Heretic - 2024 - Erstsichtung - ofdb - Trailer
Zwei junge Mormoninnen klingeln während ihrer Missionstätigkeit an der Tür von Mr. Reed. Ein freundlicher älterer Herr öffnet. Gebildet, höflich, ein wenig schrullig. Seine Frau sei ebenfalls zu Hause, versichert er ihnen. Und irgendwo soll gerade ein Blaubeerkuchen gebacken werden.
Damit scheint zunächst alles in Ordnung.
Nur der Kuchen existiert nicht.
Und irgendwann wird klar: Auch mit dem Rest dieser Einladung stimmt verdammt wenig.
HERETIC braucht weder einen Dämon noch einen Exorzismus, um Religion in einen Horrorfilm zu verwandeln. Scott Beck und Bryan Woods sperren drei Menschen in ein Haus und lassen zunächst vor allem eines aufeinander los: ihre Gedanken.
Und ausgerechnet Hugh Grant wartet hinter der Tür.
Das ist vielleicht der genialste Schachzug des Films.
DER MANN, DEM WIR VERTRAUEN SOLLEN
Hugh Grant wurde über Jahrzehnte zum Gesicht einer bestimmten romantischen Vorstellung. Vier Hochzeiten und ein Todesfall (von dem Al Bundy einmal gesagt hat, dass das fünfmal dasselbe sei), Notting Hill, Tatsächlich… Liebe – der etwas unbeholfene, charmante Brite, dem man fast automatisch Sympathie entgegenbringt.
HERETIC benutzt genau dieses kulturelle Gedächtnis gegen uns.
Mr. Reed schreit nicht. Er empfängt seine Gäste freundlich. Er macht Witze. Er lächelt. Er hört zu.
Und während man längst spürt, dass irgendetwas mit diesem Mann nicht stimmt, funktioniert Hugh Grants alte Leinwandpersona noch immer wie ein Beruhigungsmittel.
Das Böse trägt hier keine Hörner.
Es besitzt Charme.
Und einen ziemlich gemütlichen Pullover.
Je länger der Abend dauert, desto deutlicher wird allerdings, dass Reed nicht an einem Austausch interessiert ist. Er möchte keinen Glauben verstehen. Er möchte ihn zerlegen. Religion wird für ihn zum System aus Wiederholungen, Varianten und menschlichen Konstruktionen.
Monopoly wird plötzlich zur Religionsgeschichte. Popsongs werden zu theologischen Beweisstücken. Radiohead, Lana Del Rey und The Hollies landen neben Glaubenssystemen auf demselben gedanklichen Seziertisch.
Das klingt teilweise absurd.
Und funktioniert gerade deshalb hervorragend.
Denn HERETIC ist über weite Strecken weniger Haunted-House-Horror als ein philosophisches Kammerspiel, bei dem man irgendwann merkt, dass der Mann, der die Diskussion führt, gleichzeitig die Türen abgeschlossen hat.
Und genau hier liegt Reeds eigentlicher Widerspruch:
Er behauptet, Glaubenssysteme zu durchschauen – und baut selbst eines.
Sein Gott heißt Kontrolle.
GLAUBE ODER UNGLAUBE?
Eine meiner stärksten Erinnerungen an den Film sind deshalb nicht seine gewalttätigen Momente.
Es sind Türen.
Glaube.
Unglaube.
Eine scheinbare Entscheidung.
Aber was bedeutet eine Wahl überhaupt noch, wenn jemand anderes vorher bestimmt hat, welche Möglichkeiten existieren?
Das Haus von Mr. Reed wird damit selbst zur Weltanschauung.
Anfangs warm, beinahe bürgerlich und einladend. Danach folgen Räume, Korridore, Keller und immer neue Ebenen. Mit jedem Schritt scheint man tiefer in Reeds Kopf hinabzusteigen.
Und das ist großartig inszeniert.
Der Horror entsteht nicht daraus, dass hinter der nächsten Ecke plötzlich ein Monster hervorspringt.
Der Horror besteht darin, dass Reed immer schon dort gewesen zu sein scheint.
UND PLÖTZLICH MUSSTE ICH AN NOTTING HILL DENKEN
Während HERETIC über Religion, Glaubenssysteme und Manipulation spricht, kam mir allerdings ein Gedanke, den der Film selbst gar nicht formuliert.
