THE SOUND OF CINEMA – Chaplin zwischen Leinwand und Orchester
Mein drittes Sound of Cinema-Abenteuer führte mich erneut nach Sion ins Noda. Nach Tim Burton und John Williams wartete diesmal eine neue Erfahrung auf mich: drei Kurzfilme von Charlie Chaplin, begleitet von dem Lemanic Modern Ensemble, das die Musik live zu den Bildern spielte.
Im vergangenen Sommer hatte ich Chaplins ehemaliges Wohnhaus und das Museum in Vevey besucht. Seitdem fühle ich mich seiner Welt noch näher. Besonders amüsant fand ich deshalb eine Geschichte im Programmheft des Konzerts: Im Manoir de Ban, Chaplins Zuhause in Corsier-sur-Vevey, soll es angeblich gespukt haben. Chaplin selbst hätten allerdings keine Geister gestört, sondern die Schüsse eines nahe gelegenen Schiessstands. Um dem Lärm zu entkommen, sei er mit seiner Familie gern nach Crans-Montana gefahren – und habe dort auch die Walliser Spezialitäten genossen. Plötzlich führte eine kleine Spur aus seiner Welt direkt in meine Heimat.
Für mich gehört Chaplin zu den grössten Filmschaffenden überhaupt. Er konnte eine Bewegung in einen Witz verwandeln und wenige Augenblicke später daraus Einsamkeit oder Zärtlichkeit entstehen lassen. Komik, Drama, körperlicher Einsatz und Romantik greifen bei ihm ineinander. Der Vagabund und das Kind ist für mich ein Meisterwerk – und wer bei Kathedrale666 mitliest, weiss, wie selten ich dieses Wort verwende.
In Sion standen drei Filme aus Chaplins Zeit bei der Mutual Film Corporation auf dem Programm: The Cure, The Vagabond und Behind the Screen. Sie entstanden zwischen 1916 und 1917. Für die musikalische Begleitung schrieb Carl Davis viele Jahrzehnte später eigene Partituren. Er beschäftigte sich dafür intensiv mit Chaplins Musik und griff die Welt auf, aus der dessen Filme entstanden waren.
Besonders gespannt war ich auf Behind the Screen. Chaplin spielt darin einen Arbeiter im Filmstudio, Edna Purviance eine Frau, die sich als Mann verkleidet, um dort Arbeit zu finden. Als Chaplins Figur sie küsst, sieht der Vorarbeiter Goliath nur zwei vermeintliche Männer. Seine Reaktion macht aus dem Missverständnis einen für die damalige Zeit erstaunlich frechen Gag. Auf der grossen Leinwand war diese Szene einfach bombastisch. Die Szene gilt als eine der frühesten homosexuellen Anspielungen im Hollywood-Kino.
Überhaupt entfalteten die drei restaurierten Kurzfilme eine unmittelbare Wirkung. Die Bewegungen, Blicke und präzise vorbereiteten Pointen brachten das Publikum immer wieder zum Lachen. Chaplin braucht dafür kein gesprochenes Wort.
Ich hatte allerdings ein wunderbares Problem: Wohin sollte ich schauen? Während vorne Chaplins Bilder liefen, spielten die Musikerinnen und Musiker des Lemanic Modern Ensemble unter der Leitung von Philippe Béran die Musik von Carl Davis. Immer wieder wanderte mein Blick von der Leinwand zum Orchester und zurück. Es ist ein Genuss, klassischen Musikern bei der Arbeit zuzusehen – gerade dann, wenn jede Bewegung auf der Leinwand eine Reaktion im Saal auslösen kann.
Besonders der Perkussionist blieb mir in Erinnerung. Bei Schlägereien und Schüssen setzte er seine Instrumente mit beeindruckender Sicherheit und im richtigen Augenblick ein. Da wurde hörbar, wie viel Genauigkeit hinter einem scheinbar mühelosen komischen Moment steckt. Bei The Vagabond kam noch etwas hinzu, auf das ich mich besonders gefreut hatte: Chaplins Strassenmusiker mit seiner Geige traf auf Davis’ Musik. Film und Orchester schienen einander zuzuspielen.
Dieser Abend hat meinen Chaplin-Kosmos erweitert. Ich sah drei Filme, die mehr als hundert Jahre alt sind, und erlebte zugleich, wie lebendig sie vor Publikum sein können. Die 60 Franken waren für mich gut investiert. Vor allem aber bleibt mir dieses Hin und Her im Kopf: Chaplin auf der Leinwand, die Musiker direkt davor – und dazwischen ein Saal, der gemeinsam lachte.


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