0067. PIRANHA II – FLIEGENDE KILLER - 1981 - Erstsichtung - ofdb - Trailer
Nicht alles aus dem Hause eines James Cameron ist automatisch eine Lobeshymne. Und wer hier nach sozialer Tiefe taucht, kommt ohnehin mit leeren Händen wieder an die Oberfläche. Piranha II ist kein Ausflug, um nach Perlen zu suchen – hier fliegen einem die Fische gleich selbst entgegen.
Eigentlich müsste das exakt mein Beuteschema sein: mutierte Piranhas, die nicht nur schwimmen, sondern sich mit Flügeln in die Luft erheben, ein Ferienresort voller potentieller Fischhäppchen, Lance Henriksen und herrlich handgemachte Effekte. Trotzdem bin ich erstaunlich schlecht in den Film hineingekommen. Das Problem sind für mich dabei weniger seine billigen Mittel als der beinahe verbissene Ernst, mit dem er seinen völligen Irrsinn vorträgt.
Gerade hier hätte ich mir deutlich mehr Roger Corman gewünscht. Der erste Piranha von Joe Dante entstand schließlich unter Cormans New-World-Dach und verstand sehr genau, wie viel schwarzer Humor ein solcher Stoff verträgt. Teil zwei besitzt zwar eine noch absurdere Prämisse, wirkt aber paradoxerweise weniger verspielt. Fliegende Killerfische müssten eigentlich der Moment sein, an dem sämtliche Hemmungen über Bord geworfen werden. Stattdessen behandelt der Film seine geflügelten Biester zeitweise, als stünde tatsächlich eine maritime Katastrophe von nationaler Tragweite bevor.
Und das ist besonders kurios, weil hinter der Kamera genügend Chaos herrschte, um selbst einen eigenen Exploitationfilm zu füllen.
James Cameron war ursprünglich gar nicht als Regisseur vorgesehen. Er kam aus Roger Cormans Umfeld und sollte zunächst an den Spezialeffekten arbeiten. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Regisseur Miller Drake aus dem Projekt ausschied, rückte Cameron auf den Regiestuhl. Produzent Ovidio G. Assonitis und der unerfahrene Cameron gerieten jedoch schnell aneinander. Wie groß Camerons tatsächlicher Anteil an der fertigen Fassung ist, wird bis heute unterschiedlich dargestellt. Cameron selbst hat den Film jedenfalls nie wirklich als seinen ersten eigenen Film betrachtet; Assonitis erklärte später seinerseits, er habe die Regie übernehmen müssen, weil Cameron noch nicht genügend Erfahrung besessen habe.
Das Produktionschaos ging teilweise bis ins herrlich Absurde. Nach Lance Henriksens Erinnerung war das Budget derart knapp, dass für seine Polizeiuniform zunächst kein Geld vorhanden war. Henriksen soll schließlich einem passend gebauten Kellner dessen Uniform für 75 Dollar aus eigener Tasche abgekauft haben. Sogar die Dienstwaffe in seinem Holster musste er demnach selbst aus Holz schnitzen. Das ist fast mehr Corman als der fertige Film.
Gedreht wurde unter anderem auf Jamaika, während viele Unterwasseraufnahmen vor Grand Cayman entstanden und Innenaufnahmen wiederum in Rom. Allein diese italienisch-amerikanisch-karibische Produktionsmischung erklärt vielleicht einen Teil jener seltsamen Tonalität, die den Film so schwer greifbar macht.
Dabei funktionieren ausgerechnet die Dinge, wegen denen man Piranha II heute noch aus dem Giftschrank holt, wunderbar. Die Viecher machen Laune. Sobald die kleinen Gummibestien aus dem Wasser schießen, Menschen anspringen und die herrlich pulpigen Leichendummys ausgepackt werden, wacht der Film auf. Verantwortlich für die Spezialeffekte war übrigens Giannetto De Rossi, der zuvor bereits an Lucio Fulcis Zombie 2 gearbeitet hatte – und plötzlich bekommt diese wunderbar handgemachte italienische Splatter-Haptik einen Stammbaum.
Noch schöner: Techniken, mit denen die Piranhas zum „Fliegen“ gebracht wurden, fanden später in verfeinerter Form bei den Facehuggern in Aliens Verwendung. Aus einem fliegenden Gummifisch kann also durchaus einmal Filmgeschichte werden.
Auch Lance Henriksen verschwand nach diesem Abenteuer nicht aus Camerons Welt. Wenige Jahre später holte ihn Cameron für Terminator und anschließend als Bishop für Aliens zurück. Tricia O'Neil sollte Jahrzehnte später ebenfalls noch einmal unter Cameron auftreten – mit einer kleinen Rolle in Titanic.
Und Cameron selbst hat inzwischen offenbar genügend Abstand zu seinem ungeliebten Frühwerk gewonnen, um darüber lachen zu können. Im Audiokommentar zu Terminator 2 bezeichnete er Piranha II augenzwinkernd sinngemäß als die großartigste fliegende Killerfisch-Horrorkomödie aller Zeiten.
Nachhall
Vielleicht liegt genau darin mein Problem mit Piranha II: Ich mag fast alle Zutaten mehr als den Film, der daraus entstanden ist. Fliegende Gummipiranhas? Her damit. Lance Henriksen? Immer. Pulpige Leichenattrappen, tropisches Ferienparadies und italienische Effektkunst? Kathedrale666 öffnet bereits die Tore.
Aber der Film selbst nimmt diesen herrlichen Unsinn für meinen Geschmack zu ernst. Wo Joe Dante und Roger Corman wahrscheinlich noch eine zusätzliche Portion Boshaftigkeit und Selbstironie ins Wasser gekippt hätten, schwimmt Piranha II erstaunlich verbissen geradeaus.
Und trotzdem möchte ich ihn nicht bashen. Denn hinter diesem sperrigen Trashfisch steckt bereits ein Stück Filmgeschichte: ein junger James Cameron, ein chaotischer Produzent, ein Lance Henriksen in selbstfinanzierter Uniform und Gummifische, deren technische Nachfahren wenige Jahre später Ellen Ripley das Leben schwer machen sollten.
Keine Perle. Aber verdammt noch mal ein interessantes Treibgut.

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