Im April 2019 verschlug es mich erneut zur Comic Con nach Dortmund. Unter den zahlreichen Stars, die dort auf ihre Fans warteten, war auch Charlie Sheen. Dass ausgerechnet diese Begegnung etwas spezieller ausfallen würde, konnte ich damals natürlich noch nicht ahnen.
Ebenso wenig wusste ich, dass mein eigenes Leben nur neun Monate später vor einem Abgrund stehen würde – und kurz darauf Covid die gesamte Welt aus den Fugen heben sollte. Die Nachwehen dieser Zeit haben sich bis heute in meine Gegenwart eingefressen.
Wenn ich heute auf die Bilder von damals zurückblicke, wirken solche Convention-Tage deshalb manchmal wie Aufnahmen aus einem anderen Leben.
Aber zurück zu den schönen Dingen.
Für Charlie Sheens Autogramm stand ich gut eine Stunde an. Er signierte in einem abgeschirmten Bereich, geschützt vor den Blicken der übrigen Besucher. Wer kein Autogramm gebucht hatte, bekam ihn aus der Nähe praktisch nicht zu Gesicht.
Das Schlangestehen auf einer Convention kann anstrengend sein, besitzt aber auch seinen ganz eigenen Charme. Man kommt miteinander ins Gespräch, vergleicht Sammlerstücke und erzählt sich von früheren Begegnungen. Und manchmal trifft man dabei Menschen, die völlig unerwartet Teil der eigenen Sammlungsgeschichte werden.
Diesmal wollte ich kein gewöhnliches Foto signieren lassen. Ich hatte mein Platoon-Mediabook dabei.
Während wir warteten, wurde die Schlange von Sheens Management beziehungsweise der Security ziemlich akribisch überwacht. Irgendwann öffnete sich der Vorhang und Charlie Sheen zeigte sich für einen kurzen Moment der Öffentlichkeit – beinahe etwas scheu, gleichzeitig aber vollkommen locker.
Ein Raunen ging durch den Raum, gefolgt von Pfiffen, Applaus und lautem Johlen.
Natürlich stimmte ich mit ein.
Die Freude dauerte ungefähr fünf Sekunden.
Dann würgte das Management die Begeisterung ziemlich aggressiv ab. Die Ansage lautete sinngemäß:
Schnauze halten, sonst wirst du rausgetragen.
Und tatsächlich verstummten wir.
Dabei hatte ich nicht den Eindruck, dass Sheen selbst unsere Reaktion unangenehm war. Peinlich berührt hat mich eher das überzogene Verhalten der Security.
Vor mir stand ein Pärchen, hinter mir ein asiatischer Fan. Trotz der strengen Abschirmung ging es erstaunlich zügig voran.
Und warum erwähne ich ausgerechnet diesen Mann hinter mir?
Weil er gleich noch verdammt wichtig werden und sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen sollte.
Ich hatte ihn an diesem Tag bereits mehrfach auf der Convention gesehen. Und hey, Folks: Wenn ihr glaubt, ihr seid Fans und Nerds und wisst, wie man eine Convention überlebt – dann habt ihr diesen Typen noch nicht kennengelernt.
Je näher der Star kommt, desto kleiner wird der Mythos
Inzwischen waren es nur noch wenige Minuten, bis ich Charlie Sheen gegenüberstehen würde.
Und wieder geschah etwas, das ich auf Conventions immer wieder erlebt habe: Je näher man einem Star kommt, desto weniger „Star“ bleibt von ihm übrig. Aus der Filmfigur, dem Gesicht auf der Leinwand und dem beinahe unantastbaren Mythos wird plötzlich ein ganz normaler Mensch, der nur zwei Meter vor einem sitzt.
Bei Sheen war allerdings noch eine verdammt ordentliche Portion Coolness übrig.
An seine dunkel gefärbten Haare und sein auffallend blasses Äußeres erinnere ich mich bis heute. Außerdem hatte ich ihn mir irgendwie größer vorgestellt. Auch das passiert mir bei Schauspielern erstaunlich oft.
Die Kamera macht Menschen größer.
Aber ich schweife ab.
Dann stand ich endlich vor ihm.
Sheen hatte diese unglaublich lockere, amerikanisch-nonchalante Art. Und selbst mir als Mann war innerhalb weniger Sekunden klar, weshalb dieser Kerl auf Frauen eine gewisse Wirkung haben dürfte. Charlie Sheen ist einer dieser Männer, bei denen man sich nur schwer vorstellen kann, dass sie nach einer Party alleine nach Hause gehen.
