Montag, 21. September 2026

Review: Pinocchio: Unstrung - 2026

PINOCCHIO: UNSTRUNG - 2026 - ofdb - Trailer

Nach Winnie the Pooh, Peter Pan und Bambi ist nun auch Pinocchio im blutgetränkten Twisted Childhood Universe angekommen. Mit Pinocchio: Unstrung nimmt sich Rhys Frake-Waterfield einer Kinderbuchfigur an, deren literarische Wurzeln bis ins Jahr 1881 zurückreichen. Und diesmal wird aus dem Wunsch, ein richtiger Junge zu werden, eine ziemlich blutige Angelegenheit.

Wer glaubt, Rhys Frake-Waterfield müsse für seine blutige Neuinterpretation erst eine unschuldige Kinderbuchfigur schänden, sollte einen Blick in Carlo Collodis Original werfen. Bereits 1881 liess der italienische Autor seine Holzpuppe durch eine erstaunlich grausame Welt stolpern. Pinocchio erschlägt die sprechende Grille mit einem Hammer, verbrennt sich die Füsse, wird in einen Esel verwandelt und schliesslich sogar an einer Eiche aufgehängt. Letzteres bildete ursprünglich das Ende der Geschichte, bevor Collodi seine Figur für eine Fortsetzung wieder ins Leben zurückholte.

Die Grausamkeit war also schon immer Teil dieser Erzählung. Neu ist bei Frake-Waterfield weniger das Blut als die Richtung, in die es fliesst. Während Collodis Pinocchio für seine Verfehlungen körperlich bestraft wird, beginnt die moderne Holzpuppe selbst zu töten, weil ihr eingeredet wird, dass ihre bisherige Existenz nicht genügt.

Richard Brake verkörpert den zunächst fürsorglich wirkenden Geppetto, der aus dem Holz eines mysteriösen Baumes eine lebendige Puppe erschafft. Angeblich soll sie seinem Enkel James als Freund und Spielkamerad dienen. Doch hinter der grossväterlichen Fürsorge verbirgt sich ein Mann, dessen schöpferischer Ehrgeiz zunehmend monströse Züge annimmt.

Pinocchio hingegen muss feststellen, dass die Welt ausserhalb seines Zuhauses wenig Verständnis für jemanden aufbringt, der anders ist.

Dabei ist er mit seiner Existenz zunächst durchaus zufrieden. Erst durch die manipulativen Einflüsterungen der Holzmutter beginnt er, seine eigene Unvollkommenheit als Makel zu empfinden. Sie nährt seinen Wunsch, endlich ein richtiger Mensch zu werden, und redet ihm ein, dass er dieses Ziel nur erreichen könne, indem er sich menschliches Fleisch und Blut einverleibt.

Die Grille, im englischen Original gesprochen von Robert Englund, fungiert zunächst als stiller Beobachter zwischen Pinocchio und seiner hölzernen Mutter. Nach und nach wird sie jedoch zu deren verlängertem Arm und schliesslich zum willfährigen Helfer bei Pinocchios mörderischen Unternehmungen.

Was folgt, ist ein ordentliches Splatterfest, bei dem Gorehounds auf ihre Kosten kommen.

Statt sich ausschliesslich auf digitale Effekte zu verlassen, setzt die Produktion vorwiegend auf Animatronics und handgemachte Splattereffekte, ergänzt durch CGI. Die Holzfigur besitzt dadurch eine bemerkenswerte physische Präsenz. Auch optisch und hinsichtlich des Tempos weiss der Film durchaus zu gefallen.

Allerdings scheint das Drehbuch stellenweise unter seiner eigenen Ereignisdichte zu leiden. Kaum beginnen die ersten Kills, wird Geppetto zunehmend zur Randfigur degradiert. Die Szenenwechsel wirken mitunter sprunghaft, manche Ideen werden angerissen, ohne konsequent zu Ende gedacht zu werden.

Man weiss gelegentlich nicht mehr so recht, ob man sich auf der Überholspur oder bereits auf dem Pannenstreifen befindet.

Besonders schade ist, dass die Freundschaft zwischen James und Pinocchio im Schnelldurchlauf abgehandelt wird. Gerade diese Beziehung hätte dem späteren Drama mehr emotionales Gewicht verleihen können. Während man sich für die blutigen Schauwerte ausgiebig Zeit nimmt, bleibt die Entwicklung der beiden Figuren vergleichsweise dünn.

Aber wir befinden uns schliesslich in einem Splatterfilm. Und als solcher versteht Pinocchio: Unstrung sein Handwerk.

Interessanter wird die Angelegenheit allerdings, wenn man einen Blick unter die Holzoberfläche wirft.

