THE UGLY STEPSISTER – - 2025 - Erstsichtung - ofdb - Trailer
Der Körper, der in den Schuh passen muss
Wer Aschenputtel erzählt, schaut gewöhnlich auf das Mädchen, dem der Schuh passt. Emilie Blichfeldt richtet den Blick auf jene, die sich verändern muss, damit er vielleicht doch noch passt: die Stiefschwester Elvira. Aus dieser Perspektive macht die norwegische Regisseurin ein bildstarkes, ästhetisches und groteskes Body-Horror-Märchen. Schön ist hier vieles. Angenehm ist fast nichts.
Die Idee dazu fand Blichfeldt in der düsteren Fassung der Brüder Grimm, in der eine Stiefschwester ihren Fuss verstümmelt, um in den Schuh zu gelangen. Was bringt einen Menschen so weit? The Ugly Stepsister nimmt diese Frage ernst. Elvira ist keine Karikatur der neidischen, bösen Schwester. Sie möchte gesehen, geliebt und gewählt werden. Doch für ihre Familie hängt an ihrer möglichen Heirat auch die finanzielle Zukunft. Schönheit wird damit zur Voraussetzung für Anerkennung und zur Ware, mit der sich ein sozialer Aufstieg erkaufen lässt. Die Rechnung bezahlt Elvira mit ihrem Körper.
Lea Myren ist als Elvira hervorragend besetzt. Sie trägt die anfängliche Hoffnung der Figur ebenso überzeugend wie ihre Verwandlung und den späteren Zerfall. Je stärker Elvira dem geforderten Ideal entsprechen soll, desto fremder wird ihr der eigene Körper. Die Eingriffe sind schmerzhaft anzusehen. Noch härter trifft mich, wie sie allmählich lernt, sich selbst mit den Augen der anderen zu betrachten.
Subtil ist diese Gesellschaftskritik nicht. Der Film legt offen, wie ein Schönheitsideal erst von aussen an einen Menschen herangetragen wird und dann zur eigenen Stimme im Kopf werden kann. Wo beginnt Elviras Entscheidung, sich zu verändern? Und wie frei ist diese Entscheidung, wenn Liebe, Ansehen und die Sicherheit ihrer Familie davon abhängen? Der Horror liegt nicht allein unter dem Skalpell. Er beginnt schon dort, wo Elvira glaubt, in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht genug zu sein.
Handwerklich ist das hochstehend inszeniert. Die praktischen Body-Horror-Effekte und Prothesen von Thomas Foldberg wirken nicht durchgehend streng realistisch. Manche sind bewusst leicht künstlich und märchenhaft überzeichnet. Gerade das passt zu dieser Welt: Sie zeigt Schönheit als etwas Verführerisches, das bei näherem Hinsehen immer unheimlicher wird.
Auch die Musik findet für diesen Widerspruch eine eigene Sprache. John Erik Kaadas Score verbindet Harfe, Synthesizer und Pauke; hinzu kommt Musik der norwegischen Künstlerin Vilde Tuv. Der synthetische Klang scheint sich zunächst am gotischen Märchensetting zu reiben. Doch je weiter Elviras Verwandlung voranschreitet, desto stimmiger wirkt diese Künstlichkeit. Sie klingt wie ein Teil der Figur, zu der Elvira gemacht wird.
Trotzdem hat mich The Ugly Stepsister nicht durchgehend gepackt. Die Erzählung wird stellenweise zäh und scheint trotz ihrer starken Bilder kaum voranzukommen. Manchmal wirkt der Film auf mich eher wie ein Werk für die Kritik als für einen Filmabend, an dem ich mich einfach von einer Geschichte mitreissen lassen möchte. Er findet auch kein bequemes Zuhause in einem Genre. Dafür bewundere ich seine Konsequenz, ohne seine Längen übersehen zu wollen.
Am Ende hat er mich dennoch hart getroffen. Nicht wegen des Blutes, sondern weil ich mit Elvira gelitten habe. Sie verändert sich, sie hält Schmerzen aus, sie verliert immer mehr von sich – und ich hatte das Gefühl: Egal, was noch gekommen wäre, Elvira wäre nie gut genug gewesen. Genau darin liegt für mich der traurigste Horror dieses Märchens.

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