Montag, 21. September 2026

Sounds: WILL WOOD – VAMPIRE REFERENCE IN A MINOR KEY

 

🦇 WILL WOOD – VAMPIRE REFERENCE IN A MINOR KEY

Ein Vampir mit Liebeskummer. Und ein Tango auf dem eigenen Grab.

Will Woods Vampirsong begegnete mir dieser Tage an einem warmen Herbstabend. Ich war auf einem Spaziergang, die Kopfhörer auf den Ohren, als mich dieses kleine, gruselige Trennungslied erwischte.

Es begleitete mich bis nach Hause.

Vielleicht lag es an dieser hohen, beinahe zerbrechlichen Stimme. Vielleicht an dem eigentümlich tänzerischen Rhythmus, der stellenweise an einen Tango erinnert. Oder daran, dass Wood aus einer ziemlich gewöhnlichen menschlichen Tragödie eine wunderbar morbide Cabaret-Nummer macht.

Ein Vampir bittet um eine zweite Chance.

Nicht mit einem Biss. Nicht mit dem Versprechen ewigen Lebens. Sondern mit einer Liebeserklärung, die irgendwo zwischen Reue, Selbstinszenierung und einem ziemlich schlechten Gewissen schwankt.

Der Song erschien 2022 auf dem Album „In case I make it,“. Will Wood hat ihn selbst als kleines, gruseliges Trennungslied beschrieben.

Und genau das ist er.

Der Vampir ist zunächst eine theatralische Figur, mit der Wood etwas sehr Menschliches erzählt: Jemand hat Fehler gemacht, eine Beziehung beschädigt und möchte trotzdem noch einmal eine Chance.

Das Besondere ist die Art, wie er darum bittet.

Er zieht sich sinnbildlich in seinen Sarg zurück, stellt aber gleichzeitig in Aussicht, für die andere Person wieder aufzustehen.

Er inszeniert seinen Rückzug – und hofft, dass jemand ihm folgt.

Das ist für mich der eigentliche emotionale Widerspruch des Songs.

Denn dieser Vampir ist kein unschuldiger, tragischer Liebhaber. Er weiß durchaus, dass er selbst Herzen und Versprechen gebrochen hat. Trotzdem macht er aus seinem Liebeskummer eine große Vorstellung.

Und was für eine!

Klavier, akustische Instrumente, ein tänzerischer Rhythmus und darüber Woods hohe, theatralische Stimme. Manchmal klingt er wie ein charmanter Untoter, der sein Publikum um den Finger wickeln möchte. Dann wieder schimmert durch die ganze Show etwas beinahe Verzweifeltes.

Als würde er versuchen, sich mit Charme und einer guten Melodie aus seinen eigenen Fehlern herauszusingen.

Besonders schön ist dabei eine kleine musikalische Fußnote: Wood spielt im Text mit Anspielungen auf The Cure und deren „Friday I'm in Love“ sowie auf „I Melt with You“ von Modern English.

Ausgerechnet Robert Smiths romantischer Freitags-Hymne begegnen wir also in einem Lied, in dem ein Vampir seine beschädigte Liebe besingt.

Für mich funktioniert das wie ein kurzer Blick in eine andere Welt: Hier die vertraute Euphorie eines Liebesliedes, dort ein Untoter, der zwischen Sarg und Grab um eine weitere Chance bittet.

Als würde er sich ein paar Zeilen aus der Popgeschichte ausleihen, um eine Beziehung zusammenzuflicken, die er selbst beschädigt hat.

Und dann wird das Grab auch noch zur Tanzfläche.

Romantik und Beerdigung bekommen denselben Rhythmus.

Genau darin liegt für mich der Reiz dieses Songs. Will Wood benutzt die Vampirfigur nicht bloß als hübsches Gothic-Accessoire. Er macht sie zur Bühne für jemanden, der sich nach Liebe sehnt, aber mit seinen eigenen Fehlern nicht fertig wird.

Eine zweite Chance zu wünschen, ist schließlich nicht dasselbe, wie sich verändert zu haben.

Ob der Vampir tatsächlich etwas gelernt hat oder nur die nächste große Liebeserklärung vorbereitet, lässt Wood für mich offen.

Vielleicht hat mich dieses Lied deshalb auf meinem Herbstspaziergang nicht mehr losgelassen.

Es ist gleichzeitig komisch, romantisch, morbide und ein bisschen traurig. Eine kleine Trennungsgeschichte, die sich als Vampir-Cabaret verkleidet hat.

Der Vampir ist hier nicht das Monster, vor dem man fliehen muss. Er ist der Liebhaber, der sich selbst in den Sarg gelegt hat – und darauf wartet, dass jemand anklopft.

Und manchmal braucht es eben nur eine hohe Stimme, ein Klavier und einen Tango auf dem eigenen Grab, um einen bis nach Hause zu begleiten.

🦇 WILL WOOD – VAMPIRE REFERENCE IN A MINOR KEY
„In case I make it,“ · 2022

Willkommen in der Kathedrale.

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