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Freitag, 25. September 2026

Bücher: Jon Athan - Der Sohn des Präsidenten

JON ATHAN – DER SOHN DES PRÄSIDENTEN

Wenn Amerika selbst zur Verschwörung wird

Achtung: Diese Analyse enthält vollständige Spoiler.

Manchmal wirft sich die Frage auf, wie zum Teufel man eigentlich an diesen Menschen, diese LP, diesen Film oder eben dieses eine Buch geraten ist. So ungefähr ist es mir mit Jon Athans „Der Sohn des Präsidenten“ ergangen.

Die forensische Psychologin Lorraine Lynch erhält den Auftrag, ein Gutachten über Vincent Campbell zu erstellen, den Sohn des amerikanischen Präsidenten Percy Campbell. Vincent sitzt in einer Hochsicherheitseinrichtung und soll von Lorraine nicht nur psychologisch beurteilt werden. Es steht auch die Frage im Raum, ob von ihm weiterhin eine Gefahr ausgeht – insbesondere für seinen eigenen Vater.

Was zunächst nach einem psychologischen Kammerspiel zwischen Therapeutin und Patient aussieht, öffnet sich mit jedem Interview weiter. Vincent erzählt Lorraine seine Lebensgeschichte: von einer Kindheit unter einem milliardenschweren und manipulativen Vater, von Privilegien und politischer Macht, von Liebe und Verrat, aber vor allem von Mord, sexueller Gewalt und einer nahezu endlosen Spirale der Perversion.

Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, was für ein Mensch Vincent Campbell ist, sondern ob dieser Mensch überhaupt noch zuverlässig erzählen kann.

Es wird schwierig, Fakten von Fiktion zu unterscheiden.

Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken des Romans. Athan nimmt reale amerikanische Geschichte, reale Skandale und reale Popkultur, mischt sie mit Verschwörungsmythen, erfundenen politischen Figuren und Vincents völlig grotesker Lebensgeschichte. Irgendwann fragt man nicht mehr nur: „Lügt Vincent?“, sondern auch: „Was davon stammt eigentlich aus Amerika – und was hat Athan erfunden?“

Die Grenzen werden immer unschärfer, obwohl die einzelnen Bestandteile unterschiedlich real sind.

Der perverse Forrest Gump

Vincent Campbell wurde für mich beim Lesen immer mehr zu einer Art perversem Forrest Gump der amerikanischen Geschichte.

Wo Forrest Gump wie durch Zufall durch entscheidende Momente der amerikanischen Nachkriegsgeschichte stolpert, bewegt Athan seinen Protagonisten durch die finstersten Winkel einer grotesk verzerrten amerikanischen Gegenwart. Terrorismus, politische Skandale, Verschwörungstheorien, Pädophilenringe, Schusswaffengewalt, Fake News und schließlich sogar ein Angriff auf das Kapitol werden Teil von Vincents persönlicher Biografie.

Und dann liefert Athan im Nachwort selbst den Schlüssel.

Die ursprüngliche Notiz auf seinem Handy lautete:

„Forrest Gump trifft American Psycho in einem politischen Umfeld.“

Besser lässt sich der Roman kaum zusammenfassen.

Dass wir beim Lesen unabhängig davon bei Forrest Gump und American Psycho gelandet sind, finde ich im Nachhinein ziemlich bemerkenswert. Denn auch Patrick Bateman ist nicht einfach nur ein Mörder. Seine Gewalttaten stehen inmitten von Konsum, Status, Musik und gesellschaftlicher Oberflächlichkeit. Bei Vincent Campbell kommt an die Stelle der Wall Street die politische Macht seines Vaters.

Tätergenese ist nicht Täterentschuldigung

Dabei wäre es zu einfach, Vincent lediglich als Monster auf die Welt kommen zu lassen.

Athan zeigt einen Jungen, dessen Verhältnis zu Macht, Gewalt und menschlichem Wert bereits durch Percy vergiftet wird. Mit zwölf Jahren wird Vincent von seinem Vater einem sexuellen Täter ausgeliefert. Leid wird anschließend zur Bewährungsprobe umgedeutet. Erfolg bedeutet Härte. Wer Percys Sohn, Erbe und irgendwann vielleicht Thronfolger seines Imperiums sein will, muss sich als würdig erweisen.

