PLAN 9 FROM OUTER SPACE - 1958 - Mehrsichtung - ofdb - Trailer
DER SCHLECHTESTE FILM DER WELT HAT EIN HERZ
Wer sich abseits des cineastischen Mainstreams bewegt und irgendwann eine gewisse Affinität für den schlechten Film entwickelt hat, dürfte den angeblich schlechtesten Film aller Zeiten mindestens einmal gesehen haben.
Wir reden natürlich von Ed Woods Plan 9 from Outer Space.
Bei mir ist es längst nicht bei diesem einen Mal geblieben. Der Film ist über die Jahre immer wieder in meinem Player gelandet. Nicht nur, weil er Bela Lugosis letzte Leinwanderscheinung enthält, sondern auch wegen Tim Burtons großartigem Biopic Ed Wood. Burton hat Woods Vita für mich noch einmal mit einem anderen Blick versehen. Seitdem sieht man hinter den wackelnden Grabsteinen, sichtbaren Fäden und lächerlichen Raumschiffen nicht mehr ausschließlich das filmische Unvermögen.
Man sieht auch den Menschen, der diesen Film unbedingt machen wollte.
Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Plan 9 from Outer Space bis heute überlebt hat.
Denn die Bezeichnung „schlechtester Film aller Zeiten“ ist keine unumstößliche cineastische Wahrheit. Entscheidenden Anteil an diesem Ruf hatte Harry und Michael Medveds 1980 erschienenes Buch The Golden Turkey Awards, das Ed Woods Film endgültig zum Monument des schlechten Kinos erhob. Aus einem beinahe vergessenen Billigfilm wurde jene Trash-Legende, die heute wahrscheinlich bekannter ist als unzählige wesentlich kompetenter gedrehte Science-Fiction-Filme ihrer Zeit.
Und natürlich liefert Plan 9 ausreichend Beweismaterial für die Anklage.
Grabsteine wackeln. Tag und Nacht wechseln innerhalb derselben Szene. Die Cockpit-Kulisse sieht aus, als hätten zwei Männer in einem Abstellraum ein paar Duschvorhänge aufgehängt. Und über allem schweben fliegende Untertassen, die ungefähr so überzeugend aussehen wie Christbaumschmuck an Angelschnüren.
Eine der schönsten Legenden muss man dabei allerdings zerstören: Es waren keine Radkappen. Für die UFOs wurden handelsübliche Plastikmodelle verwendet. Professioneller macht das die Sache zwar kaum – aber Plan 9 braucht eigentlich auch keine zusätzlichen erfundenen Pannen. Der Film besitzt genügend echte.
Nach seinen herrlich überdrehten ersten Minuten verliert er für mich allerdings etwas von seiner unmittelbaren Faszination. Sobald Vampira über den Friedhof geschwebt ist und das viel zu große Bela-Lugosi-Double seinen Umhang vors Gesicht gezogen hat, wird Plan 9 erstaunlich geschwätzig.
Ed Wood misstraut dem Bild.
Alles muss ausgesprochen, erklärt und anschließend sicherheitshalber noch einmal zusammengefasst werden. Menschen reden über Dinge, die wir bereits gesehen haben, während andere Menschen erklären, warum das eben Gesehene überhaupt geschehen konnte. Gerade nach hinten raus kann das durchaus zäh werden.
Aber selbst in diesen Momenten besitzt der Film etwas, das vielen technisch perfekten Produktionen fehlt:
Aufrichtigkeit.
Wood glaubte an das, was er erzählte. Er wollte nicht bloß ein paar Untote über einen Friedhof schicken. Er wollte von außerirdischem Leben, menschlicher Ignoranz und nichts weniger als der möglichen Vernichtung des Universums erzählen.
Und damit wird es plötzlich interessanter.
DAS MONSTER SIND WIR
Hinter dem ganzen Pappmaché steckt nämlich tatsächlich ein gesellschaftlicher Gedanke.
