose Aufarbeitung des Bruchs von 2009, alte Verletzungen, finanzielle Interessen oder einen tiefen psychologischen Blick auf die Versöhnung erwartet, bekommt weniger, als möglich gewesen wäre.
Der Film will die Reunion nicht sezieren.
Er will sie feiern.
Und natürlich feiern Oasis dabei auch ausgiebig sich selbst.
Aber ausgerechnet dann, wenn Liam und Noel für einen Moment nicht mehr die wichtigsten Menschen im Film sind, wird die Dokumentation für mich am stärksten.
Wenn die Kamera auf die Gesichter vor der Bühne schaut.
Wenn Tausende dieselben alten Worte singen.
Wenn aus Live Forever plötzlich ein Abschied wird.
Denn vielleicht war die eigentliche Oasis-Reunion niemals nur die Wiedervereinigung von Liam und Noel Gallagher.
Es war die Wiedervereinigung einer Generation mit einem Stück ihrer eigenen Vergangenheit.
Ich bin Oasis damals bis nach Manchester gefolgt.
Jahrzehnte später musste ich nur noch ins Kino fahren.
Und dort traf ich möglicherweise weniger auf Liam und Noel Gallagher als auf eine frühere Version meiner selbst.
Oasis haben die Zeit nicht angehalten.
Aber sie haben ein Gefühl ihrer Zeit eingefangen und in ihrer Musik eingefroren.
Und manchmal reichen ein paar Akkorde, damit es wieder auftaut.

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