Was Percy seinem Sohn als Kind antut, beginnt Vincent später auf seine Umwelt zu übertragen.

Besonders deutlich wird das, als er Menschen gegeneinander antreten lässt und ihnen seine Vorstellung amerikanischer Kultur erklärt: Jeder kämpft gegen jeden, nur die Stärksten setzen sich durch, und Erfolg legitimiert den Sieger.

Doch gerade hier ist eine Unterscheidung wichtig:

Tätergenese ist nicht Täterentschuldigung.

Athan zeigt, woher Vincents Weltbild kommen könnte. Er nimmt ihm deshalb nicht die Verantwortung für das, was er daraus macht.

Und damit landet der Roman schließlich bei einer wesentlich schwierigeren Frage: Kann Vincent überhaupt psychiatrisch erklärt werden – oder versucht die Psychiatrie etwas zu diagnostizieren, das der Roman letztlich als moralisches Problem begreift?

Lorraine weigert sich lange, „das Böse“ wie eine medizinische Diagnose zu behandeln. Für sie ist es ein moralisches und gesellschaftliches Konstrukt, kein Tumor, den man im Gehirn finden könnte. Vincents Schwester, Farrah Campbell zieht gegen Ende dagegen eine andere Grenze: Psychische Erkrankung allein erklärt für sie Vincents Grausamkeit nicht. Ihre Konsequenz ist keine Diagnose mehr, sondern ein moralisches Urteil.

Damit wird Lorraine letztlich auch zu unserem Spiegel. Während sie Vincent Sitzung für Sitzung zuhört, geschieht mit ihr etwas Ähnliches wie mit uns.

Sie gewöhnt sich an ihn.

Und irgendwann musste ich mich beim Lesen fragen:

Gewöhnt Lorraine sich an Vincent – oder gewöhnt Athan uns gemeinsam mit Lorraine an Vincent?

Die Eskalationsmaschine

Genau an diesem Punkt liegt für mich allerdings auch eine der größten Schwächen des Romans.

Vincent wird zunehmend zur Eskalationsmaschine.

Athan scheint ständig noch einen draufsetzen zu müssen. Mord reicht nicht. Sexuelle Gewalt reicht nicht. Kinder, Folter, Kannibalismus, Satanismus, Adrenochrom und immer neue Perversionen folgen aufeinander.

Das Problem dabei ist paradox:

Je extremer die Gewalt wird, desto weniger extrem fühlt sie sich irgendwann an.

Nach einer gewissen Zeit entsteht Hornhaut.

Und hier bin ich mit dem Roman nicht vollständig im Reinen. Denn seine politische und gesellschaftliche Satire ist eigentlich interessant genug, um nicht permanent von der nächsten Perversität überboten werden zu müssen. Stellenweise hatte ich das Gefühl, dass Athan seine eigene gesellschaftliche Struktur unter dem Gewicht des Extreme-Horror-Programms begräbt.

Das Nachwort macht die Sache allerdings komplizierter – und interessanter.

Athan war diese Gefahr offenbar bewusst. Er schreibt selbst, dass er bei diesem Roman noch einen Schritt weiter gegangen sei und zeitweise Sorge hatte, die Gewalt könne seine eigentlichen Themen überdecken oder falsch verstanden werden. Gleichzeitig bezeichnet er das Buch als Parodie auf die moderne Politik, die trotz schwarzem Humor und Absurdität ernsthafte Themen behandeln sollte.

Damit verschwindet mein Kritikpunkt nicht.

Aber er bekommt Kontext.

Die Eskalationsmaschine ist gleichzeitig Methode und Schwäche des Romans.

Trump, aber nicht nur Trump

Es wäre ebenso verführerisch, Percy Campbell einfach als Donald Trump mit anderem Namen zu lesen. Das wäre mir allerdings zu simpel.

Dass die Trump-Ära zu den Fundamenten des Romans gehört, bestätigt Athan selbst. Sein erster Entwurf stammt aus dem Jahr 2017 und entstand ausdrücklich als Reaktion auf die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 zwischen Donald Trump und Hillary Clinton.

Trotzdem baut Athan keine simple Trump-Parodie. Er bedient sich vielmehr an einem ganzen Arsenal amerikanischer Geschichte, Politik und Verschwörungskultur.