Die Außerirdischen kommen nicht auf die Erde, weil sie unseren Planeten erobern wollen. Sie fürchten, dass die Menschheit eines Tages eine sogenannte Solaranit-Bombe entwickelt, deren Explosion letztlich das gesamte Universum bedrohen könnte. Weil die Regierungen ihre Warnungen ignorieren, greifen sie auf Plan 9 zurück:
Sie erwecken unsere Toten.
Das ist grotesk erzählt, aber sein Kern gehört mitten hinein in die atomare Angst der 1950er-Jahre. Der Mensch hält sich selbst für die intelligenteste Spezies und ist gleichzeitig dumm genug, Waffen zu entwickeln, mit denen er sich irgendwann selbst auslöschen könnte.
Woods Außerirdische verzweifeln deshalb weniger an unserer militärischen Stärke als an unserer Arroganz.
Zwischen Plastikuntertassen, Zombies und Friedhofskulissen steckt damit eine erstaunlich pessimistische Vorstellung:
Das eigentliche Problem dieses Planeten sind nicht die Monster aus dem Weltall. Wir sind es selbst.
Und plötzlich ist Plan 9 gar nicht mehr ganz so dumm, wie er aussieht.
VAMPIRA FÄHRT BUS
Eine meiner liebsten Geschichten rund um den Film gehört Maila Nurmi.
Als Vampira war sie bereits eine Ikone des frühen Fernsehhorrors und wurde mit ihrer extremen Silhouette, der schwarzen Kleidung und ihrer morbiden Erotik zu einer Vorläuferin jener Ästhetik, die Jahrzehnte später selbstverständlich in Horror- und Goth-Kultur einfließen sollte.
Für Plan 9 erhielt sie gerade einmal 200 Dollar. Make-up und Kostüm legte sie selbst an – und soll anschließend in vollständiger Vampira-Montur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Dreh gefahren sein.
Ich liebe allein diese Vorstellung: Irgendwo sitzt diese dürre, vollkommen schwarz gekleidete Erscheinung mit bleichem Gesicht und endlosen Fingernägeln zwischen Menschen, die einfach nur nach Hause oder zur Arbeit wollen.
Das ist eine jener Trivias, bei denen ich mir wünsche, jemand hätte damals ein Smartphone besessen.
Auch Vampiras Schweigen war kein Zufall. Nurmi hielt Woods Dialog für derart schlecht, dass sie ihre Figur lieber wortlos spielen wollte. Und ausgerechnet dadurch wird sie zu einer der stärksten Erscheinungen des Films. Sie gleitet wie ein Wesen aus einem anderen Film durch Woods Kulissen – halb Horrorhostess, halb Relikt des Stummfilms.
BELA LUGOSI IST TOT – UND SPIELT TROTZDEM MIT
Auch bei Bela Lugosi muss eine oft wiederholte Geschichte korrigiert werden.
Er starb nicht während der eigentlichen Dreharbeiten zu Plan 9 from Outer Space.
Wood hatte zuvor einige stumme Aufnahmen mit Lugosi gedreht. Nach dessen Tod im August 1956 verwendete er dieses vorhandene Material für Plan 9. Die eigentlichen Dreharbeiten fanden erst danach statt.
Plan 9 ist damit Lugosis letzte Leinwanderscheinung – aber keineswegs ein Film, den er noch regulär fertiggedreht hätte.
Und dann beginnt einer dieser wunderbaren Momente, in denen Improvisation und völliger Wahnsinn kaum mehr voneinander zu trennen sind.
Für die fehlenden Szenen setzte Wood Tom Mason, den Chiropraktiker seiner Frau, als Double ein.
Das Problem war nur:
Der Mann sah Bela Lugosi nicht ähnlich.
Und er war deutlich größer.
Woods Lösung?
Umhang vors Gesicht.
Immer.
Es gehört zu den miserabelsten Täuschungsversuchen der Filmgeschichte. Niemand mit funktionierenden Augen kann glauben, dort plötzlich wieder Bela Lugosi zu sehen.
Und trotzdem finde ich gerade diese Filmflausi inzwischen beinahe rührend.
Denn Wood hätte das Material einfach wegwerfen können. Stattdessen wollte er Lugosi unbedingt in seinem Film behalten und konstruierte seine Geschichte um die wenigen vorhandenen Aufnahmen herum.