Vielleicht hat Hugh Grant in seinem früheren Leben bereits in Glaubensfilmen gespielt.
Nur nannten wir sie romantische Komödien.
Das meine ich ausdrücklich nicht religionswissenschaftlich. Und ich behaupte natürlich nicht, NOTTING HILL sei satanistische Propaganda.
Ich benutze Satanismus hier als Metapher für etwas viel Älteres:
Verführung durch ein Versprechen.
Der klassische Verführer sagt schließlich nicht:
Ich werde dein Leben ruinieren.
Er sagt:
Ich weiß, was dir fehlt.
Und genau hier werden einige der vermeintlich harmlosesten Filme unserer Kultur plötzlich interessant.
Jahrzehntelang haben romantische Komödien ähnliche Vorhersagen wiederholt:
Irgendwo existiert der richtige Mensch.
Wenn du ihn findest, verändert sich dein Leben.
Zufälle haben Bedeutung.
Liebe überwindet die Hindernisse.
Und nach genügend Verwicklungen wartet das Happy End.
Natürlich wissen wir, dass wir einen Film sehen.
Aber Geschichten verschwinden nicht zwangsläufig aus unserem Kopf, sobald der Abspann läuft.
Wenn dieselbe Erzählung hundertfach wiederholt wird, kann aus einer romantischen Fantasie langsam eine Erwartung werden:
Das eigentliche Leben beginnt, wenn der richtige Mensch erscheint.
Und vielleicht liegt darin eine wesentlich subtilere Form der Verführung als in einem Pentagramm.
DAS PENTAGRAMM IST WENIGSTENS EHRLICH
Das brachte mich ausgerechnet zum Black Metal.
Black Metal zeigt mir seine Symbole.
Corpsepaint. Umgedrehte Kreuze. Pentagramme. Blasphemie. Satan.
Natürlich besitzt die Geschichte des Genres auch reale ideologische und gewalttätige Abgründe. Das sollte man nicht romantisieren.
Aber ein großer Teil seiner heutigen Bildsprache wird vom Publikum sofort als Inszenierung, Provokation oder ästhetischer Code erkannt.
Das Pentagramm trägt gewissermaßen ein Warnschild.
Eine romantische Komödie tut das nicht.
Sie kommt mit einem charmanten Hugh Grant, London im Abendlicht, Musik und einem Happy End daher.
Und vielleicht ist genau deshalb das Happy End im Kopf manchmal mächtiger als das Pentagramm an der Wand.
Denn die gefährlichsten Glaubenssätze sind möglicherweise diejenigen, die wir gar nicht als Glaubenssätze erkennen.
Du brauchst einen anderen Menschen, damit dein Leben vollständig wird.
Das ist keine Wahrheit.
Das ist eine Erzählung.
Liebe kann ein Leben ungeheuer bereichern. Sie kann Menschen verändern, auffangen und verbinden.
Aber sie ist keine Eintrittskarte in ein „richtiges“ Leben.
Vielleicht ist das eine der seltsamsten Erkenntnisse, die mir ausgerechnet HERETIC mitgegeben hat:
Nein. Ich sitze gerade nicht im Wartezimmer meines Lebens. Ich bin mittendrin.
HUGH GRANT WAR DIE PERFEKTE WAHL
Dadurch bekommt Grants Besetzung für mich noch eine zusätzliche Ebene.
Scott Beck und Bryan Woods wollten ausdrücklich einen Darsteller, dessen Charme gleichzeitig Sicherheit und Gefahr vermitteln konnte. Grant musste für die Rolle sogar über längere Zeit umworben werden; nach Angaben der Filmemacher gab es auch andere prominente Interessenten, aber sie hielten ihn für die richtige Wahl.
Und sie lagen richtig.
Grant spielt Reed nicht als klassischen Psychopathen.
Er spielt ihn wie einen Gastgeber, bei dem man zwanzig Minuten zu spät bemerkt, dass man längst Teil seiner Versuchsanordnung geworden ist.
Seine Freundlichkeit wird zur Waffe.
Seine Bildung wird zur Waffe.
Seine Argumentation wird zur Waffe.
Und irgendwann sogar unsere eigene Neugier.
Denn natürlich wollen wir wissen, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt, und so entwickelt sich der Dialogfilm nach und nach zu einem reißerischen, visuell beeindruckenden Konstrukt.
