0072. ROTTEN LINK - 2015 - Zweitsichtung - ofdb - Trailer
Auf dem Cover steht fett UNCUT EDITION, einer Frau fehlt der Kopf und das Blut spritzt durch die Gegend. Regisseur Valentín Javier Diment bezeichnet seinen Film dagegen als eine Art „blutiges Märchen“.
Willkommen bei THE ROTTEN LINK – einem Film, bei dem Verpackung und Inhalt ungefähr so harmonisch zusammenleben wie die Bewohner des fiktiven Bergdorfs El Escondido. Wer hier einen flotten Hinterwäldler-Splatter erwartet, kann schon einmal Kaffee aufsetzen. Einen großen.
Argentinien entdeckt das Genrekino
Diment interessiert sich herzlich wenig für einen klassischen Spannungsbogen. Sein Film schleicht durch die argentinische Provinz, bleibt stehen, beobachtet seine merkwürdigen Gestalten und scheint zeitweise selbst vergessen zu haben, dass irgendwo noch eine Handlung herumliegen müsste. Und trotzdem hat dieses seltsame Ding etwas.
THE ROTTEN LINK entstand zu einer hochinteressanten Zeit für den argentinischen Genrefilm. Die heimische Szene wurde damals zunehmend selbstbewusster, hatte im eigenen Land aber mit schwierigen Vertriebsbedingungen zu kämpfen. Umso wichtiger war die internationale Festival-Landschaft. Der Film wurde zu mehr als 25 Festivals weltweit eingeladen und dort ausgezeichnet, noch bevor er in Argentinien überhaupt eine reguläre Premiere feierte.
Und plötzlich ergibt dieses Werk ein bisschen mehr Sinn: Das hier ist kein Film für die saubere Schublade. Es ist ein merkwürdiges Festival-Hybridwesen aus Autorenkino, Provokation, schwarzem Humor, Sex und Exploitation.
Willkommen in El Escondido: Das Dorf IST der Horror
Die Geschichte basiert auf den Erzählungen von Co-Autor Sebastian Cortes, der nach einem Urlaub in einer kleinen Bergstadt von den bizarren Bewohnern berichtete. Genau dieser Ort ist die grösste Stärke des Films:
- Glaubwürdige Abgeschiedenheit: Die staubigen Strassen, heruntergekommenen Häuser und Felder wirken nicht wie eine billige Horror-Kulisse. Diese Welt besitzt Dreck unter den Fingernägeln. Bildgestaltung, Schnitt und Ausstattung erzeugen eine spürbare ländliche Isolation.
- Das Akkordeon als Hauptfigur: Über allem liegt eine eigentümliche Akkordeonmusik. Sie unterstreicht das Folkloristische, erzeugt aber keine klassische Spannung. Man fühlt sich zunehmend in einer Welt gefangen, die nach eigenen, kruden Regeln funktioniert.
Regisseur Diment beschreibt den Film als Story über Menschen, die weit entfernt von unserer Lebenswirklichkeit existieren – uns in ihrer Logik aber gar nicht so unähnlich sind. Kurz gesagt: Das Dorf ist nicht die Kulisse für den Horror. Das Dorf ist der Horror.
Irgendwo hinter Calvaire: Eine Dosis "Rural Grotesque"
Atmosphärisch erinnert das Ganze immer wieder an Fabrice Du Welz’ Meisterwerk Calvaire. Nicht, weil man Diment einen direkten Einfluss unterstellen müsste – dafür gibt es keinen Beleg. Es ist vielmehr eine enge filmische Verwandtschaft: die abgeschiedene Provinz, groteske Menschen, sexuelle Aufladung, eine Gemeinschaft mit eigener, kranker Logik und das Gefühl, dass die normale Zivilisation irgendwo weit hinter der letzten Landstrasse aufgehört hat. Eine Art Rural Grotesque oder Backwoods-Arthouse.