Denn der Wunsch, ein richtiger Junge zu werden, ist hier nicht einfach nur ein übernommenes Motiv aus Carlo Collodis ursprünglicher Geschichte.

Er wird zur eigentlichen Tragödie.

Pinocchio ist zunächst mit sich selbst im Reinen. Erst als ihm vermittelt wird, dass seine Existenz nicht genügt, beginnt er, sich nach einem anderen Körper zu sehnen. Die Holzmutter funktioniert dabei beinahe wie ein personifiziertes schlechtes Gewissen. Sie flüstert ihm unablässig ein, dass er mehr sein könnte, wenn er nur endlich aufhören würde, das zu sein, was er ist.

Ein Mechanismus, der uns Menschen keineswegs fremd ist.

Wir können mit uns selbst durchaus zufrieden sein. Bis wir anfangen, uns mit anderen zu vergleichen.

Plötzlich wird aus Zufriedenheit ein Mangel. Aus Andersartigkeit ein Defizit. Und aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit die Bereitschaft, sich selbst bis zur Unkenntlichkeit zu verändern.

Pinocchio nimmt diesen Gedanken lediglich beim Wort.

Er will nicht mehr nur wie ein Mensch aussehen. Er will sich dessen Fleisch und Blut buchstäblich einverleiben.

Das ist natürlich grotesk, blutig und reichlich absurd. Aber gerade darin liegt die Boshaftigkeit dieser Interpretation.

Denn während das Publikum vermutlich geneigt ist, sich auf die Seite der bemitleidenswerten Holzpuppe zu schlagen, hat Geppetto das Spiel längst gewonnen.

Der vermeintlich fürsorgliche Grossvater entpuppt sich zunehmend als egoistischer Schöpfer, dem es offenbar nie ausschliesslich darum ging, seinem Enkel einen Freund zu schenken. Vielmehr feiert er seine eigene Fähigkeit, Leben hervorzubringen.

Sein Grössenwahn gipfelt schliesslich darin, dass er sich selbst zu Gott erklärt.

Aus dem beschützenden Grossvater wird ein Kindermörder. Aus dem Schöpfer ein Zerstörer.

Im Showdown zwischen Geppetto und Pinocchio prallen zwei Vorstellungen von Menschlichkeit aufeinander. Beide versuchen, ihre eigene Position zu rechtfertigen. Doch keiner ist bereit, die Perspektive des anderen anzuerkennen.

Und hier wird die Angelegenheit unangenehm.

Denn ist Pinocchios Wunsch nach körperlicher Veränderung tatsächlich so weit von unserer eigenen Gesellschaft entfernt?

Wir leben in einer Welt, in der Körper zunehmend vermessen, korrigiert und optimiert werden. Chirurgische Eingriffe können selbstverständlich Ausdruck einer freien, selbstbestimmten Entscheidung sein. Gleichzeitig existiert eine gesellschaftliche Erwartung, die uns permanent vermittelt, dass unser gegenwärtiger Zustand noch nicht das endgültige Ergebnis sein müsse.

Schöner. Jünger. Leistungsfähiger. Perfekter.

Pinocchio treibt diese Logik lediglich bis zu ihrer grotesken Konsequenz.

Er versucht, sich den idealen Körper nicht durch chirurgische Eingriffe, sondern durch die buchstäbliche Aneignung fremder Körper zu verschaffen.

Das eigentlich Verstörende ist deshalb nicht allein die mörderische Holzpuppe.

Es ist die Vorstellung, dass selbst ein künstlich erschaffenes Wesen erst lernen muss, sich für seine eigene Existenz zu schämen.

Natürlich sollte man Pinocchio: Unstrung nicht mehr philosophischen Tiefgang zuschreiben, als sein Drehbuch tatsächlich hergibt. Die Geschichte ist dramaturgisch zu gehetzt, die Freundschaft zwischen James und Pinocchio zu oberflächlich ausgearbeitet und der Splatter dominiert über weite Strecken das Geschehen.

Doch gerade die Dialoge zwischen Pinocchio und seiner manipulativen Holzmutter sowie die abschliessende Konfrontation mit Geppetto lassen erkennen, dass hinter den blutigen Attraktionen zumindest ein interessanter Gedanke steckt.

Frake-Waterfield macht daraus keinen subtilen Gesellschaftskommentar. Er macht einen brutalen Puppenhorrorfilm, der seine Geschichte gelegentlich aus den Augen verliert, ihren zentralen Konflikt aber bis zur letzten Szene weiterträgt.

Und vielleicht ist das die eigentliche Boshaftigkeit dieses Pinocchio:

Der Mensch erschafft eine Puppe nach seinem eigenen Bild. Dann bringt er ihr bei, dass sie nicht gut genug ist. Und am Ende wundert er sich über das Monster, das daraus geworden ist.

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