CHEETAH CHROME
YOUNG, LOUD AND DEAD
1955–2026
Punk sollte eigentlich nicht alt werden.
Vielleicht liegt genau darin die seltsame Melancholie, wenn wieder einer jener Musiker stirbt, die dabei waren, bevor Punk zur Musikgeschichte, zum Museumsstück und schließlich zum bedruckten T-Shirt im Einkaufszentrum wurde.
Cheetah Chrome ist tot.
Der Gitarrist der Dead Boys starb am 13. September 2026 im Alter von 71 Jahren. Eine Todesursache wurde bislang nicht öffentlich bekannt gegeben.
Geboren als Eugene Richard O’Connor in Cleveland, gehörte Chrome zunächst zu Rocket From The Tombs, jener kurzlebigen Proto-Punk-Band, aus deren Trümmern später unter anderem Pere Ubu und die Dead Boys hervorgingen. Mit Sänger Stiv Bators, Johnny Blitz, Jimmy Zero und Jeff Magnum zog er schließlich nach New York und mitten hinein in jene Szene rund um das CBGB, aus der ein wesentlicher Teil der amerikanischen Punkgeschichte entstehen sollte.
1977 erschien „Young, Loud and Snotty“.
Schon der Titel war beinahe ein Manifest.
Die Dead Boys hatten nicht die kühle Kunstschul-Attitüde mancher New Yorker Zeitgenossen. Bei ihnen roch Punk noch nach Schweiß, kaputten Verstärkern, schlechtem Benehmen und der durchaus realen Möglichkeit, dass der Abend komplett aus dem Ruder laufen könnte.
Und mittendrin stand Cheetah Chrome.
Seine Gitarre musste nicht schön sein. Sie musste beißen.
Besonders „Sonic Reducer“ wurde zu einem jener Songs, bei denen sich der Einfluss kaum an Verkaufszahlen messen lässt. Die Dead Boys existierten in ihrer ursprünglichen Form nur wenige Jahre und veröffentlichten lediglich zwei Studioalben – trotzdem wurde ihr aggressiver, verzerrter und konfrontativer Sound Teil des Vokabulars, aus dem spätere Punk-, Hardcore- und Garage-Bands schöpften.
Das ist vielleicht überhaupt das Spannendste an Figuren wie Cheetah Chrome:
Man muss kein Superstar werden, um eine Spur zu hinterlassen.
Punk war schließlich nie nur die Geschichte derjenigen, die Stadien füllten. Seine eigentliche Geschichte wurde häufig von Menschen geschrieben, die in kleinen Clubs vor ein paar Hundert Leuten Lärm machten und dabei etwas in Bewegung setzten, dessen Folgen sie selbst noch gar nicht überblicken konnten.
Chrome überlebte dabei auch die dunklere Seite dieser Mythologie. Drogenprobleme gehörten zu seiner Biografie, die Dead Boys zerbrachen, Stiv Bators starb bereits 1990 – und trotzdem spielte Chrome weiter, kehrte zu Rocket From The Tombs zurück, veröffentlichte Musik und erzählte 2010 in seiner Autobiografie „A Dead Boy’s Tale from the Front Lines of Punk Rock“ von einer Szene, deren Geschichte er nicht aus zweiter Hand kannte.
Die Dead Boys bezeichneten ihn nach seinem Tod als einen „architect of the punk rock movement“. Das ist große Sprache – aber bei Chrome lässt sich zumindest nachvollziehen, woher sie kommt. Er stand an einer jener Kreuzungen, an denen Cleveland, Proto-Punk, New York und CBGB ineinanderliefen.
Und vielleicht ist das der passendere Nachruf als jede sentimentale Verklärung:
Cheetah Chrome machte Punk nicht gesellschaftsfähig.
Er gehörte zu denen, die dafür sorgten, dass Punk überhaupt erst gefährlich genug klang, um gesellschaftsunfähig zu sein.
Jetzt ist einer der Dead Boys tatsächlich gegangen.
Die Gitarre bleibt.
Cheetah Chrome
1955–2026
Young. Loud. Snotty. Forever.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen