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Freitag, 16. Oktober 2026

Review: The Furious - 2025

0081. Furious - 2025 - Erstsichtung - ofdb - Trailer

Regie: Kenji Tanigaki

Produktion: Hongkong / China, 2025
Drehbuch: Frank Hui, Lei Zhilong, Tin Shu Mak
Darsteller: Xie Miao, Joe Taslim, Yayan Ruhian, Brian Le, JeeJa Yanin, Yang Enyou
Actionregie / Kampfchoreografie: Kensuke Sonomura
Kamera: Meteor Cheung
Laufzeit: ca. 114 Minuten
Freigabe: FSK 18

Der neue heisse Scheiss?
Hin und wieder gönne ich mir gerne einen dieser asiatischen Klopperfilme. Zwei Stunden gepflegte Körperverletzung, halsbrecherische Akrobatik und Menschen, die offensichtlich über eine völlig andere Knochenstruktur verfügen als der Rest der Menschheit. Warum auch nicht?
Ich gehöre allerdings nicht zum eingeschworenen Martial-Arts-Publikum. Ich kann nicht jede Kampftechnik identifizieren und spiele nicht den grossen Kampfkunstexperten. Aber ich habe über die Jahre genügend Actionkino gesehen, um zu wissen, wann mich eine Kampfszene wirklich mitreisst. Und natürlich kenne ich The Raid und The Raid 2.
Entsprechend neugierig war ich auf The Furious, der im Vorfeld als neuer grosser Wurf des asiatischen Actionkinos gefeiert wurde. Regisseur Kenji Tanigaki, ein erfahrener Actionchoreograf aus dem Umfeld von Donnie Yen, versammelt dafür eine bemerkenswerte Mannschaft internationaler Kampfkünstler. Die Erwartungen waren entsprechend hoch.
Und tatsächlich: Es wird geprügelt, getreten, geschlagen und durch die Gegend geflogen, als gäbe es für jede gebrochene Rippe eine zusätzliche Gage. Nur wollte sich bei mir zunächst keine wirkliche Begeisterung einstellen. Denn bei aller technischen Brillanz stellte sich schon bald eine unangenehme Frage: Habe ich das nicht alles schon einmal gesehen?
Kinderhandel, Rache und die üblichen Verdächtigen
Die Geschichte ist schnell erzählt: Der stumme Handwerker Wang Wei (Xie Miao) muss mitansehen, wie seine Tochter von einem kriminellen Netzwerk entführt wird. Da die Polizei korrupt ist, nimmt er die Sache selbst in die Hand. Unterwegs trifft er auf den Journalisten Navin (Joe Taslim), dessen Frau bei Ermittlungen gegen denselben Verbrecherring verschwunden ist. Gemeinsam schlagen sich die beiden Männer durch eine Unterwelt aus Menschenhändlern und schwer bewaffneten Schlägern.
Das ist natürlich alles nicht neu. Entführte Kinder, verzweifelte Eltern und persönliche Rachefeldzüge gehören längst zum festen Inventar des Actionkinos. Dazu gesellt sich eine gehörige Portion Melodramatik. Immer wieder schwingt diese stark emotionalisierte, gelegentlich beinahe weinerliche Inszenierung persönlicher Tragödien mit, die man aus asiatischen Produktionen kennt.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur wirken die emotionalen Konflikte hier weniger wie organisch entwickelte Schicksale, sondern vielmehr wie bekannte dramaturgische Zutaten, die lediglich den nächsten Gewaltausbruch rechtfertigen sollen. Die Geschichte bleibt funktional: Sie bringt die Figuren von einer Kampfszene zur nächsten, entwickelt dabei aber kaum Eigenständigkeit.
Wenn Perfektion zur eigenen Schwäche wird
Handwerklich gibt es an The Furious zunächst wenig auszusetzen. Die Kämpfe sind schnell, präzise und aufwendig choreografiert. Die Kamera hält die Bewegungsabläufe weitgehend übersichtlich fest, und die Darsteller demonstrieren eine körperliche Leistungsfähigkeit, die zweifellos Respekt verdient.
Doch genau hier zeigt sich das Problem: The Furious demonstriert eindrucksvoll, wie weit sich moderne Kampfchoreografie technisch perfektionieren lässt – aber diese Perfektion wird irgendwann zur eigenen Schwäche. Die aufwendig inszenierten Kämpfe besitzen erstaunlich wenig individuelle Handschrift. Vieles wirkt vertraut, manches regelrecht austauschbar. Man bewundert die körperliche Leistung, ohne von der Brutalität wirklich mitgerissen zu werden.
Die Choreografien funktionieren, aber sie überraschen selten. Die Bewegungen sind perfekt aufeinander abgestimmt, die Schläge sitzen, die Tritte fliegen. Und trotzdem entsteht gelegentlich eher der Eindruck einer hochprofessionellen Kampfvorführung als einer tatsächlich gefährlichen Auseinandersetzung. Man sieht hervorragende Kampfkünstler bei der Arbeit – aber man fürchtet zu selten um die Menschen, die sie verkörpern.
Viel gekloppt, zu wenig gespürt
Hinzu kommt eine visuelle Ästhetik, die mir stellenweise zu glattgebügelt erscheint. Die Bilder sind sauber ausgeleuchtet, die Gesichter wirken teilweise beinahe künstlich makellos, und die gesamte Inszenierung besitzt eine kontrollierte Oberflächenqualität. Gerade bei einem Film, der seine Attraktion aus körperlicher Gewalt bezieht, ist das kein Vorteil.
Natürlich muss nicht jeder Martial-Arts-Film in Blut und Schmutz versinken. Doch wenn Menschen mit unglaublicher Wucht aufeinander einschlagen, möchte ich die Folgen dieser Gewalt spüren. Ein Schlag kann noch so spektakulär choreografiert sein: Wenn man seine Konsequenzen nicht sieht, verliert er an Brutalität. Genau daran mangelt es The Furious. Für einen Film mit einer FSK-18-Freigabe hätte ich mir einen kompromissloseren Härtegrad gewünscht. Nicht einfach mehr Blut um des Blutes willen, sondern eine Gewalt, die dem Zuschauer beim Hinsehen beinahe selbst wehtut.
The Raid – Wenn der Schauplatz mitkämpft
Natürlich drängt sich der Vergleich mit Gareth Evans' The Raid (2011) und The Raid 2 (2014) auf – nicht zuletzt, weil mit Joe Taslim und Yayan Ruhian gleich zwei bekannte Gesichter aus diesem Universum mitmischen. Für mich spielt The Furious dennoch nicht auf demselben Niveau. Das liegt weniger an der technischen Qualität der Kämpfe als vielmehr an der Atmosphäre.
In The Raid wurde das Hochhaus selbst zu einer feindlichen Welt. Jeder Gang, jedes Treppenhaus und jeder Raum konnte zur Todesfalle werden; die Architektur besass eine eigene Persönlichkeit. Man fühlte sich als Zuschauer tatsächlich in diesem Gebäude gefangen. Die Action entstand organisch aus der Bedrohung und war Teil eines permanenten Überlebenskampfes.
Bei The Furious ist diese Verbindung zwischen Schauplatz, Atmosphäre und körperlicher Bedrohung wesentlich schwächer. Die unterschiedlichen Settings dienen häufig nur als blosse Austragungsorte für die nächste Choreografie. Ihnen fehlt jene räumliche Geschlossenheit, die einen Schauplatz zu einer eigenständigen Welt macht. Während bei The Raid die Action aus der Bedrohung erwächst, scheint hier die Handlung primär dazu da zu sein, die nächste Actionsequenz zu ermöglichen. Ein entscheidender Unterschied, der interessanterweise auch in der britischen Presse angemerkt wurde: Tanigakis Film erreicht schlicht nicht die architektonische Qualität eines Gareth Evans.
Action-Bloodlines – Die Gene des modernen Klopperkinos
The Furious steht natürlich nicht im luftleeren Raum. Seine filmischen Wurzeln reichen weit zurück: Das klassische Hongkong-Actionkino, die akrobatische Körperbeherrschung von Jackie Chan und Jet Li sowie die kompromisslose Gewalt indonesischer Martial-Arts-Filme treffen hier auf westliche Rachefilm-Dramaturgie. Besonders naheliegend sind Vergleiche mit Taken (2008) und The Man from Nowhere (2010) – beide erzählen von Männern, die für die Rettung eines geliebten Menschen kriminelle Organisationen zerschlagen. Auch Ong-Bak (2003) gehört zu den wichtigen Bezugspunkten dieser Tradition.
Regisseur Kenji Tanigaki bringt reichlich Erfahrung aus seiner Arbeit mit Donnie Yen und der Rurouni Kenshin-Reihe mit. Dass er für The Furious zudem Kensuke Sonomura als Actionregisseur an Bord holte, erklärt die enorme technische Präzision der Kämpfe. Bemerkenswert ist auch das internationale Ensemble: Xie Miao repräsentiert die chinesische Kampfkunsttradition, Joe Taslim und Yayan Ruhian bringen indonesische Härte ein, während JeeJa Yanin das thailändische Martial-Arts-Kino vertritt. Es ist eine faszinierende Zusammenkunft unterschiedlicher Schulen. Doch für mich entsteht aus dieser Ansammlung von Talenten nicht automatisch ein eigenständiges Werk – viele grosse Namen ergeben hier leider noch keine grosse filmische Persönlichkeit.
Yayan Ruhian – Endlich kommt der Dreck!
Und dann passiert etwas, das The Furious tatsächlich noch einmal erheblich aufwertet: Yayan Ruhian bekommt im Schlussabschnitt endlich Gelegenheit, seine ganze unheimliche Präsenz auszuspielen. Wer ihn als Mad Dog aus The Raid kennt, weiss, welche animalische Energie dieser Mann entwickeln kann. Ruhian besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst inmitten spektakulärer Choreografien vollkommen unberechenbar zu wirken. Seine Figuren scheinen eine geradezu persönliche Freude daran zu entwickeln, anderen das Leben zur Hölle zu machen – und genau diese hinterfotzige Verschlagenheit hat mir zuvor gefehlt.
Erst mit seinem Auftritt bekommt der Film jene schmutzige Energie, die ihm über weite Strecken abging. Mit Pfeil und Bogen und einer beinahe animalischen Präsenz verwandelt er das Finale in einen dreckigen Moloch aus Gewalt und körperlicher Bedrohung. Plötzlich wirken die Kämpfe nicht mehr wie perfekt einstudierte Vorführungen, sondern wie gefährliche Auseinandersetzungen mit ungewissem Ausgang. Ruhian besitzt eine unverwechselbare Aura, die keine noch so aufwendige Choreografie ersetzen kann. Ausgerechnet in diesem dreckigen Finale fühle ich mich als Zuschauer plötzlich wieder zu Hause – was für ein schöner Widerspruch. Ruhian gelingt in wenigen Minuten, woran der Film zuvor scheitert: Er verleiht der Gewalt eine eigene, bedrohliche Persönlichkeit.
Das Finale – Wenn aus Klopperei grosses Unterhaltungskino wird
Fairerweise muss man allerdings festhalten, dass The Furious im Finale nicht allein von Yayan Ruhians Charisma profitiert. Auch die Kampfinszenierung selbst erreicht nun eine andere Qualität. Die Choreografien werden länger, aufwendiger und entwickeln eine beinahe tänzerische Dynamik. Mehrere Kämpfer treffen aufeinander, wechseln die Gegner und bewegen sich in einer komplizierten Abfolge aus Angriffen, Gegenangriffen und akrobatischen Einlagen. Dabei bleibt das Geschehen dank der Klasse der Actionchoreografen erstaunlich übersichtlich – das ist grosses Martial-Arts-Körperkino.
Gleichzeitig wird der Härtegrad deutlich angezogen. Messer, Hämmer und andere improvisierte Waffen sorgen dafür, dass die Gewalt endlich körperlich drastischer und schmutziger erscheint. Die Verbindung zwischen Choreografie und Bedrohung funktioniert plötzlich wesentlich besser. Obwohl diese ausgedehnten Einlagen weiterhin bis ins kleinste Detail durchkomponiert sind, stört die Perfektion hier nicht mehr. Die Atmosphäre stimmt, die Figuren entwickeln mehr Persönlichkeit und die Gewalt ist keine reine technische Demonstration mehr. The Furious benötigt beinahe seine gesamte Laufzeit, um endlich den Dreck unter den Fingernägeln hervorzuholen. Das Finale wertet das Gesamtwerk erheblich auf – auch wenn man nicht vergessen sollte, dass der Weg dorthin deutlich weniger aufregend ausgefallen ist.
Viel Können, wenig Neues
The Furious ist zweifellos ein technisch versierter Martial-Arts-Film, der besonders Gelegenheitszuschauern und Actionfreunden einiges zu bieten hat. Die Darsteller beherrschen ihr Handwerk, die Choreografien sind aufwendig, und Kenji Tanigaki versteht es, körperliche Bewegung mit beeindruckender Präzision in Szene zu setzen. Doch wer The Raid und dessen Fortsetzung kennt, wird hier kaum neue Impulse entdecken. Die Geschichte bewegt sich auf ausgetretenen Pfaden aus Kinderhandel, Rache und korrupten Polizisten – ein vertrautes dramaturgische Gerüst, das mit reichlich Melodramatik aufgefüllt wird. Die Atmosphäre erscheint mir über weite Strecken zu konstruiert, die Bildästhetik zu glatt und die Kämpfe trotz ihrer technischen Qualität erstaunlich austauschbar. Es wird viel gekloppt, aber nicht immer viel erreicht.
Erst im Finale zeigt der Film, welches Potenzial tatsächlich in ihm steckt. Die ausgedehnten Kampfchoreografien entwickeln nun eine beeindruckende Dynamik, der Härtegrad steigt, und Yayan Ruhian bringt mit seiner unverwechselbaren Aura endlich jene schmutzige, unberechenbare Energie ins Geschehen, die zuvor gefehlt hat. Das macht Spass, sieht hervorragende aus und ist durchaus ein würdiger Abschluss für einen Film, der seine eigentliche Stärke viel zu lange zurückhält. Trotzdem reicht mir dieser Schlussakt nicht, um The Furious in die oberste Liga des modernen Martial-Arts-Kinos einzuordnen. Dafür fehlt dem Werk über weite Strecken eine eigene Handschrift. Es bleibt ein solider, handwerklich beeindruckender Actionfilm mit einem starken Showdown, der sich allerdings zu sehr auf die bekannten Mechanismen seines Genres verlässt, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Für eingefleischte Martial-Arts-Fans mag das bereits ein kleines Fest sein – für mich bleibt es ordentliche Genreunterhaltung mit einem sehenswerten Finale. Und der Erkenntnis, dass selbst die beste Kampfchoreografie manchmal einen kleinen, hinterfotzigen Indonesier benötigt, um endlich richtig gefährlich zu werden.
Kathedrale666 Fazit
The Furious liefert handwerklich spektakuläre Non-Stop-Action auf technisch allerhöchstem Niveau, krankt jedoch über weite Strecken an einer Story von der Stange, einer zu glattgebügelten Optik und einem permanenten Déjà-vu-Gefühl. Trotz des beeindruckenden All-Star-Ensembles (Xie Miao, Joe Taslim, JeeJa Yanin) bleiben die Schauplätze im Vergleich zu The Raid lange Zeit blosse Kulissen und die extrem sauberen Kämpfe wirken eher wie eine klinische Hochleistungs-Vorführung.
Das grosse, rettende Highlight ist jedoch das furiose Finale: Hier zieht der Film den Härtegrad mit improvisierten Waffen drastisch an, reisst die Übersicht dank brillanter Gruppen-Choreografien niemals ab und holt endlich den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Allen voran Yayan Ruhian bringt im Schlussakt jene unberechenbare, animalische und hinterfotzige Energie ein, die dem Film zuvor so schmerzhaft gefehlt hat. Er und das Team erinnern uns im letzten Drittel daran, warum wir dieses Genre lieben: Nicht wegen steriler Perfektion, sondern wegen des herrlichen Wahnsinns auf der Leinwand. Insgesamt solide Genre-Kost, die das Rad des Actionkinos nicht neu erfindet, aber dank eines spektakulären Endspurts das Ruder noch rechtzeitig herumreisst.

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