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Samstag, 26. September 2026

Analyse: Faust: Love of the Damned - 2000


0064. FAUST: LOVE OF THE DAMNED - 2000 - Mehrsichtung - ofdb - Trailer

Brian Yuzna, 2000

Achtung: Diese Analyse enthält vollständige Spoiler.

Faust: Love of the Damned von Brian Yuzna ist eine Comicverfilmung nach der von David Quinn und Tim Vigil geschaffenen gleichnamigen Reihe. Die Vorlage stammt aus dem amerikanischen Independent-/Underground-Comicbereich und verbindet Superheldenmechanismen mit Horror, Sex, extremer Gewalt und Okkultismus – eine ziemlich wilde Mischung, für die Brian Yuzna beinahe der ideale Regisseur war. Der Film entstand als englischsprachige spanische Produktion und war der erste von insgesamt neun Filmen, die unter dem Label Fantastic Factory produziert wurden. 

Für mich ist gerade dieser Produktionshintergrund wichtig. Fantastic Factory war das von Filmax und Yuzna aufgebaute spanische Genre-Label, das internationales, englischsprachiges Horrorkino aus Spanien heraus produzieren wollte. Yuzna beschrieb das Konzept damals selbst als eine Art Wiederbelebung jener Genrefilmschmieden, für die früher etwa Hammer oder American International Pictures standen: überschaubare Budgets, dafür Ideen, Genrebegeisterung und kreative Freiheit. 

Zwischen 2000 und 2005 entstanden daraus Filme wie Arachnid, Dagon, Beyond Re-Animator, Romasanta, Rottweiler oder Beneath Still Waters. Faust steht am Anfang dieses Experiments. Und gerade deshalb sollte man seine teilweise schlodderige, trashige Ästhetik nicht einfach als gescheiterten Versuch betrachten, Hollywood nachzuahmen.

Der teilweise trashige Look gehört zu einem konkreten Produktionsmodell: kleines spanisches Genre-Studio + amerikanische B-Movie-Veteranen + internationale englischsprachige Vermarktung.

Das Ungehobelte ist für mich deshalb ein Teil seines Reizes. Faust besitzt noch jene merkwürdige Materialität des Horrorkinos um die Jahrtausendwende, bevor digitaler Hochglanz auch den B-Film zunehmend einebnete.

Eine Schlüsselfigur dafür war der japanische Make-up- und Effektkünstler Screaming Mad George, der am 10. Februar 2026 im Alter von 69 Jahren verstarb. Sein groteskes, körperliches Effektkino würde allein einen eigenen Kathedrale666-Beitrag verdienen. 

Im Bonusmaterial zu Faust beschreibt er Jaspers' Transformation sinngemäß:

„Es ist seine Illusion, seine Einbildung, die sich an seinem Körper manifestiert.“

Damit sind wir für mich bereits beim eigentlichen Kern des Films.

Denn Faust ist womöglich weder einfach ein Dämon, der Jaspers besitzt, noch lediglich Jaspers in einem Superheldenkostüm. Er ist etwas dazwischen: Eine fremde Macht findet durch Jaspers' eigenes Inneres eine körperliche Gestalt. Das Monster wird ihm nicht einfach von außen übergestülpt – etwas in ihm selbst hilft dabei, es zu formen.

Dazu passt eine Aussage von Isabel Brook über ihre Figur Dr. Jade de Camp. Sie beschreibt Jade im Bonusmaterial sinngemäß damit, dass diese das Tier in Jaspers sieht und es genauso liebt wie den Mann selbst. Auch Jade trennt also offenbar nicht sauber zwischen einem „guten“ Jaspers und einem „bösen“ Faust. Sie erkennt beide als Teile desselben Menschen.

Und daraus ergibt sich für mich eine der interessantesten Aussagen des Films:

Je mächtiger Jaspers als Faust wird, desto weniger gehört diese Macht ihm selbst – obwohl das Wesen, das durch diese Macht entsteht, durchaus ein Teil von ihm ist.

Genau deshalb ist Faust für mich wesentlich mehr als eine gewöhnliche Besessenheitsgeschichte.

Tu, was du willst

Yuzna fährt dazu einen überraschend breiten satanistischen und okkulten Kontext auf. Besonders auffällig ist die Verwendung des berühmten Crowley-Satzes „Do what thou wilt“.

Dabei sollte man Aleister Crowleys Thelema nicht einfach mit Satanismus gleichsetzen. Sein „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ meint nicht schlicht: Mach, worauf du gerade Lust hast. Im Zentrum steht Crowleys Vorstellung des True Will, eines eigentlichen oder wahren Willens, den der Mensch erkennen und verwirklichen soll.

Und genau hier wird das Crowley-Zitat in Faust für mich besonders spannend.

Denn möglicherweise erzählt der Film die Perversion dieses Gedankens.