Dazu gehört auch das Finale. Athan erklärt im Nachwort ausdrücklich, dass er es als ein „Was wäre wenn?“ zum Angriff auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 konzipierte. An diesem Tag wurde während der gemeinsamen Sitzung des Kongresses zur Bestätigung der Electoral-College-Stimmen die Sicherheit des Kapitols gewaltsam durchbrochen. 

Athan nimmt dieses reale Ereignis und dreht den Regler seiner Fiktion weiter:

Was wäre gewesen, wenn alles noch blutiger verlaufen wäre?

Das ist eigentlich das Konstruktionsprinzip des gesamten Romans.

Realität hinein.
Groteske drauf.
Regler bis zum Anschlag.

Auch die Insel eines mächtigen Mannes, auf der sich sexuelle Abgründe verbergen, die Kabale aus satanischen Pädophilen, Adrenochrom, Fake News und die Vorstellung einer großen verborgenen Elite sind keine zufällig nebeneinanderliegenden Einfälle. Athan baut daraus eine Welt, in der sich reale Skandale und Verschwörungsfantasien gegenseitig kontaminieren.

Besonders herrlich absurd wird das, wenn Vincent in Argentinien einem 130 Jahre alten Adolf Hitler begegnet.

Spätestens hier kann man nicht mehr ernsthaft versuchen, Vincents Geschichte wie einen Tatsachenbericht auseinanderzunehmen.

Der siebenköpfige Drache

Gegen Ende bekommt dieses Verschwörungsdenken beinahe religiöse Dimensionen.

Vincent will sieben Köpfe aufspießen und spricht schließlich vom „siebenköpfigen Drachen“. Das verweist auf die Johannesoffenbarung und deren siebenköpfigen Drachen, der mit Satan verbunden wird.

Entscheidend ist für mich aber nicht, ob Athan damit eine satanistische Verschwörung „bestätigt“.

Das Gegenteil ist interessanter.

Als Steven Vincents Erzählungen von Kabale und Hitler widerspricht und ihm erklärt, er habe den Verstand verloren, integriert Vincent auch diesen Widerspruch einfach in sein Weltbild: Dann muss Steven eben selbst zum siebenköpfigen Drachen gehören.

Ein geschlossenes Verschwörungsbild kann auf diese Weise kaum noch widerlegt werden, weil selbst der Widerspruch zum Beweis der Verschwörung wird.

Und damit kehren wir zu Lorraine zurück:

Was davon ist noch Realität?

Der Soundtrack zum Wahnsinn

Eine weitere Ebene hat mir besonders gefallen: Dieser Roman besitzt beinahe seinen eigenen makabren Soundtrack.

Musik taucht nicht einfach als Dekoration auf. Athan benutzt sie häufig als schwarzen Kommentar zum Geschehen.

Michael Boltons My Secret Passion wird aufgedreht, während Vincent Gewalt ausübt. System of a Downs „Jet Pilot“ begleitet die brennenden Twin Towers. Dean Martins „That's Amore“ erklingt im Umfeld einer vollkommen pervertierten Vorstellung von Familie. Bowie liefert mit „China Girl“ den grotesk offensichtlichen Soundtrack für China, Toto mit „Africa“ für Afrika.

Und bei „Circle of Life“ wird es schon wieder makaber, wenn Vincents Reise gleichzeitig von Tod, Folter und staatlicher Gewalt geprägt ist.

John Lennon und Yoko Onos bewusst provokanter Protestsong „Woman Is the Nigger of the World“ wird von Vincent wiederum aus seinem ursprünglichen Kontext gerissen und gezielt als Provokation eingesetzt. Selbst Popkultur wird bei ihm zum Machtinstrument.

Bis schließlich Ace of Bases „The Sign“ auftaucht und die Musik plötzlich nicht einmal mehr eindeutig aus der äußeren Realität zu kommen scheint. Vincent fragt sich selbst, ob nur er sie hören kann.

Damit verändert der Soundtrack seine Funktion:

Er kommentiert nicht mehr nur Vincents Welt.

Er dringt in seinen möglicherweise zerfallenden Wahrnehmungsraum ein.