Das bekommt zusätzliche Tragik, wenn man Lugosis Situation kennt. Seine große Zeit als Dracula lag lange hinter ihm. Gute Rollen waren selten geworden, gesundheitliche Probleme und seine Abhängigkeit von Opiaten hatten ihm zugesetzt.
Ed Wood gab ihm keinen würdigen letzten großen Film.
Aber er ließ ihn noch einmal über eine Kinoleinwand laufen.
TAUFE FÜR DIE UNTOTEN
Selbst die Finanzierung von Plan 9 klingt wie etwas, das man einem Drehbuchautor wegen mangelnder Glaubwürdigkeit streichen würde.
Ein baptistisches Umfeld beteiligte sich an der Finanzierung, weil mit möglichen Gewinnen später ein religiöses Filmprojekt realisiert werden sollte. Als Teil dieser ungewöhnlichen Verbindung ließen sich mehrere Beteiligte der Produktion taufen.
Man muss sich diese Kombination einmal auf der Zunge zergehen lassen:
Außerirdische. Untote. Vampira. Bela Lugosi. Plastik-UFOs. Und christliche Filmfinanzierung.
Mehr Ed Wood geht eigentlich nicht.
DIE WÜRDE DES SCHLECHTEN FILMS
Vielleicht liebe ich Plan 9 from Outer Space aber nicht nur trotz seiner Fehler.
Vielleicht liebe ich ihn wegen der Haltung, die hinter diesen Fehlern steckt.
Wer schlechten Film liebt, sucht darin im besten Fall nicht bloß etwas, über das er sich erheben kann. Ich möchte nicht zwei Stunden vor einem Film sitzen und mir anschließend gratulieren, dass ich schlauer bin als seine Macher.
Interessanter wird es dort, wo etwas anderes entsteht:
eine gewisse Solidarität mit dem Scheitern.
Wir lachen über den wackelnden Grabstein. Natürlich tun wir das.
Aber dahinter steht ein Mann, der sich von fehlendem Geld, mangelnder Anerkennung und offensichtlich auch begrenztem filmischen Können nicht davon abhalten ließ, seine Geschichten auf eine Leinwand zu bringen.
Und vielleicht berührt mich genau das auch deshalb, weil Subkultur von solchen Menschen lebt.
Von Leuten, die etwas machen, obwohl niemand darauf gewartet hat.
Von Menschen, deren Begeisterung größer ist als ihre Möglichkeiten.
Von Außenseitern, die nicht erst um Erlaubnis bitten, bevor sie ihre eigene kleine Welt erschaffen.
Darin liegt für mich auch der entscheidende Unterschied zwischen liebevollem Trash und künstlich produziertem Kult.
Plan 9 from Outer Space versucht nicht, schlecht zu sein.
Der Film zwinkert uns nicht zu. Er kennt unsere spätere Ironie noch nicht. Wood meint das Raumschiff ernst. Er meint die Untoten ernst. Er meint die Warnung vor der Vernichtung des Universums ernst.
Der Film besitzt keine Ironie über sich selbst. Wir haben sie ihm erst Jahrzehnte später gegeben.
Und vielleicht ist genau deshalb so viel Zuneigung möglich.
🕯️ NACHHALL
Plan 9 from Outer Space hat für mich nichts von seinem schrägen Charme verloren. Er wird nach hinten raus geschwätzig, manchmal langweilig und ist technisch an unzähligen Stellen eine Katastrophe.
Und trotzdem werde ich ihn wieder anschauen.
Vielleicht gehört er tatsächlich zu den schlechtesten Filmen, die je gedreht wurden. Aber er beweist etwas, das mir wesentlich sympathischer ist als Perfektion:
Manchmal hinterlässt ein Mensch gerade mit seinem Scheitern etwas, das ihn überlebt.
Ed Wood wollte einen großen Science-Fiction-Horrorfilm drehen und schuf stattdessen eines der berühmtesten Denkmäler des schlechten Kinos.
Das war nicht Plan 9.
Aber vielleicht war es der bessere Plan.
ANGST. ÄSTHETIK. KULT.

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