Jaspers glaubt, durch Faust endlich Macht über sein Leben zu erhalten. Der traumatisierte, hilflose Mann wird plötzlich stark, kann Rache nehmen und beginnt sich selbst als etwas zu begreifen, das über den gewöhnlichen Menschen hinausgeht. Gegenüber Jade fragt er sinngemäß sogar, was wäre, wenn er nicht weniger als ein Mensch, sondern mehr als ein Mensch geworden wäre.

Doch gleichzeitig übernimmt er immer stärker die Gedanken von M.

Damit entsteht ein bitteres Paradox: Jaspers erlebt Fremdbestimmung als Selbstermächtigung.

Er glaubt, seinen Willen entfesselt zu haben, während ein anderer zunehmend durch diesen Willen hindurch handelt.

Das macht auch M, gespielt von Andrew Divoff, interessanter als einen gewöhnlichen satanischen Strippenzieher. Seine Macht beschränkt sich nicht auf einen geheimen Kult irgendwo im Untergrund. Seine Schergen und Verbindungen reichen bis in Polizei und Behörden. Irgendwann lässt sich kaum noch erkennen, wer eigentlich auf welcher Seite steht.

Das Böse befindet sich damit nicht außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung – es hat die Ordnung infiltriert.

Und genau dasselbe geschieht mit Jaspers.

M infiltriert außen die Institutionen und innen den Menschen.

Darin könnte sogar das eigentliche Prinzip des Films liegen: Macht übernimmt nicht unbedingt dadurch, dass sie etwas zerstört. Sie übernimmt, indem sie in etwas eindringt und anschließend durch dieses System handelt.

Bei Jaspers ist es sein Wille.

Mensch, Tier und Homunkulus

Damit erhält auch der Homunkulus, dessen Erwachen M vorbereitet, eine interessante Bedeutung. Der Begriff führt natürlich zurück in die lange Faust-Tradition und besonders zu Goethes Faust II, wo Wagner einen künstlichen Homunculus erschafft.

Yuzna macht daraus keine werkgetreue Goethe-Adaption. Er nimmt vielmehr Versatzstücke des Faust-Mythos – Mephistopheles, Seelenhandel, Überschreitung menschlicher Grenzen, Homunkulus – und wirft sie gemeinsam mit Crowley, Satanismus, Underground-Comic, Heavy Metal, Sex, Splatter und Body Horror in seinen eigenen Hexenkessel.

Gerade deshalb möchte ich beim Film gar nicht entscheiden, ob sein Okkultismus „korrekt“ ist. Viel spannender ist die Frage:

Benutzt Faust den Okkultismus lediglich als grelle Horrorästhetik – oder steckt hinter all diesen Zitaten tatsächlich ein zusammenhängendes Konzept von Wille, Macht und Selbstverlust?

Für mich spricht inzwischen einiges für Letzteres.

Denn selbst Jaspers' monströser Körper folgt diesem Gedanken. Screaming Mad George beschreibt Faust als Manifestation einer inneren Vorstellung. M liefert die Macht, aber Jaspers gibt ihr gewissermaßen eine Form. Fremdbesessenheit und Selbsterschaffung werden dadurch untrennbar miteinander verbunden.

Und ausgerechnet Jade, die Psychologin und damit zunächst Vertreterin einer rationalen Erklärung des Menschen, scheint schließlich zu verstehen, dass das Tier nicht einfach aus Jaspers herausoperiert werden kann. Sie sieht beides.

Den Menschen und das Monster.

Vielleicht besteht der Horror von Faust deshalb gar nicht darin, dass etwas Fremdes in einen Menschen eindringt, sondern darin, dass dieses Fremde dort etwas findet, das bereits vorhanden war.


Faust: Love of the Damned ist für mich über die Jahre immer wichtiger geworden. Gerade seine schlodderige, manchmal fast hemmungslos plakative Art erzeugt eine Kraft, die diesem Low-Budget-Horror erstaunlich gut steht. Erotik, Splatter, Comic-Überzeichnung, Heavy Metal und philosophisch-okkulte Versatzstücke kämpfen ständig miteinander – und ergeben gerade dadurch einen erstaunlich geschlossenen Film.

Yuzna versucht gar nicht erst, aus Faust respektables Hochglanzkino zu machen. Er lässt ihn schwitzen, bluten, mutieren und manchmal regelrecht aus den Nähten platzen.

Und dann ist da natürlich noch Jeffrey Combs als Lieutenant Dan Margolies.

Combs geht bei mir sowieso immer.

Aber selbst seine Figur fügt sich hervorragend in die paranoide Struktur des Films ein: Je weiter Jaspers in Ms Welt eindringt, desto unsicherer wird, wem überhaupt noch zu trauen ist und wo diese Welt eigentlich endet.

Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses herrlich überdrehten Films:

Das Monster wächst nicht nur aus Jaspers heraus. Es wächst längst durch die ganze Welt um ihn herum.

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