TRIVIA AUS MR. REEDS KELLER
Scott Beck und Bryan Woods sind nicht nur Regisseure, sondern seit ihrer Kindheit Freunde und Filmpartner. Nach eigener Aussage begann ihre Zusammenarbeit bereits mit elf Jahren. Die religiösen Fragen hinter HERETIC entstanden aus jahrelangen Gesprächen zwischen ihnen über Gott, Tod und die Frage, was nach dem Leben kommen könnte.
Eine besonders schöne Ursprungsgeschichte des Films reicht bis 2009 zurück. Bei der Suche nach einem Drehort in Iowa wurden Beck und Woods von einem älteren Ehepaar freundlich in dessen Haus eingeladen. Im Gespräch erklärte das Paar offenbar mit völliger Überzeugung, eine bevorstehende kosmische Katastrophe werde die Menschheit vernichten. Die Filmemacher beschrieben später genau dieses Gefühl – in einem freundlichen Haus plötzlich zu begreifen, möglicherweise bei den falschen Menschen gelandet zu sein – als eine Erfahrung, die sie in HERETIC einfließen ließen.
Auch das Haus ist keineswegs bloße Kulisse. Production Designer Philip Messina entwickelte die Räume parallel zu Reed: Anfangs wirken sie warm und einladend, werden aber schrittweise fremdartiger, roher und bedrohlicher. Selbst Geräusche wie tickende Uhren und tropfendes Wasser wurden benutzt, um diesen Übergang zu verstärken.
Gedreht wurde in British Columbia, unter anderem in Vancouver, Squamish und Pitt Meadows; für Pitt Meadows werden insbesondere die Innenräume des Hauses als Drehort geführt. Die Dreharbeiten liefen vom 3. Oktober bis 16. November 2023.
Und dann ist da natürlich der Blaubeerkuchen.
Beck und Woods machten selbst einen Witz daraus: Zu den Zutaten ihres Films gehören eine nach Blaubeeren duftende Kerze, Monopoly, religiöse Diskussionen und Hugh Grant in einer Rolle, die seine alte LOVE ACTUALLY-Persona geradezu pervers gegen das Publikum richtet.
Besonders interessant ist außerdem, dass Sophie Thatcher und Chloe East einen persönlichen Hintergrund zum dargestellten Glaubensmilieu mitbrachten: Beide wurden mormonisch erzogen und konnten Erfahrungen und Details in die Produktion einbringen.
FAZIT
HERETIC hat mich nicht deshalb so gepackt, weil er mir erklärt, ob Gott existiert.
Das tut er nicht.
Und seine Regisseure behaupten selbst nicht, darauf eine Antwort zu besitzen.
Mich interessiert etwas anderes.
HERETIC handelt für mich von der Macht eines Menschen, einen gedanklichen Raum zu bauen und anschließend andere Menschen hineinzuführen.
Und vielleicht tun Geschichten genau das ebenfalls.
Religion kann solche Räume bauen.
Ideologien können es.
Aber auch Popkultur.
Und manchmal möglicherweise sogar eine romantische Komödie.
Das macht Hugh Grant für mich zur faszinierendsten Besetzung dieses Films. Der Mann, der jahrzehntelang eine der schönsten Fantasien unserer Popkultur verkörperte, steht plötzlich vor zwei jungen Frauen und zerlegt Glaubenssysteme.
Dabei hat mir HERETIC ausgerechnet eine Frage über Grants eigene Filmgeschichte hinterlassen:
Was, wenn das Pentagramm an der Wand weniger Macht über unser Leben besitzt als das Happy End in unserem Kopf? Vielleicht ist Notting Hill mehr Black Metal, als man eigentlich annimmt.
Vielleicht besteht die perfideste Verführung nämlich gar nicht darin, uns an Satan glauben zu lassen.
Vielleicht besteht sie darin, uns glauben zu lassen, unser eigenes Leben sei unvollständig, solange niemand anderes darin die Hauptrolle übernimmt.
HERETIC ist deshalb für mich weniger ein Film über Religion als ein Horrorfilm über die Macht von Erzählungen.
Und manche Erzählungen erkennen wir gerade deshalb nicht als Glaubenssystem, weil sie verdammt schön aussehen.

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