Interessant ist hierbei, auch wenn man keine billigen Parallelen ziehen sollte, dass Diment im Booklet The Texas Chain Saw Massacre zu seinen Genre-Favoriten zählt. Auch dort wird das Hinterland zu einer eigenen Welt mit eigenen Regeln.
Doch während Calvaire seine Schlinge im Verlauf der Handlung immer enger zieht, bis das Unbehagen unerträglich wird, zieht THE ROTTEN LINK überhaupt nichts enger. Er hängt einfach herum. Das Akkordeon spielt. Die Leute vögeln. Die Dorfgemeinschaft vegetiert vor sich hin. Jemand wird zerlegt. Und anschliessend hängt der Film eben weiter herum.
Sex als Provokation, Gore als Fremdkörper
Prostitution, Begierde und dreckiger Sex ziehen sich durch den Film. Diment seziert Menschen abseits gesellschaftlicher Moral. Dabei sollte man allerdings nicht jedes gevögelte Dorfmitglied gleich zur tiefgründigen Gesellschaftsanalyse erklären. Die Sexualität erfüllt nämlich noch eine zweite, wesentlich profanere Funktion: Sie füllt Lücken. Der Film ist teilweise derart lethargisch und dramaturgisch ereignisarm, dass Sex und Nacktheit als kleine Provokationsschübe funktionieren, wenn die Erzählung einzuschlafen droht.
Und der Splatter? Irgendwann kommt er. Und zwar nicht zu knapp. Die Gewaltausbrüche sind vulgär, explizit und herrlich geschmacklos. Nur treiben sie den Film erstauberlicherweise überhaupt nicht an. Wo man sonst eine endgültige Eskalation erwartet, bleibt der Film stur in seinem eigenen Rhythmus:
Die Gewalt fliesst nicht organisch aus der Story. Sie wirkt hineingeschoben – fast so, als müsste ein souveränes Provinzdrama zwischendurch kurz daran erinnert werden, dass es schliesslich auf einem Horrorfilmfestival laufen möchte.
Diment selbst stellt im Interview klar, dass er keine bestimmte Botschaft vermitteln wollte. Ihn interessiere der Kern menschlichen Verhaltens. Das tut dem Film gut. Man muss nicht jede Blutlache zum Symbol und jeden Beischlaf zur Kapitalismuskritik aufblasen. Manchmal darf ein merkwürdiger Mensch auch einfach ein merkwürdiger Mensch sein. Und davon besitzt El Escondido reichlich.
Fazit: Ein Film, den man nicht greifen kann
Handwerklich ist THE ROTTEN LINK top. Die Bildgestaltung ist souverän, die Locations hervorragend gewählt und die Akkordeonmusik klebt nach dem Abspann noch tagelang im Hinterkopf. Auch die Verbindung aus Arthouse, Sex, schwarzem Humor und Gore besitzt eine Eigenständigkeit, die man dem Film hoch anrechnen muss.
Aber verdammt, ist das Ding träge. THE ROTTEN LINK ist kein Splatterfilm, der sich ein bisschen Arthouse leistet. Er ist ein zähes argentinisches Arthouse-Dorfdrama, in das irgendwann der Gore einbricht – ohne dass der Film deshalb auch nur einen Schritt schneller gehen würde.
Ob ich das nun richtig gut finde? Ich weiss es immer noch nicht. Aber vergessen habe ich dieses verdammte Dorf auch nicht. Und manchmal ist genau das mehr wert als der nächste sauber heruntergekurbelte Slasher von der Stange.
Ein blutiges Märchen aus dem argentinischen Hinterland. Mit Sex, Akkordeon und Menschen, bei denen man nach zehn Minuten freiwillig wieder in den nächsten Bus Richtung Zivilisation steigen würde. Wer Bock auf sperriges, atmosphärisches Genrekino hat, wagt einen Blick. Alle anderen pennen hier gnadenlos ein.


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