Fakten und Fiktion

Das Nachwort hat meine Wahrnehmung des Romans schließlich noch einmal verändert.

Athan beschreibt dort selbst, dass er bei der Recherche die zunehmende Verbreitung von Verschwörungstheorien, Fehl- und Desinformation beobachtete und sich fragte, wie man Realität überhaupt noch literarisch spiegeln könne, wenn Menschen bereits über die Realität selbst uneinig sind.

Seine Konsequenz war bewusstes Vermischen.

Fakten und Fiktion. Perspektive und Gegenperspektive. Realität und Verschwörungsfantasie.

Und er bezeichnet Vincent beziehungsweise seine Erzählweise ausdrücklich als unzuverlässig.

Das ist wichtig, denn dadurch wird aus einer vermeintlichen Schwäche zumindest teilweise Methode. Vincent erzählt uns nicht einfach seine Vergangenheit. Er baut seine eigene Mythologie.

Und Farrah beginnt diese Mythologie schließlich zu zerlegen, indem sie zentrale Behauptungen Vincents bestreitet – bis hin zu seiner Behauptung, sie sei in Wahrheit seine Tochter.

Die Frage „Was ist wirklich passiert?“ lässt sich deshalb am Ende nicht vollständig beantworten.

Vielleicht soll sie das auch gar nicht.

Vom Gefängnis ins Paradies

Und Vincent?

Nach all dem landet er nicht dort, wo man es erwarten würde.

Er bekommt eine Privatinsel.

Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, aber es gibt Pools, Strände, Fernsehen, Internet, Champagner und regelmäßige Versorgung. Sein Vater Percy soll 2024 wieder kandidieren, Vincent selbst wird bereits als möglicher Kandidat für 2028 aufgebaut.

Selbst Verbannung verwandelt sich durch Privileg in Luxus.

Während Lorraine möglicherweise einer sehr viel düstereren Zukunft entgegengeht, sitzt Vincent auf seiner Insel und betrachtet sie als sein „Paradies“, von dem aus er dem gesellschaftlichen Zusammenbruch zuschauen darf.

Das ist vielleicht einer der treffendsten Momente des ganzen Romans.

Denn ursprünglich trug Athans Geschichte zwei andere Arbeitstitel:

The Privilege to Kill.
Diplomatic Immunity.

Und plötzlich sind wir wieder ganz am Anfang.

Mein Fazit

Der Sohn des Präsidenten ist für mich deshalb ein gutes, ungewöhnliches und teilweise erstaunlich clever konstruiertes Buch – aber kein Überflieger.

Jon Athan gelingt eine saubere politische Horror-Satire, deren Verbindungen zwischen amerikanischer Geschichte, Popkultur, Verschwörungsdenken und erfundener Biografie mir wesentlich besser gefallen haben als die bloße Aneinanderreihung extremer Gewalttaten.

Gerade dort, wo der Roman über Macht, Privileg, Wahrheit, Manipulation und die Konstruktion von Wirklichkeit nachdenkt, fand ich ihn am stärksten.

Wo Athan dagegen glaubt, jede gesellschaftliche Abgründigkeit noch mit der nächsten sexuellen oder körperlichen Perversion überbieten zu müssen, verliert der Roman für mich etwas von dieser Stärke. Nicht weil mir Extreme Horror grundsätzlich zu weit geht, sondern weil die Überladung irgendwann beginnt, der interessanteren Satire den Sauerstoff zu nehmen.

Das Nachwort erklärt, warum Athan diesen Weg gewählt hat. Es macht einige seiner Entscheidungen für mich nachvollziehbarer.

Aber eine erklärte Absicht ist noch keine Garantie dafür, dass jede Szene funktioniert.

Vielleicht ist genau das mein Verhältnis zu diesem Buch:

Ich finde spannender, was Athan mit seinem Wahnsinn sagen möchte, als jeden einzelnen Wahnsinn, den er dafür auffährt.

Und trotzdem hat er etwas geschafft: Noch lange nach der letzten Seite beschäftigt mich die Frage, wo in diesem grotesken amerikanischen Zerrspiegel eigentlich die Fiktion beginnt.

Vielleicht ist die unangenehmere Frage aber eine andere:

Wie viel musste Athan überhaupt noch erfinden? 😈📖

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