0070. Ein Junge schrie Werwolf - 1973 - Erstsichtung - ofdb - Trailer
Manchmal kauft man einen Film wegen seines Covers. Und manchmal möchte man das Cover anschließend wegen arglistiger Täuschung verklagen.EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF ist so ein Fall.
Was mir hier auf dem deutschen Cover entgegenfletscht, verspricht ein herrlich entfesseltes Werwolf-Spektakel: riesige Reißzähne, gewaltige Krallen, schreiende Menschen und eine Frau, die scheinbar direkt aus dem Rachen des Monsters flüchtet. Das sieht nach handfestem 70er-Jahre-Horror aus.
Bekommen habe ich einen Sonntagnachmittags-Werwolf mit Scheidungsproblemen.
Nathan H. Jurans Film von 1973 kommt erstaunlich schwer in die Gänge. Alles wirkt etwas plump, behäbig und merkwürdig zahm. Der Horror bleibt überschaubar, die Werwolf-Attacken besitzen wenig Biss und über weite Strecken beschäftigt sich der Film lieber mit seinem Familiendrama als mit seinem Monster.
Und trotzdem steckt unter diesem ziemlich biederen Fell eine Geschichte, die interessanter ist als der eigentliche Horrorfilm.
PAPA IST DAS MONSTER
Im Mittelpunkt steht Richie, ein Junge, dessen Eltern getrennt leben. Ausgerechnet sein Vater Robert wird nach einem Angriff selbst zum Werwolf. Richie weiß, was mit ihm geschieht – nur die Erwachsenen glauben ihm nicht.
Damit bekommt die alte Geschichte vom Kind, das vor dem Monster warnt und von niemandem ernst genommen wird, plötzlich eine bemerkenswerte zweite Ebene.
Richie steckt ohnehin zwischen seinen getrennten Eltern. Die vertraute Familie existiert nicht mehr, der Vater verändert sich – und wird schließlich buchstäblich zu einem Fremden und Monster.
Man muss EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF deshalb nicht gleich auf die psychoanalytische Couch legen. Aber die Parallele ist kaum zu übersehen: Für ein Kind, dessen bisherige Familienwelt auseinanderbricht, kann ein Elternteil plötzlich wie ein anderer Mensch erscheinen. Der Film verwandelt diese kindliche Verunsicherung in klassischen Monsterhorror.
Papa ist nicht mehr Papa. Papa hat jetzt Fell und Reißzähne.
Das ist als Metapher wesentlich interessanter als die ziemlich einfallslose Werwolfhandlung, die darum herumgebaut wurde.
DIE SPINNER HABEN RECHT
Noch kurioser wird die Sache durch die religiös angehauchte Hippie-Kommune - der Anführer wird won dem Drehbuchautoren Bob Homel selbst gespielt.
Zunächst erscheinen diese Leute wie das typische 70er-Jahre-Personal, über das die bürgerliche Gesellschaft etwas irritiert den Kopf schüttelt. Die Außenseiter, die Freaks, die religiösen Spinner.
Doch ausgerechnet sie erkennen, was tatsächlich geschieht.
Während Polizei, Psychologie und die vermeintlich vernünftigen Erwachsenen Richies Geschichte nicht begreifen, besitzt diese alternative Gemeinschaft einen Zugang zu jener Wirklichkeit, die alle anderen für Unsinn halten.
Und plötzlich entsteht eine hübsche Ironie:
Die gesellschaftlichen Außenseiter bilden die funktionierendste Gemeinschaft des ganzen Films.
Auf der einen Seite steht die zerbrochene traditionelle Familie. Auf der anderen eine Kommune, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm lebt – und ausgerechnet dort finden wir Zusammenhalt, gemeinsames Handeln und schließlich sogar einen gewissen Schutz vor dem Monster.
Damit bekommt der Film einen überraschenden sozialen Subtext. Die etablierte Ordnung versagt, während diejenigen, die von dieser Ordnung belächelt werden, näher an der Wahrheit liegen.
Ob Nathan Juran und Drehbuchautor Bob Homel damit tatsächlich eine große Abhandlung über Familie, gesellschaftliche Veränderung und alternative Lebensmodelle schreiben wollten, sei dahingestellt. Dafür trampelt der Film viel zu unbeholfen durch seine eigene Geschichte.
Aber diese Ebene ist da.
VIEL SUBTEXT, WENIG WERWOLF
Und genau hier liegt mein Problem mit EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF.
Ich kann seine Themen interessanter finden als den Film selbst.
Scheidung. Das Kind zwischen den Eltern. Der Vater als plötzlich fremde und bedrohliche Gestalt. Eine alternative Kommune als Gegenmodell zur auseinandergebrochenen Kernfamilie. Der Konflikt zwischen rationaler Erklärung und spirituellem Glauben.
Alles vorhanden.
Nur leider ergibt das noch keinen spannenden Horrorfilm.
Die Inszenierung bleibt viel zu brav, das Tempo schleppend und der Werwolf selbst bekommt viel zu selten Gelegenheit, seinem Namen irgendeine Ehre zu machen. Statt eines dreckigen 70er-Jahre-Monsterfilms bekommt man über weite Strecken ein Familiendrama mit gelegentlichem Fellbefall.
Und ja: Die FSK 12 passt ausgezeichnet zum Ergebnis. Nicht weil Horror für ein jüngeres Publikum grundsätzlich nicht funktionieren könnte, sondern weil dieser Film genau jene harmlose Fernsehnachmittagsatmosphäre besitzt, die sein großartiges deutsches Cover so überhaupt nicht vermuten lässt.
Das Cover schreit:
WERWOLF! TOD! TERROR!
Der Film antwortet:
„Richie, wir müssen über die Trennung deiner Eltern reden.“
KATHEDRALE666-FAZIT
EIN JUNGE SCHRIE WERWOLF ist für mich kein verkannter Werwolf-Klassiker. Dafür ist er zu behäbig, zu harmlos und schlicht zu wenig aufregend.
Aber vollkommen uninteressant ist er ebenfalls nicht.
Unter seiner biederen Monsterfilmoberfläche steckt ein erstaunliches kleines Zeitdokument über eine Gesellschaft im Wandel: Die traditionelle Familie zerbricht, alte Rollenbilder geraten ins Wanken und ausgerechnet eine von der bürgerlichen Welt belächelte Kommune erweist sich als funktionierende Gemeinschaft.
Der interessanteste Werwolf steckt deshalb nicht in der Maske, sondern in der Familiengeschichte: Für ein Scheidungskind wird der eigene Vater buchstäblich zum Monster.
Schade nur, dass Nathan Juran diese durchaus reizvolle Idee mit dem Temperament eines Sonntagnachmittagsprogramms inszeniert.
Oder kürzer:
Großartiges Cover. Interessanter Subtext. Zahmer Werwolf.


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