Wir begrüßten uns kurz und ich reichte ihm mein Platoon-Mediabook.
Er betrachtete es nur flüchtig, legte es lässig auf seinen Schoß und setzte den silbernen Marker an jener Stelle an, die ich ihm zuvor mit vermutlich leicht zitternden Händen gezeigt hatte.
Dann unterschrieb er.
Mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass mir in diesem Moment ein seltsamer Vergleich durch den Kopf ging.
Habt ihr einmal Steve McQueen in einem Film beim Rauchen zugesehen? Dieser Mann konnte eine Zigarette halten, als hätte Gott persönlich das Rauchen ausschließlich für ihn erfunden.
Und ungefähr so unterschrieb Charlie Sheen.
Kein Mensch auf diesem Planeten kann cooler signieren als Charlie fucking Sheen.
Was mich das Autogramm damals gekostet hat, weiß ich heute nicht mehr genau. Ich meine, es waren ungefähr 80 Euro. Für jemanden, der mit Convention-Kultur und dem Sammeln von Autogrammen nichts anfangen kann, klingt vermutlich bereits das nach komplettem Irrsinn.
Kann ich sogar verstehen.
Interessiert mich allerdings nicht.
Und dann kam die Geschichte mit dem Marker
Charlie betrachtete seine Unterschrift – und war nicht zufrieden.
Das Silber hob sich kaum vom Motiv ab.
Auch ich war etwas enttäuscht.
Also richtete Sheen das Mediabook mit derselben lässigen Selbstverständlichkeit neu aus und unterschrieb einfach ein zweites Mal.
Innerlich fiel mir die Kinnlade herunter.
Einerseits machte sich Charlie Sheen tatsächlich die Mühe, mir eine zweite Signatur zu geben. Andererseits schrie der Sammler in mir:
Alter! Du kritzelst gerade zum zweiten Mal auf meinem schönen Mediabook herum!
Freude und Entsetzen können erstaunlich friedlich nebeneinander existieren.
Doch auch die zweite Unterschrift betrachtete Charlie kritisch.
Noch immer nicht gut genug.
Mein rücksichtsvoller Charakter verbietet mir in solchen Situationen, spontan die Diva herauszulassen. Also sagte ich, das sei schon in Ordnung.
War es natürlich nicht ganz.
Sheen suchte bereits nach einem anderen Marker.
Und ich dachte nur:
Der wird doch jetzt nicht ein DRITTES MAL auf das Ding schreiben?!
Genau in diesem Moment betrat der asiatische Nerd hinter mir endgültig die Geschichte.
Der Kerl griff in seine Tasche und zog einen weißen Marker hervor – irgendeine japanische Marke, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ohne zu zögern reichte er den Stift an Charlie weiter.
Ich stand daneben und fühlte mich wie ein Erstklässler, dem gerade jemand demonstriert hatte, dass man für einen Schulausflug vielleicht doch ein Pausenbrot einpacken sollte.
Sheen nahm den Marker und zog die bereits vorhandene Signatur noch einmal nahezu deckungsgleich in Weiß nach.
Und plötzlich war sie da.
Perfekt.
Die schlechter sichtbare silberne Signatur liegt bis heute wie ein Schatten unter der satten weißen Schrift. Dadurch entstand beinahe zufällig ein kleiner 3D-Effekt.
Aus dem vermeintlich vermurksten Mediabook war innerhalb weniger Minuten eines meiner schönsten und persönlichsten Autogramme geworden.
Nicht trotz des Chaos.
Sondern gerade wegen des Chaos.
Ich bedankte mich bei Charlie – und natürlich auch bei meinem unbekannten Retter mit seinem japanischen Wunderstift.
Nur schien Charlie Sheen selbst von diesen Regeln nicht sonderlich beeindruckt zu sein.
Er begrüßte die Fans persönlich.
Vielleicht ist mir dieser Tag auch deshalb bis heute so lebendig geblieben.
Natürlich wegen Charlie Sheen. Natürlich wegen Platoon. Und natürlich wegen dieser absurden dreifachen Signatur.
Inzwischen aber vielleicht noch etwas stärker wegen des Mannes, der damals hinter mir stand.
Heute bin ich wesentlich erfahrener auf Conventions unterwegs. Ich bereite meine Sammlerstücke vor, überlege mir im Voraus die beste Stelle für eine Signatur – und meine eigenen Marker habe ich selbstverständlich immer dabei.


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