0062. SAVAGE STREETS - 1984 - Zweitsichtung - ofdb - Trailer
Tom DeSimone kannte ich bereits durch Hell Night (1981) und den Exploitation-Kracher Reform School Girls (1986). Deshalb führte mich auch bei Savage Streets zunächst sein Name zum Film. Doch die Entstehungsgeschichte hat einen Bruch: DeSimone begann die Dreharbeiten, bevor Danny Steinmann die Regie übernahm und den Film fertigstellte. Vor der Kamera steht Linda Blair als Brenda – eine Jugendliche, die nach einem Angriff auf ihre jüngere Schwester und dem Mord an einer Freundin zur Selbstjustiz greift.
Ich fühle mich im Women-in-Prison- und im Rape-and-Revenge-Kino selten wohl. Die Demütigungen und sexuellen Übergriffe, mit denen diese Filme ihre spätere Rache vorbereiten, stossen mir auf. Gerade weil ich Linda Blairs Arbeiten mag, habe ich mir Savage Streets dennoch angesehen. Und wieder blieb ich verstört zurück, statt die Genugtuung zu empfinden, die mir das Genre am Ende offenbar anbieten möchte.
Die beiden Filmtraditionen haben Berührungspunkte, sind aber nicht dasselbe. Women-in-Prison-Filme erzählen von Frauen innerhalb einer Anstalt oder eines Gefängnisses. Aus dem Gefängnisdrama entwickelte sich besonders in den 1970er-Jahren ein Exploitation-Zweig, der Gewalt, Erniedrigung und den Aufstand gegen sadistische Autoritäten in den Mittelpunkt rückte. Savage Streets gehört nicht dazu: Sein Schauplatz sind die Strassen und die Schule von Los Angeles. Seine Geschichte folgt dem Rape-and-Revenge-Muster, das in Filmen wie The Last House on the Left (1972) und I Spit on Your Grave (1978) seine berüchtigte Form fand. DeSimones Reform School Girls zeigt, warum die beiden Genres für mich trotzdem nah beieinanderliegen: In beiden wird weibliches Leid erst zum Spektakel und später zum Treibstoff für Gegenwehr.
In Savage Streets beginnt die Eskalation mit einem beinahe lächerlichen Anlass: Brenda und ihre Freundinnen beschmutzen das Auto einer Männergang. Was die Gang daraus macht, ist keine „harte Antwort“ auf einen Streich. Es ist der Anspruch, Frauen für eine Kränkung bestrafen zu dürfen. Einschüchterung wird zum sexuellen Übergriff, später zum Mord. Gerade diese masslose Steigerung macht den Film so unangenehm. Er zeigt Gewalt als Ausübung von Macht – und schraubt sie zugleich so weit hoch, dass Brendas spätere Brutalität für das Publikum möglichst befriedigend wirken soll.
Besonders bitter ist die Rolle von Heather, Brendas gehörloser Schwester. Ihre Verletzlichkeit erhöht für den Film den Schock. Aber wie viel Raum bekommt sie als eigener Mensch, jenseits dessen, was ihr angetan wird? Diese Frage lässt mich nicht los. Hinzu kommt, dass Schule und Polizei Brenda kaum Schutz oder Vertrauen bieten. Daraus entsteht ein nachvollziehbarer Zorn auf Institutionen, die zu spät handeln. Doch der Film interessiert sich stärker für die Entladung dieses Zorns als für die Folgen der Tat bei Heather.
Eine Szene legt den Widerspruch des Films besonders offen: Während Brenda in der Dusche in einen Streit gerät, wird Heather an einem anderen Ort angegriffen. Steinmann beschrieb später selbst, wie der Wechsel zwischen den Szenen die Wut des Publikums steigern sollte. Genau da liegt mein Problem mit dieser Art von Kino. Der Film will, dass ich entsetzt bin – und setzt mein Entsetzen gleichzeitig gezielt ein, um mich auf die Rache einzustimmen.
Dass Linda Blair ursprünglich zögerte, erneut in einem Exploitation-Film mitzuspielen, ist eine aufschlussreiche Randnotiz. Auch die amerikanische Altersfreigabe war umkämpft: Nach einer anfänglichen X-Einstufung erhielt Savage Streets schliesslich ein R-Rating. Solche Details erzählen von einem Film, der seine Grenzüberschreitungen keineswegs zufällig mit sich trägt.
Ich kann Brendas Wut verstehen. Linda Blair gibt ihr eine Energie, die weit über eine blosse Rachefigur hinausgeht. Aber ich kann die Gewalt gegen Heather und Francine nicht einfach hinter mir lassen, sobald Brenda zur Armbrust greift. Selbst das Ende erlaubt keine ungetrübte Siegesfeier: Die Überlebenden stehen an einem Grab. Vielleicht liegt genau dort der ehrlichste Moment von Savage Streets. Die Täter sind besiegt, doch das Geschehene ist dadurch nicht ausgelöscht.
Als dreckiger, greller Rachefilm der Achtziger hat Savage Streets eine enorme Wucht. Als Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt bleibt er für mich schwer zu ertragen. Meine Verstörung ist kein Missverständnis des Films. Sie gehört zu der Frage, die er bei mir zurücklässt: Wie viel Leid darf ein Film vorführen, damit sich seine Rache am Ende gut anfühlt?

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