Manchmal braucht Horror kein Monster. Manchmal genügt ein Liebespaar, das noch tanzt, obwohl die Welt um es herum bereits untergeht.
Twin Temples „Doomed Lovers“ klingt für mich genau nach diesem Moment.
Schon nach den ersten Takten hatte ich ein Bild vor Augen, das eigentlich gar nicht zum Song gehört und trotzdem nicht mehr verschwinden wollte: Twin Peaks.
Das Roadhouse spät in der Nacht. Ein beinahe leerer Saal. Der rote Vorhang. Zwei Menschen auf der Tanzfläche. Sie bewegen sich langsam, irgendwo zwischen 50er-Jahre-Prom-Night und Beerdigung – und während die Musik wunderschön ist, sagt einem irgendetwas im Bauch, dass mit dieser Szene etwas nicht stimmt.
David Lynch hätte wahrscheinlich nicht einmal erklärt, warum.
Genau in diesem Zwischenraum bewegt sich „Doomed Lovers“.
Twin Temple greifen dafür tief in jene amerikanische Klangwelt, die normalerweise von großer Liebe erzählt: Roy Orbison, The Ronettes, The Shangri-Las, Doo-Wop, alte Balladen und opulent orchestrierte Popmusik. Für das neue Album kommt sogar ein Hauch Countrypolitan hinzu. Produziert wurde es von Shooter Jennings.
Doch Twin Temple benutzen diese nostalgische Schönheit nicht, um eine heile Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen.
Sie lassen darin den Tod Platz nehmen.
Denn hinter „Doomed Lovers“ steckt eine ziemlich radikale Vorstellung von Liebe: Was geschieht, wenn der Mensch stirbt, den man mehr als alles andere liebt?
Die vernünftige Antwort wäre irgendwann Loslassen. Trauern. Weiterleben.
Der Song interessiert sich aber für die unvernünftige Antwort.
Für jene Form absoluter Liebe, die sagt: Wenn du gehst, will ich nicht lernen, ohne dich zu leben.
Twin Temple stellen das in die Tradition tragischer Liebespaare wie Romeo und Julia oder Antonius und Kleopatra. Liebe wird damit nicht automatisch zur Erlösung. Sie kann Besitzanspruch werden, Besessenheit – und schließlich Selbstzerstörung.
Und musikalisch klingt dieser Untergang verdammt schön.
Eine meiner liebsten Trivia dazu: „Doomed Lovers“ war ursprünglich bereits aufgenommen und praktisch fertig. Doch Zachary James war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Also gingen sie noch einmal zurück zum Ausgangspunkt, reduzierten das Stück auf Klavier, Akkorde und Melodie und bauten es neu auf. Erst während dieser zweiten Entstehung fand der Song offenbar seine endgültige Gestalt.
Für die Gitarren orientierte sich Zachary unter anderem an der Klangwelt von Jack Nitzsche, der eng mit Phil Spectors legendärer Wall-of-Sound-Ästhetik verbunden war. Akustische Archtop- und elektrische Gitarren verschmelzen dabei zu diesen langsam gleitenden Figuren, über denen Alexandra James fast wie eine Sängerin aus einer anderen Zeit schwebt.
Und hinter ihr steht diesmal tatsächlich ein kleines Heer:
37 Orchestermusiker.
Die Streicher wurden in Bulgarien aufgenommen. Wegen der Zeitverschiebung verfolgten Twin Temple die Sessions mitten in der Nacht beziehungsweise am frühen Morgen über eine Videoschaltung.
Noch schöner ist die Studiogeschichte dahinter. Aufgenommen wurde im legendären Sunset Sound Studio 3 in Hollywood – einem Raum mit enormer Musikgeschichte, in dem unter anderem Prince an Purple Rain arbeitete. Twin Temple konnten dort sogar den mit diesen Sessions verbundenen Flügel benutzen.
Plötzlich ergibt die Größe dieses Songs noch mehr Sinn.
Das ist kein kleines Gothic-Liebeslied.
Das ist Weltuntergangsmusik für zwei Personen.
Und als wäre das alles für die Kathedrale noch nicht ausreichend, übersetzt das Musikvideo die Idee konsequent ins Bild: zwei Liebende verbringen einen letzten gemeinsamen Tag auf einer verlassenen Erde, während die Welt ihrem Ende entgegengeht. Gedreht wurde auf 16-mm-Film – wodurch diese Apokalypse nicht nach moderner Hochglanzproduktion aussieht, sondern wie eine verlorene Erinnerung aus einem Amerika, das vielleicht niemals existiert hat.
Sonne. Küste. Ein Liebespaar.
Eigentlich könnten die Beach Boys gleich um die Ecke stehen.
Nur kommt diesmal vielleicht kein Morgen mehr.
Und genau deshalb lande ich wieder bei Twin Peaks.
Nicht weil Twin Temple Angelo Badalamenti kopieren würden. Das tun sie nicht. Es ist das Gefühl, das mich miteinander verbindet.
Diese amerikanische Traumwelt aus vergangenen Jahrzehnten. Prom Nights, große Frisuren, alte Autos, Tanzlokale und Liebeslieder. Alles scheint vertraut, romantisch und beinahe unschuldig.
Bis man etwas länger hinsieht.
Dann steht hinter dem roten Vorhang plötzlich etwas anderes.
Vielleicht stelle ich mir deshalb bei „Doomed Lovers“ immer wieder dieses beinahe leere Roadhouse vor. Alexandra James singt irgendwo im Halbdunkel. Vor der Bühne tanzt noch ein einziges Paar.
Langsam.
Eng umschlungen.
Niemand weiß, ob sie gerade ihre erste gemeinsame Nacht erleben oder ihre letzte.
Und draußen ist längst die Welt untergegangen.
Vielleicht sind die wirklich verdammten Liebenden nämlich nicht diejenigen, deren Liebe endet.
Vielleicht sind es diejenigen, die sich weigern, ihr ein Ende zu erlauben.
Das ist für mich der eigentliche Horror von „Doomed Lovers“.
Nicht Satan. Kein Dämon. Kein Blut.
Nur zwei Menschen, eine große Liebe und die Vorstellung, dass selbst der Tod kein ausreichender Grund sein darf, einander loszulassen.
Der rote Vorhang fällt.
Aber die beiden tanzen weiter.
🖤 TWIN TEMPLE – DOOMED LOVERS
Willkommen in der Kathedrale666.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen